Norddeutschland, Schietwetter
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Morgens an der Elbe

Er kam direkt zu mir. Unmerklich drang er durch Jacke, Shirt und Hose, legte sich kalt und feucht auf meine Haut. Klitschnass kleben die Haare am Kopf, ohne dass ich

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schon einen Schritt gelaufen bin. Nebel. Richtig dicker Nebel von bester Londoner Qualität. Die Straßenlaternen sind machtlos, können das wattige Weiß nicht durchbrechen. Ein einsames Auto quält sich geräuschlos durch den frühen Morgen. Der Nebel frisst nicht nur die Dinge, sondern auch alle Geräusche.

1401201101414012011018Meine tägliche Laufstrecke führt an der Elbe entlang, seit Jahren schon. Jeden Stein, Strauch, ja fast jedes Sandkorn kenne ich mit Namen, die Blicke sind vertraut. Blind hätte ich die Runde rennen können. Dachte ich bis heute. Heute ist alles anders. Nichts ist so, wie es war und scheint. Oder doch? Klischeehaft spult mein Kopfkino grauenhafte Szenen von „The Fog – Nebel des Grauens“ ab.

Kein Vogel fliegt auf oder begrüßt zwitschernd den Morgen, nur ein Schiff nährt sich von hinten. Sein Bug durchschneidet das seltsam fahle Wasser. Nicht einmal die Wellen schwappen ans Ufer, klatschen nicht wie sonst auf den nassen Sand, sondern rollen stumm aus.

Wenn jetzt jemand kommt, hört mich keiner. Plötzlich tauchen Fußspuren im Sand auf. Sehen frisch aus. Aber niemand ist zu sehen. Nur das Schiff gleitet neben mir im Strom. Wie ein Geisterschiff. Kein Name, keine Lichter, keine Flagge – keine Identität. Dann ist es verschwunden, vom Nebel verschluckt.

Für einen Moment taucht der Leuchtturm auf. Freude. Nur kurz, schon einen Schritt später ist er wieder weg. Eine Fata Morgana? Die weiße Wand ist wieder dicht. Kahle Äste strecken sich mir entgegen, klammern sich an die Jacke, wollen mich festhalten. Aber sie schaffen es nicht. Ich renne ihnen davon, schnell nach Hause. Mein Herz klopft. Aber eigentlich war alles wie immer.

Meine mystische Audioslideshow:

http://silke-haas.de/soundslides/elbe/

Kategorie: Norddeutschland, Schietwetter

von

Schon als Kind wollte ich nur eins: Raus in die Welt, Abenteuer erleben. Fernweh und Abenteuerlust stacheln mich noch immer an. Ob alleine, mit meinem Reisekind und meinen Hunden, reise ich am liebsten abseits der ausgetretenen Pfade und ich halte es wie Susan Sontag: "Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste."

2 Kommentare

  1. Ute sagt

    Es ist authentisch beschrieben, spannend.Ein Krimi ist nicht mehr nötig, da die Phantasie angeregt ist.

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