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Magische Anziehungskräfte auf Pellworm

schafe-quadratDSC_5474 Pellworm liegt mitten im Watt. Wer glaubt, dass sich auf der drittgrößten nordfriesische Insel nur Schafe Gute Nacht sagen, der irrt. Aber Schickimicki, Sansibars oder sündhaft teure Läden à la Sylt gibt es hier nicht. Dafür Geister, die bestimmte Seelen magisch anziehen wie die Weltumsegler aus Neuseeland oder eine Familie aus Hamburg. Ich habe es wieder nach Hamburg geschafft, so gerade eben.

Nun zieht es mich mal wieder an, besser auf die Nordsee. Obwohl ich eigentlich ein kälteempfindliches Gewächs aus Baden bin, „von der Sonne verwöhnt“, lautet ein Werbespruch, zieht mich das Meer immer wieder magisch an.

Warum gerade Pellworm? Warum nicht! Was die nordfriesischen Inseln angeht, bin ich ziemlich unbeleckt und mit Sylt muss ich nicht anfangen, also Pellworm, die Unbekannte. Von Nordstrand geht die Fähre und es ist kalt. Trotzdem sitze ich draußen und sauge den Mix aus Salzluft, Meer und Diesel ein. So riecht der Beginn eines Abenteuers.

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Pellworm im Nebel. An der Nordsee ist Nebel nicht selten. Aber warum muss es immer mich erwischen?

Pellworm liegt mitten im Watt und es wohnen wohl mehr Schafe als Menschen auf der Insel. Keine Kunst bei noch nicht einmal 1200 Einwohnern. Aber das Eiland muss etwas haben, denn auf der Überfahrt lerne ich ein Paar kennen, das mit Kleinkind nach Pellworm auswandern will. Hamburg sei zu teuer, zu laut, zu dreckig und zu gefährlich. Das Kind soll in der Natur aufwachsen. Mal sehen.

Inzwischen ist Nebel aufgezogen, eine einzige grau-milchig-weiße Pampe. Das Schiff saust durch die Fahrrine, links und rechts der Tonnen und Pricken lauert das Watt. Feine Wasserperlen setzen sich auf Mütze, Jacke und Hose und es wird richtig ungemütlich und kalt. Auch dumpfe Glockenschläge sind aus den Tiefen der Nordsee nicht zu hören, Hilfeschreie der Ertrunkenen von Rungholt, jener sagenumwobenen Stadt, die 1362 von einer Sturmflut versenkt wurde. Beim besten Willen, ich höre nichts außer dem beständigen Wummern der Motoren. Steif gefrorene Finger und Zehen betteln um Wärme.

Wenn Engel reisen ....

Wenn Engel reisen ….

Pellworm ist handfest, friesisch herb und ehrlich. Die Insel, die Menschen und das Wetter. Schickimicki, Stars und Sternchen sucht man hier vergeblich. Ganz mein Geschmack. Irgendwie fühle ich mich sofort wohl und denke an die Auswanderwilligen von der Fähre. Vielleicht haben sie doch recht.

Als erstes besuche ich den Leuchtturm und den knorrigen Hochzeits-Kapitän Wilfried Eberhard, doch das ist eine eigene Geschichte.

Nur ein paar Meter vom Leuchtturm entfernt liegt das Friesenhaus. Von außen ist der biedere, reetgedeckte, rote Klinkerbau wenig spektakulär, aber innen ist es heimelig im besten Wortsinne. Mit Inhabern Ute Lycke und Grant Smith stimmt die Chemie auf Anhieb, wir schwimmen auf einer Wellenlänge. Ich mag die beiden spannenden Menschen sofort. Solche Momente sind selten.

Ute Lycke und Grant Smith sind ein Powerpaar: herzlich und mit einem Hauch von weiter Welt

Ute Lycke und Grant Smith sind ein Powerpaar: herzlich und mit einem Hauch von weiter Welt

Ute ist eine handfeste und waschechte Norddeutsche, die es in die weite Welt gezogen hat: Schweden, Korea und schließlich Neuseeland, wo sie Grant kennen gelernt hat. Beide führten erfolgreich eine Lodge, bis der Lockruf der Meere sie ereilte. Der Albtraum jeden Seglers, denn kaum einer kann ihm widerstehen und wenn doch, dann mit gebrochenem Herzen. Ich spreche aus Erfahrung. Grant und Ute waren mutiger, fassten sich ein Herz, verkauften ihren Krempel in Neuseeland und segelten los. Einfach so. Welt ahoi! Südsee, Thailand, Karibik – eine Weltreise auf eigenem Kiel. Wow.

Wer sein Rad liebt, der schiebt. Bei starkem Gegenwind bleibt oft nichts anderes übrig.

Wer sein Rad liebt, der schiebt. Bei starkem Gegenwind bleibt oft nichts anderes übrig.

Doch manche Träume enden jäh. Aus familiären Gründen mussten die Weltenbummler ihre Reise unterbrechen und nach Norddeutschland fliegen. Und dann angekommen, überkam Ute der Wusch nach etwas Eigenem, einer kleinen Eigentumswohnung oder so. Im Leben kommt immer alles anders als man denkt, in ihrem Fall der Makler mit einem Exposé über einen Hof auf Pellworm. Ausgerechnet Pellworm. Seit einem Vierteljahrhundert hatte die Seglerin Deutschland nicht mehr besucht. Pellworm kannte sie gar nicht und doch hat die resolute Frau 2004 den leerstehenden, heruntergewirtschafteten Hof gekauft. Bauchgefühl? Vorhersehung? Schicksal?

Die Weltreise wurde verschoben, stattdessen angepackt, renoviert, geschuftet und geflucht. Aber am Ende ist das Haus ein echtes Schmuckstück geworden, ein besonderer Ort mitten im Watt. „Die Insel hat etwas, gute Geister vielleicht“, sagt Ute Lycke, die mit Übersinnlichem sonst nichts am Hut hat. Ja, da mag was dran sein.

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Schafsgeflüster hört man auf Pellworm häufig. Die wolligen Viecher sind nicht nur niedlich, sondern auch nützlich: Sie halten das Gras auf dem Deich kurz. Gut schmecken sie obendrein.

Zum Essen im Restaurant Friesenhaus reicht die Zeit noch. Es gibt super leckeres Deichlamm und Nordseescholle. Ich fühle mich pudelwohl und wie alte Freunde quatschen wir übers Segeln, Wein und die Welt. Der Blick geht immer öfter zur Uhr, die Fähre nach Nordstrand wartet nicht. Ein Tag war definitiv zu kurz. Ich komme wieder. Bald. Hoffentlich.

www.hotel-friesenhaus-pellworm.de

www.pellworm.de

Text und Fotos: Silke Haas

Kategorie: Reisen

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Schon als Kind wollte ich nur eins: Raus in die Welt, Abenteuer erleben. Fernweh und Abenteuerlust stacheln mich noch immer an. Ob alleine, mit meinem Reisekind und meinen Hunden, reise ich am liebsten abseits der ausgetretenen Pfade und ich halte es wie Susan Sontag: "Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste."

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