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Mit dem Rad durch Tokio

Raeder_in_Reihe

Fisch_quadrat_DSC_1523Jetzt kann man auch bei uns wieder wunderbar radfahren. Ein Erlebnis der besonderen Art ist eine Radtour durch Tokio. Die meisten erklärten mich für lebensmüde und total verrückt! Alles Vorurteile, Radfahren in Japans Hauptstadt ist erstaunlich entspannt und lecker. Die Tour kommt am Tsukiji, dem weltgrößten Fischmarkt, vorbei. Der Nachteil, danach esse ich kein Standard-Sushi mehr.

Radguide Yukiko

Die resolute Yukiko lotst Radfahrer durch Tokio. Bilder, die man so in der Millionenmetropole nicht erwartet hätte.

Mehr Mensch geht nicht. Geht doch. Weiße Handschuhe schieben noch mehr Menschen in die U-Bahn. Auf Japanisch plärrt eine Ansage, die Türen schließen. Schilder mahnen, die Arme an den Körper zu pressen. Morgens in Tokio. Über zwölf Millionen Menschen leben in der japanischen Metropole, der Mensch wird zur Masse.

Himmelblau, sonnengelb und apfelgrün: Zehn Fahrräder stehen mitten auf dem Platz.

Deutsche radeln durch eine Tokioter Straße

Radeln in Tokio ist entspannter als gedacht, was aber auch and er Mentalität der Asiaten liegt: Lächeln statt hupen.

Um sie herum wuselt Yukiko Koezuka in ihrer knallroten Softshelljacke und einer riesigen Umhängetasche. „Die Großen für die Großen und die Kleinen für die Kleinen“, rasch, resolut und routiniert teilt sie die Räder zu, verteilt Rennhandschuhe und hilft beim Anpassen der Helme. „Immer hinter mir her und links fahren!“, mahnt sie und schon geht es los. Eine Radtour durch Tokio.

Ein junges Mädchen in einer Art rosa-aufgerüschten Schuluniform

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Maids schon. Aber die Männer mögen die puppig-aufgerüschten Geschöpfe.

Durch Häuserschluchten, vorbei an blinkenden Neonreklamen, blaffenden Riesenfernsehern und puppig geschminkten Mädchen in rosa Miniröckchen, die lautstark Flyer verteilen. „Willkommen mein Gebieter!“ Sie werben für ein Maid-Café. Etwas typisch Japanisches: Cafés, in denen als Dienstmädchen kostümierte Kellnerinnen ihre Kunden besonders nett bedienen.

Nur nicht zu lange gucken, sonst ist die Gruppe weg. Die Straßen sind erstaunlich leer. Kein Hupen, Fluchen oder Geschrei. Auch nicht von einem Taxifahrer, der anhalten musste, weil wir nebeneinander und verkehrt herum durch eine Einbahnstraße fahren. Er starrt uns behelmten Langnasen an, lächelt und verbeugt sich mehrmals, bis alle vorbei sind.

Die Straße wird breit und grün: der Kaiserpalast, der erste Stopp. Die Räder lehnen wir

Menschenleere Straßen vor dem Kaiserpalast

Blick vom Kaiserpalast, dem Platz davor, auf die Skyline von Tokio.

an einen Zaun. Absperren muss man hier nicht. Yukiko kramt ein großes Ringbuch aus ihrer Tasche: die Kaiserfamilie. Sie zeigt nur Bilder von Männern. Frauen zählen nicht, in Japan können nur Männer Kaiser werden.

Fotos von Nudeln mit verschiedenen Beilagen machen die Runde. Wir sollen unser Mittagessen wählen. Hühnchen, Rind oder Fisch. Yukiko telefoniert mit dem Restaurant. Wir radeln weiter. Kaum ein Mensch auf der Straße. Schwer zu glauben, in der am dichtesten bewohnten Metropole der Welt zu sein. Aber eigentlich kein Wunder, tummeln sich die Japaner doch alle in der U-Bahn oder in den Bürotürmen.

Wir folgen Yukiko durch verwinkelte Gassen, gesäumt von akkurat geschnittenen Hecken. Wir passieren eine alte, sanft geschwungene, rote Holzbrücke. Das Ende der glitzernden Glaspaläste. Die Häuser sind aus Holz und winzig, Blumen blühen vor den Fenstern. Wäsche flattert in der Sonne.

Bunt blinkende Werbetafeln in Tokio

Bunt blinkende Werbetafeln in Tokio. Ich hatte mir eine Radtour anstrengender vorgestellt.

Das Inselchen Tsukuda bietet japanische Idylle aus der Edo-Zeit. Es ist einer der wenigen Flecken, den die amerikanischen Bomben nicht zerstört haben.  Shogun Tokugawa Ieyasu siedelte hier zu Beginn des 17. Jahrhunderts 33 Fischerfamilien an, um die damalige Hauptstadt Edo mit Fisch zu versorgen.

Fisch gibt es hier noch immer: süß-salzige Sprotten, die in Sojasauce, Zucker und Reiswein gekocht werden, um sie haltbar zu machen. Tsukadani heißt dieses Verfahren, das von den Fischern aus der Edo-Zeit stammt. Aus den Tiefen ihrer Tasche zaubert Yukiko eine Plastikbox hervor: Tsukadani. „Probieren Sie, bitte.“ „Domo arigato. Vielen Dank.“

Schnell sind wir wieder im Tokio der Jetzt-Zeit und sausen zum nächsten Stopp, dem

Ein Fischhändler schneidet Thunfisch.

Sushi und Sashimi der Luxusklasse. Auf dem Fischmarkt war es eigentlich am stressigsten. Händler fuhren ohne Rücksicht auf ihren Wägelchen mit einem Affenzahn durch die Gänge.

Tsukiji-Fischmarkt. Längst reichen 33 Fischer nicht mehr aus, um Tokio mit Fisch zu versorgen. Der Tsukiji-Fischmarkt gilt als der größte der Welt. Ein Labyrinth aus 1700 Ständen, wo man alles kaufen kann, das aus dem Wasser kommt. Ohrenbetäubender Lärm und undurchsichtiges Gewusel, obwohl die Fischauktion schon lange vorbei ist. Elektrokarren flitzen lautlos durch die Gänge. Händler preisen ihre Reste an. Überall liegen blutige Thunfischköpfe und glotzen einen anklagend an. Der Thunfisch ist vom Aussterben bedroht. Er profitiert von der Wirtschaftskrise, kaufen doch weniger Händler die wertvolle Delikatesse.

Yukiko schnattert mit einem Verkäufer. Der nickt, nimmt ein fast zwei Meter langes

Zwei Männer filetieren einen Fisch.

Frischer geht’s nicht. Thunfisch direkt auf die Hand – lecker!

Messer und filetiert einen Thun. Das Messer teilt das rote Fleisch wie Butter. Plötzlich hat jeder Stäbchen und darf kosten: Sashimi de Lux: Vollmundig, weich und würzig. Und wir sind für immer verdorben für die heimischen Sushibuden.

Gestärkt machen wir uns auf die nächste Etappe. Ziel ist die künstliche Insel Odaiba, Tokios jüngstem Stadtteil, der sich dem Vergnügen verschrieben hat. Hier steht Asiens größtes Riesenrad, es gibt gigantische Shoppingcenter und laute Spielhöllen. Aber auch Tokios einzigen Strand. „Ein romantischer Ort für Liebespaare. Nur, wenn 100.000 Verliebte dieselbe Idee haben, ist es mit stillem Strandkuscheln auch vorbei“, lacht Yukiko.

Ein Baum vor einem Sandstrand und im Hintergrund die Rainbowbridge.

Tokios einziger Strand auf der Insel Odaiba. Im Hintergrund die Rainbowbridge.

Sie hat inzwischen unsere Lunchboxen organisiert und breitet eine Decke aus. Der Blick auf Tokio ist atemberaubend. Auch wenn die Skyline wenig markant ist, die Wolkenkratzer alle gleich aussehen. Hübsch ist Rainbowbridge, die Odaiba mit dem Zentrum verbindet. Sieht sie nicht aus wie die Brooklin Bridge in New York? In Tokio stößt man oft auf westliche Kopien. Auch eine Freiheitsstatue begrüßt die Schiffe, die in den Haufen laufen. Allerdings ist sie nur halb so groß wie das amerikanische Original.

Wir nehmen die Fähre zurück ins Zentrum. Yukiko zeigt auf die alten Kanonen-Batterien, ein untauglicher Versuch Tokios die Kanonenboote General Perrys abzuwehren. Gegen die amerikanischen Feuerwaffen kamen die Japaner nicht an. Die über 200 Jahre dauernde Isolation wurde aufgehoben und Japan öffnete sich dem Westen.

Hinter einem Tempel steht ein rot weiß gestreifter Turm, der dem Eiffelturm nachempfunden ist.

Vorbild für den Tokio Tower war der Eiffelturm. Der TT ist nur 13 Meter höher.

Wieder auf dem Festland sehen wir einen alten Bekannten: den Eiffelturm, seine Kopie heißt hier Tokio Tower und ist 13 Meter höher ist als sein Pariser Vorbild, wie Yukiko gleich erzählt. Wenige Schritte entfernt liegt der Zojo-Tempel, der Familientempel der legendären Shogunfamilie Tokugawa.

Kleine Steinfiguren tragen pinkfarbene Wollmützchen, viele sind mit bunten Blumen oder Windrädern geschmückt. Sie stehen in Reih und Glied und haben die Augen geschlossen. Es sind Jizo. Sie wachen über die Seelen verstorbener Kinder. Jede Steinpuppe steht für ein totes Kind.

Letzter Stopp ist der Meiji-Schrein. Der Schrein ist eine Reproduktion. Das Original wurde 1945 zerbombt und als Kopie wieder aufgebaut. In Bäumen und auf Gestellen hängen unzählige Holztäfelchen, auf denen Wünsche stehen. Auch auf Deutsch: „Ich will bald wiederkommen.“

Informationen

Eine Tour ist knapp 30 Kilometer lang, dauert ungefähr sechs Stunden und kostet (inklusive Lunch) knapp 80 €.

Tokyo Great Cycling Tour, 3-4-3 Shinbashi, Minato-ku, Tokyo 105-0004; www.tokyocycling.jp ). Tel +81-3-4590-2995.

Wissenswertes über Japan gibt es auf der Webseite des japanischen Fremdenverkehrsbüros www.jnto.de.

Die Flugverbindung nach Tokio ist sehr gut. Die japanische Fluggesellschaft ANA fliegt z.B. täglich von Frankfurt nach Tokio. Ein Returnticket kostet knapp 700 €.

Kategorie: Reisen

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Schon als Kind wollte ich nur eins: Raus in die Welt, Abenteuer erleben. Fernweh und Abenteuerlust stacheln mich noch immer an. Ob alleine, mit meinem Reisekind und meinen Hunden, reise ich am liebsten abseits der ausgetretenen Pfade und ich halte es wie Susan Sontag: "Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste."

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