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Über den Dächern Stockholms

Takvandring_t Letzte Woche habe ich eine ganz besondere  Stadtbesichtigung in Stockholm gemacht – eine Wanderung über den Dächern der Stadt. Die Aussicht war einfach grandios, und Guide Mario wusste in schwindelnder Höhe viel Neues über Schwedens Hauptstadt zwischen Ostsee und Mälaren zu erzählen.

Das Wetter hätte besser nicht sein können, als wir uns am späten Nachmittag auf Riddarholmen treffen, um zusammen aufs Dach zu klettern: Strahlende Sonne, 26 Grad, ein bisschen kühlender Wind. Pünktlich um 17.30 holt Guide Mario uns zehn Dachwanderer an der Statue am Birger Jarls Torg ab. „Hat keiner von euch Höhenangst? Wisst ihr alle, was wir in der nächsten Stunde machen?“, fragt er vorsorglich. Ja, alles klar. Alle freuen sich. Los geht`s aufs Dach!

Doch zuerst kommt die Sicherheit. Keine „Takvandring“ beginnt ohne: Auf dem Dachboden des alten Parlamentsgebäudes, in dem heute das Gericht tagt und in das wir durch eine Sicherheitsschleuse gelangt sind, bekommt jeder von uns einen Sicherheitsgurt umgeschnallt und einen Helm auf den Kopf.

Vorbereitung: Nicht ohne Gurt und Helm!

Vorbereitung: Nicht ohne Gurt und Helm!

Und dann geht es durch eine enge Dachluke endlich raus aufs Dach. Whow, ganz schön hoch! 43 Meter, sagt Mario, aber das kann eigentlich nicht sein. Eher 25, schätze ich. Hoch ist es aber allemal. Mario und Co-Guide Valentina schließen jeden Dachwanderer, der aus der Luke kriecht, sofort an ein Sicherungsseil an, das neben den metallenen Stegen am Fußboden entlang läuft.

Die kundigen Guides

Die kundigen Guides

Gut gesichert

Gut gesichert

Und dann geht es los. Mario vorneweg, Valentina ganz hinten. Dazwischen die Dachwanderer. Anfangs gibt es noch einen Handlauf neben dem Steg, später gehen wir freihändig. Das heißt, nicht ganz – in der einen Hand halten wir immer die Sicherungsleine mit Karabiner, die, ein stimmiges Bild, „Hund“ genannt wird und ab und zu über enge Führungsstege auch mit dem Fuß geschubst werden muss. Das leise Schurren und Klackern der Sicherungsleine begleitet uns die ganze Tour über.

Dachwanderer on Tour

Dachwanderer on Tour

Nach den ersten zaghaften Schritten werden wir mutiger und heben den Blick immer länger vom Fußboden. Und der Mut wird belohnt. Stockholm ist aber auch sooo wunderschön in der Nachmittagssonne von hier oben! Mittendrin sind wir, die Insel Riddarholmen liegt nämlich gleich neben Gamla Stan (deren Hauptstraße zu dieser Jahreszeit allerdings die ultimative Touristenfalle ist) mit dem königlichen Schloss und der Deutschen Kirche. Vorn sieht man Slussen, die Schleuse, die die immerhin 70 Zentimeter Höhenunterschied zwischen der salzigen Ostsee auf der einen Seite und dem Süßwassersee Mälaren auf der anderen reguliert. Vor uns liegt Södermalm, hinter uns das rote Backsteingebäude des Parlaments mit dem markanten roten Turm. Nochmal whow, was für ein Panorama! Kein Wunder, dass Astrid Lindgren hier so skurrile Gestalten wie Karlsson vom Dach eingefallen sind. Auf diesen Dächern möchte man aber auch wirklich mal in einem kleinen Häuschen wohnen und schon beim Morgenkaffee die Aussicht genießen…

Takvandring13Takvandring6Takvandring12Freihändig übers Dach

Freihändig übers Dach

Mario erzählt kundig und locker, etwa, wie die Altstadt Gamla Stan, die von hier oben wie aus roten, grünen und gelben Häuschen zusammengewürfelt aussieht, ab dem 13. Jahrhundert mit Hilfe Lübecker Händler und Baumeister entstand. Wie das Schloss 1697 abbrannte und danach auf Wunsch des Königs besonders schlicht und kastig wiederaufgebaut wurden. Und dass die Riddarholmkirche gleich auf der anderen Seite unseres Gebäudes deshalb seine markant schwarze Spitze aus Gußeisen hat, um aller Welt (ganz Stockholm zumindest) zu zeigen, dass sie eigentlich ein gigantisches Mausoleum ist. Alle anderen Kirchen der Stadt haben grüne Metallspitzen. Ein schneller Blick rundum: stimmt. In der Riddarholmskirche wurden nämlich über Jahrhunderte die Herrscher Schwedens beigesetzt, jede Familie in einer eigenen Sektion der Kirche.

Wir gehen weiter. Einmal muss eine enge Stiege hinab geklettert werden. Die Handläufe haben schon lange aufgehört. Ein Stück mit Blick in den Innenhof des alten Gebäudes entlang dürfen wir nur einzeln gehen, Valentina weist an, wann als nächstes darf. „Wenn ihr hier abrutscht, könntet ihr unangenehm über der Kante hängen“, erzählt Mario – aber zum Glück erst, als alle die Strecke geschafft habe. Hier üben die Guides regelmäßig miteinander, Menschen wieder hochzuziehen. „Ist das denn schonmal passiert?“, fragt eine junge Frau mit etwas ängstlichem Blick. „Nein, noch nie“, schmunzelt Mario. „Aber wir über trotzdem lieber“. Gut so. Man weiß ja nie.

Spannend ist auch, ganz aktuelle Entwicklungen von oben zu sehen: Im Mälaren links unter uns klafft ein riesiges, mit Beton ausgekleidetes Loch. Hier entsteht gerade die neue Citybahn in einem 30 Meter tiefen Tunnel. Stück für Stück werden hier die Tunnelabschnitte versenkt. Ab 2017 sollen dann die zusätzliche Gleise das innerstädtische Zugnetz entlasten und die derzeitigen ständigen Verspätungen der Bahnen beenden.

Baustelle im See

Baustelle im See

Takvandring15Upplev mer, mehr erleben, heißt die Agentur, die die Dachwanderungen in Stockholm (und in der kleineren Stadt Sundsvall) anbietet. 595 Kronen pro Teilnehmer (knapp 70 Euro) für eine gute Stunde urbanes Abenteuer sind zugegebenermaßen nicht wenig – aber es lohnt sich unbedingt. Im Gegensatz zu vielen anderen konventionellen Stadtführungen bleibt mir diese Tour in luftiger Höhe jedenfalls bestimmt noch ganz lange im Gedächtnis.Takvandring2

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