Familie, Reisen
Kommentare 6

Tief unten im Harz

Harz1


 Jetzt, wo es so richtig schön November-dunkel und nass-schmuddelig wird, kann man ja eigentlich auch gleich unter Tage was erleben gehen… im Harz zum Beispiel, mit seinen echt beeindruckenden Höhlen, düsteren Gängen und hunderten Jahre Bergwerksgeschichte. Auf jeden Fall einen Besuch wert ist das Goslarer Bergwerk Rammelsberg.

Das Entdecker-Pferd

Der Entdecker

Ein Hoch auf die Neugierde! Hätte das Pferd von Ritter Ramm hier nicht vor tausend Jahren im Boden gescharrt und dabei etwas Glitzerndes freigelegt, gäbe es das Bergwerk Rammelsberg nicht – so zumindest die Sage. Heute können Besucher im Weltkulturerbe bei Goslar jedenfalls ganze 800 Jahre Bergbaugeschichte erleben.

Das Bergwerk am Hang

Das Bergwerk am Hang

Das Tor zur Unterwelt

Das Tor zur Unterwelt

 

Ein paar Meter die Straße hinauf geht es durch ein unscheinbares, schmiedeeisernes Tor zu ebener Erde hinein in den Roeder-Stollen, gelb behelmt die Großen, rot die Kinder vorneweg. Kaum fällt die Außentür ins Schloss, ist die Kühle des Berges präsent, „immer so rund zehn Grad“, erzählt unser Guide. Harz2

Moderiger Geruch schlägt uns entgegen, der Boden ist rutschig und schlammig, Wasser plätschert. An den Wänden leuchten knallblaue Kupfer-Auswaschungen.

Kupfervitrol

Kupfervitrol

Bergvogt Roeder erfand hier im Berg Anfang des 19. Jahrhunderts ein ausgeklügeltes vorindustrielles Antriebssystem aus vier hölzernen Wasserrädern, jedes an die zehn Meter hoch, das den abgebauten Stein zu heben half – damals eine geniale Ingenieursleistung und eine riesige Erleichterung unter Tage, erfahren wir.

Die Wasserräder im Roeder-Stollen

Die Wasserräder im Roeder-Stollen

Dennoch – Bergbau war ein Knochenjob, Unglücksvögel erwischte gar ein herabfallender, „Sargdeckel“ genannter Steinbrocken. Alt wurde man früher aber auch sonst nicht unter Tage – Feuchtigkeit, Kälte und Lichtmangel setzten den Bergleuten stark zu.

Wir gehen immer tiefer in den Berg. Dann darf ein Kind die Öllampe ausblasen. Sofort umgibt undurchdringliches Dunkel die Gruppe, es ist in der Tat „still und finster wie im Grabe“, wie schon der dänische Dichter Hans Christian Andersen 1831 den Stollen nach einem Besuch beschrieb. Beklemmend ist es jedenfalls allemal und alle atmen auf, als die Lampe wieder leuchtet.

Später über Tage informieren mehrere Museen am Rammelsberg über den Bergbau, und in Haus K, der alten Kraftzentrale, steht eine von den Verhüllungs-Künstlern Christo und Jeanne-Claude verhüllte Lore – der erzgefüllte Wagen wurde nach der letzten Schicht am 30. Juni 1988 von den beiden verpackt und verschnürt. Die Leihgabe des Goslarer Mönchehaus-Museums für moderne Kunst ist eines der wenigen dauerhaft verhüllten Werke des Künstlerpaares.

Die letzte Lore, heute Kunst

Die letzte Lore, heute Kunst

Wer’s dann nach so viel Bergbau doch lieber etwas kuscheliger mag, kehrt am besten in ein Café in Goslars naher Fachwerk-Altstadt ein. Die gehört nämlich ebenfalls zum sehenswerten Weltkulturerbe. Und ganz bald gibt es auf dem schönen historischen Marktplatz ja auch wieder Glühwein…

Info Weltkulturerbebergwerk Rammelsberg: www.rammelsberg.de

Mehr unterirdische Erlebnisse Im Harz:

Rübelander Tropfsteinhöhle mit Baumannshöle und Hermannshöhle; u.a. Höhlenfestspiele und Heiraten in der Höhle, www.harzer-hoehlen.de

GeoPark Infozentrum Einhornhöhle, www.einhornhoehle.de

Sankt Andreasberg, Grube Samson

Iberger Tropfsteinhöhle, Kalkstein-Höhle in einem ehemaligen Korallenriff, www.hoehlen-erlebnis-zentrum.de

Bergbaumuseum Schachtanlage Knesebeck, 150 Jahre Erzbergbau-Geschichte im Harz in einer Grube, die erst 1992 stillgelegt wurde, www.knesebeckschacht.de

6 Kommentare

  1. Da ist doch irgendwo (mindestens) ein Haken an der Story vom Wasser-Hebewerk! 😯
    Die Fördertechnik auf Wasserbasis gab es dort schon seit dem Mittelalter. Falls Bergvogt Röder Anfang des 19. Jahrhunderts eine Erfindung gemacht hat, die das System perfektionierte, so war diese jedenfalls nicht vorindustriell.
    Verwirrte Grüße von Stefan

    • Hm, ich glaube doch… wenn auch knapp… die Räder standen ja schon ein paar Jahre, als es in Norddeutschland mit der Industriealisierung gegen Mitte des 19. Jahrhunderts richtig losging…

      • So gesehen stimmt die Timeline wohl gerade so…
        Ich hatte das eher in einem gesamteuropäischen Kontext gesehen und da passt es nicht, weil die Industriealisierung bereits im 18.Jahrhundert begann.
        Und weißt Du auch, was der Herr Röder genau erfunden hat? Wassergetriebene Kunst- und Kehrräder unter Tage gab es ja im Harzer Bergbau schon seit dem 16, Jahrhundert.

        • So wie ich das dort verstanden habe, war die Dimension der Räder und die ausgetüftelte unterirdische Wasserzu-und-ableitung, die auch Teil der seit kurzem ja auch Unesco-geschützten Oberharzer Wasserwirtschaft war, damals wohl einmalig (auch wenn natürlich schon vorher Wasser im Bergbau genutzt wurde) … aber weiter bin ich technisch leider nicht auf der Höhe. Vielleicht erhellt ja diese Seite die Technik: http://www2.pe.tu-clausthal.de/agbalck/rekonstruktion/ Schöne Grüße Anke

      • Mir kam das auch ein bisschen spanisch vor, und ich hab noch mal nachgeschlagen. Das Oberharzer Wasserregal, das die Unesco kürzlich auch als Weltkulturerbe eingestuft hat, geht auf mittelalterliche Anlagen der Zisterziensermönche zurück und versorgt den Bergbau seit dem 16. Jahrhundert mit Energie (sagt die Webseite http://www.ohwr.de, die sich ausfürtlich damit befasst, und entspricht auch dem, was ich vor längerer Zeit alles mal wusste…).

        Und zum Thema Industrialisierung: Die begann in Großbritannien tatsächlich im 18. Jahrhundert (Spinning Jenny und so), kam hier in Deutschland aber nicht vor 1815 an und gewann erst so ab 1870 wirklich an Fahrt. Da hatten die Briten wirklich mal einen Vorsprung (den sie ganz schön haben schleifen lassen, man braucht sich nur mal deren Dusch-Systeme ansehen…).

        Sorry fürs Klugsch… – aber wenn mich Themen interessieren, reagiere ich leicht enthusiastisch. 😉 Danke auf jeden Fall für den Bericht, der macht echt Lust, mal wieder am (und im) Rammelsberg vorbei zu schauen!

        Viele Grüße,
        Lena

Schreibe einen Kommentar zu Andrea Lammert Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *