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Karneval in Ecuador: Mit Wasser, Mehl und Rasierschaum

Dieser Karneval ist mit nichts zu vergleichen, was ich sonst auf der Welt gesehen habe. Die Hochburg liegt in der Provinz Bolívar, im Dorf San Miguel. In dieser Zeit gibt es hier weit und breit kein Hotelzimmer mehr. Die Menschen strömen aus ganz Ecuador hierher, um traditionelle Riten zu feiern, die anderswo inzwischen verboten sind….

Von irgendwoher kommt eine Wasserbombe angeflogen und zerschellt an der Wand. Die Kinder sind mit Pistolen bewaffnet und beschießen kichernd die Passanten mit dem feuchten Nass. Da drüben strubbelt jemand einem Freund eine Handvoll Maismehl ins Haar, verstreut den Rest der Tüte auf die anderen in der Gruppe.

Mehl

Und immer wieder hört man das Zischen einer Rasierschaumdose. Niemand würde auf die Schnapsidee kommen, sich an Karneval mit feinen Klamotten in Schale zu werfen. Der traditionelle Karneval ist nass, weiß und klebrig. Auch auf den Balkonen stehen sie mit Wasserflaschen bewaffnet und bespritzen die kreischenden Mädchengruppen. Keine Frage, Karneval kann hier eine ziemliche Sauerei werden – aber gerade das macht Riesenspaß aus. So mancher bewaffnet sich gleich mit einem Regenschirm.

 

Eigentlich ist diese Art Karneval inzwischen vielerorts verboten. Man will „zivilisiert“ feiern und befürchtet zudem, ausländische Touristen und andere Besucher mit der nassen, klebrigen Sauerei zu verschrecken. Nicht so in der Provinz Bolívar, hierher kommen nur wenige Ausländer. Selten habe ich in San Miguel „Gringos“ entdeckt (so werden hier nicht US-Amerikaner, sondern alle Menschen mit europäischem Aussehen genannt). Zwar wollen auch hier die Behörden inzwischen das Nassspritzen – aber nichts da, es würde sich sowieso niemand daran halten. Zum Glück. Daran liegt es wohl auch, dass so viele Ecuadorianer in die Provinz kommen, um den Karneval noch auf traditionelle Art feiern zu können.

Alexander von Humboldt soll einmal gesagt haben, die Menschen hier seien seltsam: Sie leben vollkommen gelassen inmitten von Vulkanen und feiern fröhliche Feste bei trauriger Musik. Ein bisschen sehnsüchtig und traurig klingt es schon, das alte Lied „Que bonito es carnaval“ (Oh wie schön ist Karneval), das hier an allen Straßenecken erklingt.

Jedes Jahr wählen die Einwohner von San Miguel  de Bolívar einen neuen „Taita Carnaval“. Taita, das ist das Quechua-Wort für Vater oder Papa. Links seht Ihr den „Papa Karneval“ von 2014, der die Feierlichkeiten und Umzüge anführt.

Taita_Carnaval Umzug Karneval Ecuador San Miguel Bolívar

Außerdem gehört hier traditionell der „Pájaro Azul“ („Blauer Vogel“) dazu, ein starker Zuckerrohrschnaps mit Anis und anderen Gewürzen, der es in sich hat.

Und so sitze ich hier und hüte die schulpflichtigen Kinder, während mir mein Mann die schönsten Feierfotos aus Ecuador schickt. Hach, Sehnsucht. Que bonito es carnaval…

2 Kommentare

  1. Mich erinnert das sehr an das, was bei uns damals traditionell nach Verkünden der Abitur-Ergebnisse passiert ist. Für uns war das auch immer ein Riesenspaß (für Lehrer und arglose Passanten eher nicht). Inzwischen sind diese Aktionen verboten. Ist doch überall dasselbe auf der Welt. 🙂 Immerhin weiß ich jetzt, wohin ich mich wenden muss, wenn ich das Vergnügen noch mal wiederholen will…

    • Iris sagt

      Ja, kann ich nur empfehlen. Es gibt zwar auch in der Hauptstadt Quito einen Karneval mit Wagen, und in der nächsten, größeren Stadt Ambato wirft man bei den Umzügen nur gesittet mit hübschen Blümchen. Alles ganz nett, aber den echten Spaß gibt es nur in den Dörfern der Provinz Bolívar 😉

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