Nachhaltigkeit
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El Hierro: Das letzte Geheimnis der Kanarischen Inseln [Video]

El Hierro, Blick auf Frontera

Ich habe mich verliebt – in eine Insel. Sie hat keine Autobahn, nur drei Tankstellen, ein Krankenhaus und ein Dorf als Hauptstadt – El Hierro. Und genau das ist das Schöne. Souvenirs – Fehlanzeige. Strandbars und Diskos – muss man lange suchen. Stattdessen gibt es Natur satt. Kiefern, die auch nach Waldbränden wieder ausschlagen und knorrige Wälder aus Baumheide, in denen sich die Wolken verfangen. Eine Insel, die ihre Nachhaltigkeit lebt. Sie kann sich selbst mit Strom versorgen.El Hierro, Reiseblog, Reiseführer El Hierro, Kanarische Inseln, Punta Grande. Valverde, Eigentlich wollte ich gar nicht dahin. El Hierro hat eine Anreisezeit wie manche karibische Insel. Bahnfahrt nach Frankfurt, dann vier Stunden Flug nach Teneriffa. Und von dort eine Stunde quer über die Insel fahren zum Nordflughafen. Leider ist es schon zu spät abends, der nächste Flieger geht erst am nächsten Morgen. Ebenso die Fähre. Sie braucht vier Stunden, das Flugzeug rund 40 Minuten und beide sind in etwa gleich teuer. Also nach 24 Stunden Reise erst ankommen? Da kann ich auch besser Asien fliegen, dachte ich erst. Doch dann sah ich die ersten Bilder und wusste: Ich muss da hin. Dorthin, wo vor drei Jahren ein neuer unterseeischer Vulkan geboren wurde. Dorthin, wo sich der Passatwind an den Hängen fängt. Wo die Herreños (so nennen sich die Menschen auf El Hierro) ganz autark von ihrer eigenen Wind- und Wasserkraft leben können. Und dorthin, wo es noch Menschen gibt, die in Höhlen wohnen. Doch das kommt später.

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Zunächst kam das Leihauto und einsame Straßen. In 20 Minuten kamen mir zwei Autos entgegen. Ich fuhr an die Ostküste an mein Paradores-Hotel – einsam und umgeben von schwarzen Stränden

El Hierro, kleinstes Hotel der Welt, Punta Grande

Das einst kleinste Hotel der Welt auf El Hierro.

Und dann erkundete ich die Insel. Hin zur Hauptstadt, nach Valverde. Viel los ist dort nicht, alles wirkt verlassen – aber das liegt einfach an den wenigen Einwohnern. Die Hauptstadt ist klein wie deutsche Dörfer. Dafür aber gut ausgestattet mit Krankenhaus, Supermärkten, Cafés und Kirchen. Aber sie liegt in den Bergen und hat als einzige Kanarische Hauptstadt keinen direkten Hafen. Aber auf El Hierro ist sowieso alles anders.
In den Dörfern mit den weißen Häusern gibt es kleine Läden – aber keine Souvenirshops. Kittelschürzen oder geröstete Sonnenblumenkerne könnte ich als Mitbringsel kaufen. Das lasse ich dann lieber sein.
Süchtig hingegen macht das Baden in den Naturpools auf El Hierro. So natürlich sind sie nicht, denn man hat teilweise mit Beton Becken an der felsigen Küste aufgeschüttet und so Becken gebaut, in denen das Meerwasser auf- und abschwappt, die Strömung aber die Schwimmer nicht forttragen kann.

El Hierro, Naturpools, Natururlaub, Reiseblog

k_Grill
An Land rauchen die Grills, die in die Felsvorsprünge eingelassen sind und Einheimische wie Touristen rösten ihre selbstgeangelten Fische oder mitgebrachte Würste. Fleisch ist das Gemüse der Insel, die eigentlich ein kleiner Garten Eden ist. Bananen, Ananas, Avocado, Mangos, Tomaten und sogar Rotkohl wachsen hier – doch gegessen wird am liebsten Fleisch. Oder der Ziegenkäse von Sabine Rathjen. Die Deutsche ist vor 16 Jahren auf die Insel ausgewandert und hat sich dort ihren Traum vom eigenen Bauernhof erfüllt. Sie hat ihre eigene Ziegenfarm und macht Käse wie Marmelade von Hand.
Obwohl die Deutsche schon zwölf Jahre auf der Insel lebt, ist sie ständig aufs Neue verzaubert. Die Stämme der verkrüppelten Bäume kleiden sich in ein grünes Fell aus Moos. „Jetzt kommt das Schönste“, verspricht sie und zeigt in die Ferne. Wie aus dem Flugzeug schweift der Blick von hier aus über die Insel mit dem Tal El Golfo, um das sich die Berge wie ein riesiges Amphitheater schmiegen.
Ein Amphitheater entstanden aus einem Vulkan vor etwa einer Million Jahren, das ist erdgeschichtlich jung. Fuerteventura hat immerhin 22 Millionen Jahre auf dem Buckel.
Bis heute hat sich die Erde auf El Hierro nicht wirklich beruhigt, es bebt dort von Zeit zu Zeit. 2011 allerdings hörten die Beben nicht mehr auf – und die Insel kam in die Schlagzeilen, weil ein neuer Unterwasservulkan vor ihrer Küste Gestein und Gas ins Meer spuckte. Das Meer vor La Restinga verfärbte sich grün und braun, die Luft roch nach Schwefel.
„Wir waren Hauptthema in den Nachrichten“, erinnert sich Rathjen. Inzwischen hat sich die Erde längst beruhigt, aber mit den Nachwirkungen hat El Hierro bis heute zu kämpfen. Noch zwei Jahre nach dem Spektakel fürchten Reisende Erdbeben und Vulkanausbrüche, anstatt Urlaub im Unesco-Biosphärenreservat zu buchen. „Nach dem Ausbruch haben viele Reiseanbieter El Hierro aus dem Programm genommen“, weiß Sabine Rathjen.
Schon immer hatte die Insel unter ihrer Abgeschiedenheit gelitten. Wer hierher will, muss wirklich motiviert sein. Fähr- und Flugpläne machen es den Reisenden nicht leicht, schnell ans Ziel zu kommen. Die Fähre von Teneriffa braucht vier Stunden bis sie die Insel erreicht und sticht oftmals früher in See, als die Touristenflieger landen. Gleiches gilt für die Startzeiten der Flüge von Teneriffa zur Insel.

Flüge Teneriffa-El Hierro, Flug Teneriffa-El Hierro, Reiseblog, www.reisefeder-blog.com
Schlecht für das Eiland, das den Aufschwung auch wirtschaftlich dringend braucht. Arbeit gibt es kaum für die knapp 10.000 Einwohner. Zudem beklagen die Kanaren eine hohe Jugendarbeitslosigkeit von mindestens 70 Prozent. Also heißt es für die Herreños zusammenrücken. Die erwachsenen Kinder ziehen mit ihren eigenen Familien wieder zurück zu den Eltern und beackern die inzwischen vom Unkraut überwucherten Felder. Sie können es sich nicht mehr leisten, Land brach liegen zu lassen, füttern stattdessen ihre Ziegen, mähen Gras oder pflücken Feigen.

El Hierro, Mann wohnt in Höhle, Valverde, Naturschutz
Oder ziehen in Höhlen – wie der 63-jährige Eutimio. Nahe der Wallfahrtskirche Virgin de los Reynes hat er sich die Aufgabe gesetzt, die Höhlen von El Hierro bekannt zu machen.
Hier haben die Schäfer einst geschlafen, erzählt der sonnengebräunte Rentner, der aus Protest seit einigen Monaten in einer Höhle lebt. Eine Felsnische ohne Tür und Fenster ist sein Zuhause. Hier kocht er auf einer kleinen Feuerstelle und legt sich nachts mit seinem Hund gemeinsam auf die schwarzen Kieselsteine, um zu schlafen. Die Höhlen seien mehr als 2000 Jahre alt. Wenigstens Denkmalschutz hätten sie verdient. „Niemand erklärt sich bereit, das Kulturgut wieder instand zu setzen“, beklagt er und lässt seinen Blick ins Licht schweifen. Unterstützung bekommt er dafür keine – weder von der Regierung noch von Verbänden. Also macht er es. Räumt den Schutt, der sich im Laufe der Jahre dort angesammelt hat, ebenso weg wie alte Matratzen oder Kühlschränke, denn viele haben die Höhlen als wilde Schuttlager missbraucht. „Wir müssen sie für unsere Kinder bewahren, damit wir ihnen zeigen können, wie ihre Vorfahren gelebt haben.“

Die Reise wurde unterstützt vom spanischen Fremdenverkehrsamt.

Reiseinformationen El Hierro:

Lage: El Hierro ist mit 270 Quadratmetern die kleinste der Kanarischen Inseln und zugleich die südwestlichste. Sie liegt im Süden von La Palma und im Osten von Teneriffa und La Gomera. Die kanarischen Inseln mitten im Atlantik befinden sich etwa 500 Kilometer westlich der afrikanischen Küste.
Fähren nach El Hierro: Die Fähre von Teneriffa dauert rund vier Stunden und kostet ab 99 Euro hin und zurück. Sie ist buchbar unter www.navieraarmas.com
Flüge nach El Hierro: Mit der Fluggesellschaft Binter gibt es Hin- und Rückflüge von Teneriffa nach El Hierro ab 72 Euro. Der Flug dauert etwa 40 Minuten. Rechtzeitig reservieren lohnt sich, die Maschinen sind schnell ausgebucht. www.bintercanarias.com
Besonderheiten: Auf allen Kanarischen Inseln gibt es eine Zeitverschiebung von einer Stunde.
Unterkunft auf El Hierro: Luxuriöseste Unterkunft der Insel ist das Paradores Hotel ganz im Nordosten. Die Zimmer befinden sich direkt am Meer und der Blick in den Sonnenaufgang ist fantastisch. DZ ab 100 €, www.parador.es.
Ursprünglich wohnen auf dem Bauernhof kann man auch auf El Hierro, etwa in der Finca la Paz von Sabine Rathjen, Appartements ab 35 €, www.finca-la-paz.com
Hübsch ist gelegen ist auch die Finca Caracol in El Pinar, die deutsche Besitzerin betreibt eine Töpferei: www.apartamentos-caracol.es, Appartements ab 30 €.
Weitere Informationen gibt es beim spanischen Fremdenverkehrsamt auf www.spain.info oder www.elhierro.travel

Kategorie: Nachhaltigkeit

von

Andrea Lammert

Als Reiseautorin bin ich gerne in der Welt unterwegs, am liebsten am Meer und an Orten, die Kraft geben. Auf jeden Fall draußen, Wälder, Strände und Wiesen sind meine Heimat - ob in Frankreich oder in der Mongolei. Ich schreibe regelmäßig auf meinen Blogs www.reisefeder.de und www.schamanen-garten.de

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