Städtetrip
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Flanderns süße Fashion-Städte: Tipps für Gent, Brügge, Antwerpen

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Die mächtigen Holzflügel stehen still, nicht mal ein laues Lüftchen weht über den sattgrünen Deich. Fast wie ein Foto wirkt die stille, platte Landschaft. Neben mir hebt sich eine Klappbrücke über dem Kanal und lässt einen Lastenkahn passieren. Holland? Nein, das belgische Brügge. Sie ist zwar alt – aber alles andere als altbacken. Flandern setzt Trends. Eine Reise durch Brügge, Gent und Antwerpen.

1. Fahrradfahren in Brügge:
Er ist groß – und vor allem langbeinig: Daniel Pieters ist ein echter, belgischer Gentleman. Den Strohhut fest auf den Kopf gezogen, saust der Pensionär über das Kopfsteinpflaster vom Grote Markt in Brügge. Seine Hosenbeine flattern im Wind, mit seinen langen Beinen muss er nur einal in die Pedale treten, während ich schon dreimal hektisch gekurbelt habe, um ihn einzuhoRadfahren in Brüggelen. Meine Kamera baumelt vom letzten Fotostopp noch um meinen Hals und scheppert gegen den Lenker. So geht das nicht. Ich rufe Halt – er fährt weiter. Erst einen Moment später bemerkt er, dass es hinter ihm nicht mehr klappert: „Oh Verzeihung“, bittet er mit perfekter Gentleman-Geste. „Ich rase immer so schnell durch die Stadt. Sie wollen ja etwas sehen“, stellt der Belgier, der heute als Stadtführer arbeitet, fest und wartet geduldig. Jedes Haus hier ist zwischen 300 und 500 Jahren alt, denn Brügge hat die größte noch erhaltene mittelalterliche Innenstadt in Europa. Während ich mich frage, ob es überhaupt eine gute Idee war, Brügge mit dem Fahhrrad anzuschauen und meine Kamera wegpacke, sagt er: „Das Rad ist das beste Fortbewegungsmittel hier.“ Hat er meine Gedanken gelesen? „Man kann schnell durch alle Straßen kommen, findet immer einen Parkplatz und hat einen ganz besonderen Blick auf die Stadt – von weiter oben nämlich.“ Tatsächlich sind wir in Nullkommanichts von der Liebfrauenkirche mit der Madonnenstatue vom italienischen Renaissancekünstler Michelangelo an den Rand der historischen Altstadt gekommen.

Brüsseler Spitzen
Wir fahren weiter – und ich dachte nicht, dass ein 20 Jahre älterer Mann so viel fitter sein kann. Die Steigungen vor den Brücken nimmt er mit links, während ich schon im Stehen ächze. Vorbei an Grachten, in denen sich das Wasser knallgrün färbt. Stockrosen sprießen aus Mauerritzen des Kopfsteinpflasters. In manchen Fenstern stehen bunte Skulpturen, andere haben Kerzen auf dem Sims, niemand benutzt Gardinen. Wo sind die berühmten Brüsseler Spitzen? Daniel lacht und fährt voraus. Doch zunächst muss ich mir die Jerusalemkirche ansehen.

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Ein steingraues Gotteshaus mit mächtigem Turm und Kugelspitze peilt er als nächstes Ziel an: „Die Jerusalemkirche gehört zu den Kleinoden der Stadt“, so der Einheimische. Ein italienischer Kaufmann ließ die Privatkapelle nach seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land so umbauen, dass sie ein Zwilling der Grabeskirche Jerusalems sein könnte – mitsamt Kopien des steinernen Altars, des Kalvarienbergs und Heiligem Grabes.
Rote-Beete-Pralinen
Ein kleiner Gang neben der Kirche führt in einen unscheinbaren Innenhof. Blaue Holzfenster an einem langen, grauen Backsteingebäude wirken sehr privat. Im Spitzenzentrum sitzen weißhaarige Frauen konzentriert gebeugt über einem Gewirr von Fäden und Spulen. Bis zu 100 Klöppel führen sie in gekonnter Raffinesse um dünne Nägel   herum, die als Halterungen für den Faden auf ein stoffbespanntes Brett geheftet sind. Flink werfen sie die Holzspulen von einer Seite zur anderen, um das Muster wenige Millimeter weiter zu ergänzen. „Es geht langsam voran“, sagt eine der Damen und zeigt stolz die kleine Blume, die sie hineingeflochten hat. „Für dieses Stück brauche ich eine Woche“, sagt sie und misst mit Daumen und Zeigefinger ein rund zehn Zentimeter langes Stück ab. Ihren Stundenlohn könnte man gar nicht bezahlen. Sie macht es aus Hobby und bewahrt damit eine ganz Brügge Chocolate Line, Schokolade zum Schniefenalte Handwerkskunst. Für mich ist es wie eine Reise in eine andere Vergangengheit. Meine Oma hat soetwas Ähnliches auch gemacht…
Doch Brügge kann auch trendy, wild und vor allem süß. Daniel weiß, dass ich Schokolade liebe – und wo, wenn nicht in der Schokoladenhauptstadt Europas, sollte ich die Köstlichkeit probieren? Er führt mich zu einem der bekanntesten Chocolatiers der Stadt: Dominique Persoone ist soetwas wie der Rock’n’Roller der Schokoladenmacher. Er fertigt nicht nur wilde Rote-Beete-Basilikum-Pralinen, sondern hat auch ein eigenen Schnupftabak aus Schokolade erfunden. Der rockt wirklich bis ins Vorderhirn (http://reisefeder-blog.com/2013/09/26/schoko-koksen-wie-die-rolling-stones/). Neben Schokolippenstiften, die tatsächlich Schminkqualität besitzen, hat Persoone Schokoladenfarbe für die Haut erfunden. Haute-Couture-Kleider, die tatsächlich getragen wurden, stammen aus seinen Töpfen, ebenso wie Hüte berühmter belgischer Modisten.Brügge, The Chocolate Line, Schokolade zum Schniefen statt Schnupftabak
Radfahren macht hungrig und Schokoladenläden erst Recht. Ich bin zu einem Schokomenüe verabredet. Im Restaurant Patrick Devos werde ich gleich in den grünen Hintergarten geleitet. Die Hortensien blühen blau, der Efeu rankt die grauen Steinmauern hoch und neben mir raucht dezent der Grill. Doch zuerst gibt es eine Vorspeise. Den Salat krönt ein Kakaodressing, das ist schön satt und legt die Geschmacksnerven für das nun kommende frei: Jakobsmuscheln, veredelt mit einem Schaum weißer Schokolade. Köstlich. Ich brauche eigentlich keinen Nachtisch mehr.
Ich schlendere weiter allein durch die Stadt, entdecke Hinterhöfe fern des Touristentrubels, kleine Töpefereien und viele Modegeschäfte mit ausgefallenen Stücken. Doch ich kann mich beherrschen – noch.

2. Lichterfest in Gent
Donnerstags sind die Menschen in Gent fleischlos glücklich. Heute ist Veggie-Day. Was in Deutschland noch diskutiert wird, steht hier bereits auf den Speisekarten. Fleischlos glücklich. Ob es an den vielen Studenten liegt? Keine von Flanderns Städten ist so jung wie sie mit ihren 45.000 Studenten – immerhin jeder sechste Einwohner Gents. Gent Tipps   Gent TippsUnd kaum eine zeigt sich derart experimentierfreudig. Im Restaurant Pakhuis serviert mir der Kellner einen außergewöhnlichen Salat: Seltsame Blätter, deren Unterseite pink irisiert, imn dünne Streifen geschnittene Möhren und fritierte Salatblätter. Experimentell, aber sehr lecker.
Nicht nur beim Essen, sondern auch bei der Beleuchtung ist die Stadt außergewöhnlich kreativ. Wenn es dunkel wird, verwandelt sich die mittelalterliche Backsteinstadt in ein leuchtendes Kunstwerk. Der Lichtkünstler Roland Jéol hat Lampen und Scheinwerfer in der gesamten City konzipiert und damit ein einmaliges Illuminationskonzept erschaffen. Mal leuchtet eine Statue lila, mal ein Gildenhaus in Goldgelb, mal eine große Trauerweide in grellem Grün. Vor den vielen Kneipen und Restaurants zündeln Flammen in Feuertonnen – das Lichterspiel gibt der nächtlichen Stadt ihren ganz eigenen Zauber. Es riecht an jeder Hausecke anders, mal nach Fisch und Knoblauch, mal nach Bier, Schokolade oder Fritten.
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Ich sehe viele Vintage-Läden und muss unbedingt bei Tageslicht morgen bummeln gehStickerei Laden in Genten. Heute abend aber staune ich über den Chic der Menschen, die sich hier fast französisch kleiden. Eine Frau mit einem schwarz-weiß gestreiften Kleid läuft über meinen Weg, das Muster trifft sich so geschickt, dass sie wirkt als hätte sie eine Wespentaille. Eine andere trägt ein flaschengrünes enges Kleid und dazu knallrote Balerinas – das sieht toll aus. Selbst die Großmütter sind hier tip-top gestylt mit französischen, kinnlangen Haarschnitten anstatt praktischen Kurzhaarfrisuren.
Am nächsten Tag lande ich bei Tierelantijntje. Die grauhaarige Inhaberin zeigt mir ihre alten Leinenstoffe, Schürzen und Spitze. Nur wenige Schritte weiter verkauft eine die Galerie „Dupe Light Art“ futuristische Lampen – Gegensätze made in Gent. Beim Café Costume treffen sich Männer und suchen sich aus der „Menükarte“ einen Anzug aus: Futterstoff, Knöpfe, Stoff und Schnitt ganz nach ihrer eigenen Wahl. Einen Anzug brauche ich aber nicht und Modeshoppen steht in Antwerpen auf meinem Plan. Ich mache die klassische Touristentour und fahre mit Skipper Godfried über die Kanäle.
„Gent steht immer ein wSchöner Laden in Gentenig im Schatten des bekannteren Brügge“, erzählt er. „In beiden ist die mittelalterliche Bausubstanz der Altstädte fast komplett erhalten. Aber unser Gent ist einen Tick schöner“, sagt er. Doch dann muss er wieder ins Mikrophon sprechen, denn unser Boot fährt direkt unter einer Weide hindurch. „Wenn Sie sich jetzt etwas im Stillen wünschen und nichts sagen, wird ihr Wunsch in Erfüllung gehen.“ Schlagartig verstummt das Plappern auf dem Boot, ein Pärchen nutzt die Weide zum innigen Kuss.

3. Mode aus Antwerpen
Nach dem beschaulichen Treiben in Gent ist Antwerpen fast ein Schock. Immerhin wohnen hier eine halbe Million Menschen und zudem ist sie drittgrößter Hafen Europas. Skater, Rapper, Asiaten, Afrikaner, Skandinavier und orthodoxe Juden laufen über die Straßen. In diesem quirligen Gewühl entstehen Trends: Antwerpen gilt als neuer Star am Modehimmel. Tatsächlich ist die Mode-Akademie in Antwerpen Geburtsstätte neuer Trends. Vor mehr als 25 Jahren haben die berühmten Antwerp Six, die Designer Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Dirk Van Saene, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs and Marina Yee der Welt gezeigt, dass Antwerpen eben mehr kann als Diamanten schleifen. Immerhin ist die ‚Koninklijke Academie voor Schone Kunsten‘ schon älter als 350 Jahre. Sie befindet sich zwischenan der Nationalestraat. Direkt im Erdgeschoss von Flanders Fashion Institut Modenatie befindet sich ein Café – und mit etwas Glück trifft man dort auch den einen oder anderen Modedesigner bei der Pause. Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch im Museum der Akademie, wer schließlich schon seit 50 Jahren Mode macht, hat auch einiges auszustellen. Manchmal sieht man auch von der Straße aus die jungen Schüler in den oberen Etagen werkeln und schneidern – eine schöne Stimmung, die dann über der Straße liegt. Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Walter Van Beirendonck entwerfen ihre Trends nach wie vor in Antwerpen. Das Modeviertel befindet sich zwischen Lombardenvest und Drukkerijstraat. Überall stehen Namen von großen Designern, deren Stücke inzwischen in Läden zwischen New York und Tokio zu finden sind. Die Belgierin Anne begleitet mich auf meinen Fashion-Walk. Hier sind Bilder von unserem Schaufensterbummel:

Besonders hübsch finde ich, dass auch die Tradition in Antwerpen ihren Platz behalten hat. Die Ganterie Boon verkauft etwa seit 1884 edle Handschuhe. Dünnes Leder in allen Regenbodenfarben zeichnet die Kreationen aus. „Handschuhe von Boon gehören hier einfach dazu – ich habe auch welche“, erzählt die Stadtführerin Anne.Sie sind wirklich extrem weich und anschmiegsam. Ich komme stark ins Grübeln. Dann führt Anne mich  weiter über die Modeakademie, vorbei am Rembrandt-Haus, in dem der Alte Meister einst gelebt hat, hin zum Paleis op de Meir. Dort ist ein ganz besonderes Haute Couture-Kleid zu sehen – komplett aus Schokolade, gemacht von wem wohl? Genau, dem Rock’n’Roll-Star der Chocolatiers: Dominique Persoone aus Brügge.

Tipps für Brügge
– Unbedingt Brügge mit dem Rad erobern, Leihräder gibt es mit der Brügge-Card sogar gratis, hier ist eine Übersicht: www.bruggecitycard.be/transport_de.html
– Einmal Brügges Innenstadtgrenzen abklappern, die Stadt wird zwei Grachten umarmt.
– Das Spitzenzentrum Brügges findet sich hier: www.kantcentrum.eu
– Die Schokolade von Dominique Persoone gibt es hier: www.thechocolateline.be
– Nicht versäumen sollten Besucher einen Stopp am Wochenmarkt. Schauen Sie sich den großen Belfried an und staunen Sie über die Vielfalt der Blumenzwiebeln, die zu seinen Füßen verkauft werden.
– Gute Schokoladenmenüs serviert Patrick Devos: www.patrickdevos.be, weitere Anbieter kann die Touristeninformation nennen.
– Übernachten: Echt belgisch mit Herz ist das Hotel de Gozeput: http://www.hotelgoezeput.be/

Tipps für Gent
– Im Restaurant Pakhuis isst man eigentlich Austern, vegetarisch geht aber auch: www.pakhuis.be
– Im Café Costume lassen sich Männer Anzüge schneidern: www.cafecostume.com
– Julie’s: Torten und Kuchen zum Dahinschmelzen fruchtig oder schokoladig: www.julieshouse.be
– Rommer: Aus Omas Holunderlimo haben zwei Genter einen leckeren Aperitif gemacht – köstlich, mit sternförmigen Blüten: www.roomer.be
– Tierenteyn: Nach altem Hausmacherrezept hergestellter Senf aus Gent: www.tierenteyn-verlent.be
– Schlafen: Novotel – schön mit Swimmingpool direkt in der Stadt: Novotel Gent: www.novotel.com
– Origineller sind Übernachtungen bei Einheimischen, buchbar über Housetrip oder Airbnb – das gilt für alle Städte: www.housetrip.de und www.airbnb.de

Tipps für Antwerpen:
Unbedingt die Ganterie Boon besuchen: www.glovesboon.be

Allgemeine Informationen: Tourismus Flandern: www.flandern.com
Die Reise wurde unterstützt von Tourismus Flandern-Brüssel – danke!

Andrearad

Kategorie: Städtetrip

von

Andrea Lammert

Als Reiseautorin bin ich gerne in der Welt unterwegs, am liebsten am Meer und an Orten, die Kraft geben. Auf jeden Fall draußen, Wälder, Strände und Wiesen sind meine Heimat - ob in Frankreich oder in der Mongolei. Ich schreibe regelmäßig auf meinen Blogs www.reisefeder.de und www.schamanen-garten.de

8 Kommentare

  1. Da waren wir ja fast zur selben Zeit in Belgien! Leider war unser Programm so voll gepackt, dass ich nicht mal Zeit hatte, mich in Brügge ins Café zu setzen. Aber wenigstens für eine Waffel hat es gereicht. Und für ein Bier in Gent. 🙂

  2. Pingback: Mal sehen, was in Gent so geht | fernweh-blog

  3. Toller Bericht – ich mache gerade mein Auslandssemester in Belgien und bis super begeistert von diesem Land – schade eigentlich dass so viele noch NIE in Belgien waren 🙂 Falls Interesse besteht – auf meinem Blog gibt es auch die ein oder andere Anekdote zu Gent & Co 🙂 https://malicious87.wordpress.com/

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