Nachhaltigkeit
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Mittsommer in der Mongolei

Mittsommerritual in der Mongolei am Lake Hovsgol

Am Lake Hovsgol im Norden der Mongolei ist die Welt noch ursprünglich. Doch seit eine geteerte Straße von Ulan Bator direkt an den See führt, erlebt das Naturparadies einen Ansturm. Vor allem mongolische Touristen kommen, um den Sommer am größten See des Landes zu verbringen. Schamanismus ist in der Region tief verwurzelt. Ganz besonders ist der längste Tag des Jahres – Mittsommer in der Mongolei.

Sonnenaufgang in der Mongolei, Lake Hovsgol

Sonnenaufgang am Hovsgol-See.

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Der kleine Altar – samt Hammelkopf.

Mongolei, lake Hovsgol

Opfergaben für die Götter, dahinter der Lama, der das Fest gleich eröffnet.

Mongolei, Hovsgol See, Räuchern, Schamane

Rauchgefäß mit Wacholder – schamanisch-buddhistische Rituale am Lake Hovsgol.

Dieser Hund bellt wirklich die ganze Nacht. Wuff, wuff, wuff schallt es durch die dünne Baumwollwand unserer Jurte. An Schlaf nicht zu denken. Doch das macht in der Mongolei nichts. Wer will in einem solchen Land schon schlafen? Bis 23 Uhr ist es taghell, danach senkt sich die Sonne langsam hinter die Berge. Von fern her dringt Diskomusik in das kleine Kaff Khatgal am Hovsgol See. Irgendwo zwischen Wachen und Träumen verbringe ich die vier Stunden Nacht, bis es endlich heller wird. Davaadamdin Jankhai, Filmemacher und Vizebürgermeister von Khatgal hatte so vom Sonnenaufgang vorgeschwärmt bei unserem Besuch. „Wenn du den See wirklich erleben willst, dann gehe frühmorgens zum Ufer und meditiere in den Sonnenaufgang.“Also los, es gibt sowieso nichts anderes zu tun in der Einsamkeit. Ich suche mir ein Plätzchen auf der Wiese und schaue auf den roséfarbenen Himmel, der hinter den Bergen aufhellt. Neben mir schlürfen Yaks aus dem See, Pferdehufe donnern in der Ferne, getrieben von einem Frühaufsteher-Nomaden in dem typischen langen, rostroten Mantel. Langsam hebt sich die Sonne hervor und taucht die friedliche Stille in ihr warmes Licht.

Im Norden der Mongolei, wo die Wälder der Taiga noch dicht sind, hat sich eine tiefe Spiritualität bei den Menschen erhalten. Viele sind vom Schamanismus zum Buddhismus gekehrt oder praktizieren Mischformen aus beidem. „Hier ist die Heimat der Dhahat-Schamanen, wir haben viele heilige Orte – und letztendlich“, so beschreibt es Davaadamdin Jankhai, „ist nach unserer Sage die Urmutter der Mongolen auf einer Insel unseres Heiligen Sees geboren worden“, zitiert er aus dem Buch „Die geheime Geschichte der Mongolen“. Deswegen ist es ihm so wichtig, dass sich der langsam entwickelnde Tourismus sanft entwickelt. „Unsere Stärke ist unser Frieden und die Liebe zur Natur“, fügt er hinzu und lädt uns zu einem Ritual ein: Am Nachmittag wird Mittsommer gefeiert – eine Zeremonie, in dem die Saat gesegnet wird und die Menschen um mehr Regen bitten, denn es ist Frühling und hat seit Wochen nicht geregnet. Die Weiden sind trocken und abgegrast.
Also gut, eine Zeremonie in der Mongolei – sehr spannend. Der 2700 Einwohner-Ort Khatgal mit seinen Blockhäusern und kleinen Grundstücken schien auf den ersten Blick gar nicht so geheimnisvoll. Doch um die wirklichen Plätze muss man auch wissen.

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Das Pferd flehmt, als es den heiligen Rauch in die Nüstern bekommt.

Den Zeremonienplatz hätten wir ohne Davaadamdin Jankhai nie gefunden. Ein kleiner Weg führt in einen dichten Lärchenwald. Das frische Grün der Nadeln verrät, dass es erst seit einigen Wochen wirklich warm ist. Bis Mai liegt oft noch Schnee in der Region. Die schrundigen Rinden mit ihrem so typischen Rotstich zeugen von den extremen Temperaturen. Doch heute scheint die Sonne durch die Bäume. Wir steuern mitten auf das Nichts zu, kein Wege, keine Häuser, nur Wald. Irgendwann lichtet sich der und von auf einer Hügelkuppe dringt der Duft nach gebratenem Hammel und Yakkäse entgegen. Wir sehen ein tippiförmiges Holzgestell, das Ovoo, eine heilige Gebetsstätte. Sie ist reich mit Gebetsschals geschmückt und soll die Geister des Ortes ehren. Neuankömmlinge wie wir müssen dreimal im Uhrzeigersinn herumgehen und Reis oder andere Gaben opfern.
Hammelfleisch macht die Runde, ebenso wie Yakkäse und getrockneter Quark. Alles wird geteilt. Als alle gekostet haben, beginnt der buddhistische Lama, Obertöngesänge zu singen, um Saat und Anwesende zu segnen. Später macht gemalener Wacholder die Runde, jeder soll sich abräuchern, das reinigt das Energiefeld.
Nicht nur Menschen kommen in diesen Genuss, auch Pferde. Eine Familie bringt ihren stärksten Hengst mit zum Ritual, auch er muss dreimal um das Ovoo gehen und wird gesegnet: Mit Wacholderrauch und eingesalbt mit Yakmilch und heiliger Getreidesaat – damit das Glück wie ein schnelles Pferd durch das Leben der Familie ziehen kann. Und all das hoch über dem heiligen See Hovsgol, dessen Ufer so strahlen wie Strände der Karibik. Was für eine Landschaft. Die Luft ist klar, das Wasser ganz blau. Möge es noch lange so bleiben. Das hofft auch Davaadamdin Jankhai, der berichtet, dass der Antrag läuft, den Hovsgol-See als Unesco-Weltnaturerbe aufzunehmen. Bis dahin schulen Parkleitung und die örtlichen Institutionen Kinder und Erwachsene in ökologischen Grundsätzen wie Müllbeseitigung, Wasserschutz. Eine Hilfe, die auch vom deutschen Global Nature Fund sowie der EU unterstützt wird. Doch heute wird erstmal gefeiert, ernste Fragen morgen besprochen.
Der Lama teilt die heilige Saat an jeden aus, anschließend gibt es Käse, Hammel und natürlich Wodka. Bevor der allerdings getrunken wird, opfern die Mongolen immer einige Schlücke den Himmelsgeistern und schnippen sie in die Luft. Dann geht es zum Wrestling. „Das Fest und der Wodka setzen starke Kräfte frei. Man muss sie gezielt nutzen.“ Und so ist selbst das Kräfteringen irgendwie eine Opfergabe an Mutter Natur.

Wer mithelfen will, dass diese Idylle erhalten bleibt, hier geht es zum Spendenkonto des Global Nature Fund für Projekte am Lake Hovsgol.

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K_Mongolei_Lake_Hovsgol_Hatgal_Pferdk_Mongolei_andrea_rauchertDie Reise wurde unterstützt vom Global Nature Fund – DANKE dafür!

Dieser Beitrag hat beim Bloggerwettbewerb FAIRreisen & die Welt entdecken den dritten Platz belegt, wir freuen uns sehr. Hier geht es zum Link.

Kategorie: Nachhaltigkeit

von

Andrea Lammert

Als Reiseautorin bin ich gerne in der Welt unterwegs, am liebsten am Meer und an Orten, die Kraft geben. Auf jeden Fall draußen, Wälder, Strände und Wiesen sind meine Heimat - ob in Frankreich oder in der Mongolei. Ich schreibe regelmäßig auf meinen Blogs www.reisefeder.de und www.schamanen-garten.de

3 Kommentare

  1. Liebe Andrea,
    wie gerne möchte ich die Mongolei besuchen. Habe schon viel darüber gehört und Dein Beitrag hat mal wieder richtig Lust darauf gemacht.
    1996 bin ich mit der Transsib durch die Mongolei gefahren, es war eine meiner schönsten Touren.
    Dir und Deinem Team schöne Sommertage!
    LG
    Sabine

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Liebe Sabine, die Mongolei war bislang das Schönste, was ich gesehen habe. Nicht die Landschaft an sich, aber das Land arbeitet sich in deine Seele, wenn man es lässt. Also ja, mach es unbedingt!
      Liebe Grüße
      Andrea

  2. Pingback: Mittsommernacht: Rituale für 12 heilige Tage - Kräuter, Schamanismus, Krafttiere

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