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Mongolei: Kann man überhaupt politisch korrekt verreisen?

Mongolei - Reich an Bodenschätzen

Die US-Organisation „Ethical Traveler“ hat die politisch korrektesten Reiseziele für 2016 gekürt – die Mongolei ist auch dabei. Ein Anlass für mich, eine Geschichte veröffentlichen, um die ich lange gerungen habe, sie zu schreiben . Es geht um den mysteriösen Tod eines jungen Umweltschützers, den ich letztes Jahr in der Mongolei getroffen habe.

Mongolei, Umweltschutz

Sumbee im Sommer 2015, Foto: Tibor Fuisz.

Menschenleere Steppe mit den Adlern in den Lüften und den galoppierenden Pferden auf dem Boden – das ist die Mongolei, nach der wir uns sehnen. Die Mongolei, an die ich mein Herz verloren habe. Ich habe mich in die Weite und den Duft der Taiga verliebt – und in die Menschen, die noch so verbunden mit der Natur sind. Einer von ihnen war Sumbee. Der 27-Jährige gehörte zu den beeindruckensten Mongolen, die ich auf der Reise getroffen habe. Mit blitzenden, braunen Augen saß er abends in unserer Runde am Lake Huvsgol und erzählte uns von seinen Touren zu den Schneeleoparden in der Wüste Gobi. Er erzählte uns von seiner Tätigkeit für die Umweltschutzorganisation Snow Leopard Trust in den Bergen von Tost . Dass er sich im Norden des Landes erholen musste, weil er mehrfach überfallen und sogar niedergestochen worden war, das erzählte er uns nicht. Dass er bedroht worden war aufgrund seines Engagements für die Tiere verschwieg er ebenso wie er es vermied, uns seine Narben und Wunden zu zeigen, die er von den Angriffen davon getragen hat. Stattdessen begeisterte er uns für die Schneeleoparden, riss uns mit jeden Satz mit in die Wüste Gobi, und ich nahm mir vor, ihn dort zu besuchen.

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Später erzählte uns  Unudelgerekh Batkhuu, Leiterin der lokalen Umweltschutzorganisation Mongol Ecology Center, dass sich Sumbee wie wohl kein zweiter im Land mit den sehr selten gewordenen Schneeleoparden auskennt. Er weiß, wo sie ihre Jungen bekommen, wo sie jagen und kennt ihre Schlafplätze. Er stattet sie mit GPS-Halsbändern aus, damit man sie besser überwachen kann. Die Tiere brauchen mehr denn je solche Anwälte wie Sumbee. Denn der Lebensraum der Großkatzen in der Wüste Gobi ist stark bedroht. Bodenschätze wie riesige Vorkommen an Kohle, aber auch Kupfer und Gold wecken Begehrlichkeiten und locken Bergbauunternehmen aus China, Russland oder Brasilien an. Verlockend für ein Land, das zu den ärmsten und unterentwickelsten der Erde gehört. So kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Naturschützern, Politikern und dem Bergbau.

b_taiga4Wie bedroht dieses Paradies ist, habe ich erst zu Hause bemerkt, als ich an meinem Schreibtisch saß, und mich die Nachricht erreichte, dass Sumbee gestorben ist. Er wurde tot aufgefunden. Der internationalen Organisation Global Whitness zufolge steigt die Zahl der Menschen, die ihr Leben lassen für den Umweltschutz, weltweit dramatisch an. Im Jahre 2013 waren es mindestens 116 Menschen, die für ihren Protest oder Gegenwehr gegen den Abbau von Bodenschätzen oder die Urbanisierung neuer Gebiete getötet worden sind. Oft von Drahtziehern aus Unternehmen des Bergbaus, der Energie oder der Politik und unbeachtet von der Öffentlichkeit. Wie eben auch der Tod von Sumbee. Die Polizei stuft es als Selbstmord ein. Unwahrscheinlich für einen 27-Jährigen, der so große Pläne hatte und so voller Energie war. Seine Angehörigen, sein Arbeitgeber der Snow Leopard Trust und weitere Umweltschutzorganisationen fordern nun, die mysteriösen Umstände seines Todes aufzuklären.

Dennoch zählt die Mongolei zu den politisch korrekten Reisezielen 2016 laut dem Bericht. Weil die Nomaden einen großen Anteil ihres Strombedarfs aus Solarquellen speisen.Und weil 15 Prozent der Fläche des Landes unter Naturschutz steht. Die Umweltschutzorganisation Ethical Traveler nennt den Bergbau und den Boom der Bodenschätze auch als große Herausforderung für das Land. Genau in diesem Punkt liegt die Schlüsselposition. Hoffen wir, dass es gelingt.

Und übrigens dürft Ihr diesen Artikel gerne auf Euren Sozialen Medien teilen, damit noch mehr Menschen von solchen Dingen erfahren.

Mehr über Sumbee findet sich hier: www.snowleopard.org

Nachtrag (20.4.16): Die Mongolei hat jetzt ein weiteres Gebiet unter Schutz gestellt. Wenigstens ein Anfang. http://www.care2.com/causes/mongolia-steps-up-in-big-way-to-support-snow-leopard-protection.html

Und hier finden sich sehr schöne Filme von Mongolec: http://www.mongolec.org/en/videonews/blue_waves_global_campaign1.html

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Kategorie: Nachhaltigkeit

von

Andrea Lammert

Als Reiseautorin bin ich gerne in der Welt unterwegs, am liebsten am Meer und an Orten, die Kraft geben. Auf jeden Fall draußen, Wälder, Strände und Wiesen sind meine Heimat - ob in Frankreich oder in der Mongolei. Ich schreibe regelmäßig auf meinen Blogs www.reisefeder.de und www.schamanen-garten.de

16 Kommentare

  1. Scheiße, was für eine Geschichte. 🙁
    Übrigens ist es ganz im Osten der Mongolei an der Grenze zu China wohl ähnlich. Da versuchen ein paar Leute, die letzten freilebenden Trampeltiere zu beschützen, das gefällt einigen vor Ort wohl gar nicht. Ist dort manchmal wohl auch eine Prinzipiensache, dass sich niemand in die „eigenen“ Angelegenheiten mischen soll. Ganz furchtbar, und so sinnlos.

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Danke! Ich hab die ganze Zeit Gänsehaut, Inka! Und ich hätte gerne mehr recherchiert oder geschrieben – aber das ist gar nicht so einfach, wenn dann Namen fallen und es in Detail geht. Nicht dass noch mehr sterben müssen! Ein wahnsinniger Gewissenskonflikt auch in einem selbst

  2. Wie traurig 🙁 Ich habe viele Jahre das NABU Schneeleoparden-Projekt untersützt und weiß, dass Umweltschützer, insbesondere so engagierte ein oft gefährliches Leben führen. Umso mehr verneige ich mich vor diesen Menschen, die den Mut und Courage haben, sogar ihr Leben für die Tiere, für die Natur aufs Spiel zu setzen. Leider finden solche Berichte viel zu selten den Weg in die Medien … LG, Heidrun

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Das ist auch wirklich ein Problem, weil diese Konzerne sehr mächtig sind und manchmal eben wohl auch skrupellos! Deswegen habe ich es so aufgeschrieben, wie ich es erlebt habe und nicht weiter recherchiert. Danke fürs Lesen – und gerne auch weiterverbreiten…

  3. Liebe Andrea,

    Ein super Artikel, der einen nachdenken lässt! Nachhaltiges Reisen ist eben mehr als nur die Art der Fortbewegung oder die Wahl der Unterbringung. Gar nicht so einfach, finde ich – aber umso wichtiger, sich damit zu beschäftigen!
    Danke für deinen Einblick!

    Sonnige Grüße,
    Vera

  4. Schreckliche Geschichte! Ich traue dieser Liste sowie nicht. Und überhaupt: Hat nicht gerade das Wort „Ethisch“ für jeden eine eigene Bedeutung? Und ist es nicht besonders wichtig, gerade in die nicht ganz so „ethischen“ Länder zu reisen, um zu versuchen Vorbild zu sein, den Menschen eine Idee von Umweltbewusstsein, Freiheit und Demokratie vorzustellen?
    Es ist immer, und überall, ein Unterschied, was die Regierung, die Freien Organisationen oder die Menschen vor Ort für „ethisch“ halten. Gänzlich davon unterscheidet sich dann der Blick von außen.
    Man sollte auch immer bedenken, dass gerade in armen Ländern, das tägliche Überleben wichtiger ist als der Umweltschutz.
    Danke für Deinen Artikel
    Liebe Grüße
    Ulrike

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Danke für die Worte. Ja, liebe Ulrike, das ist so. Aber wenn sich Menschen vor Ort schon so engagiert dafür einsetzen, dann ist es umso brutaler. Und es ist erschreckend, wie wenig Aufmerksamkeit ein solches Thema findet.

  5. Danke für diese Geschichte, dass du sie aufgeschrieben hast. Die Welt sieht doch immer noch mal ein Stück anders aus, wenn man sie sich selbst ansieht. Dass solche Geschichten fern der etablierten Medien doch eine gewisse Verbreitung finden, ist die große Chance des Bloggens. Auch wenn man dann plötzlich höchst selbst derjenige ist, der es aufschreibt und die Entscheidungen trifft, wieviel öffentlich einsehbar sein soll und was – zum Schutz der einzelnen Menschen – lieber nicht.

    Viele Grüße,
    Lena

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Liebe Lena, ja, die Welt sieht immer anders aus als bei google oder auf Postkarten, wenn man vor Ort ist. Das ist auch die Chance an unserem Beruf. Ja, und dafür mag ich das Bloggen auch sehr, denn hier ist die Geschichte nun „verewigt“ – und ich muss keinen fragen, sondern entscheide selbst. Das ist eine der Revolutionen unserer Zeit überhaupt – diese Art der freien Meinungsäußerung

  6. Danke für diese Geschichte und das wir Sie nun alle lesen können. Dass solche Geschichten fern der etablierten Medien doch eine gewisse Verbreitung finden, ist die große Chance des bloggens und von uns Fotografen. Danke sagt Daniela

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Danke, liebe Daniela, ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar. Und ja, das Bloggen gibt uns auch ein Stück Unabhängigkeit wieder.

  7. Liebhaber für Umweltschützer sagt

    Es ist sehr traurig wie sich mongolischen Umweltschutz Organisation ungeschützt und der Umweltschützer in Gefahr leben. Ehrlich gesagt , ich konnte nicht aushalten diesen liebenswürdigen Jungen Mann und sein Leidenschaft über Schneeleopard zu heulen. Ich bin selbst eine Mongolin die in Deutschland lebt. Es macht mich wütend über die ganze Geschichte zu hören was Selbstmord unterstellt. Ich kann ihre Artikel nur lesen und nichts bewegen. Da bin machtlos was man über diese Kriminalität betrifft. Können wir überhaupt ein privaten Detektiv zu organisieren?

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Es macht sehr wütend – und zugleich so machtlos. Wie können wir die Industrialsierung vor den Schutz unserer Erde stellen? Wenn, dann muss beides Hand in Hand gehen, solche Vorgehen dürfen einfach nicht sein.

  8. Diese Geschichte macht sowas wie traurig und wütend! Schlimm ist die Situation auch in den Regenwaldgebieten. Dennoch, ich möchte nicht den Glauben daran verlieren, dass wie alle doch zu einer etwas besseren Welt beitragen können. Denn letztlich hängt alles auf der Welt miteinander zusammen. Wer fragt denn Bodenschätze nach, so dass derartige Strukturen in den Ländern überhaupt erst entstehen können?
    In den Buch „Genug“ von John Naish, das ich sehr empfehlen kann, trifft er die Aussage, dass 1/6 der Bevölkerung fast sämtliche Ressourcen der Welt verbraucht. Und das ist die westliche Welt, zu der auch ich gehöre. Als o bin auch in in der Verantwortung. Unser ständige Konsum geht zumeist auf Kosten anderer Menschen und auf Kosten der Natur. Und da kann jeder mal kritisch auf sich selber blicken. Minimalistischer und genügsamer leben ohne in der Steinzeit zu landen, geht öfter als man denkt.
    Als Fotografin machen mich z.B. NaturfotografInnen wütend, die 10 Objektive im Schrank haben, von denen sie sieben aber nicht nutzen. Wie kann man bei so einem unnutzen Ressourcenverbrauch da behaupten, die Natur zu lieben? Aber die Indutrie wirbt und der einzelne meint, alles haben zu müssen, weil er sonst nicht mithalten könne. Dabei kann man Objektive mit anderen FotografInnen teilen oder sich von den Herstellern oder Geschäften ausleihen. Gleiches gilt natürlich für Smartphone und Klamotten. Wo keine Nachfrage, gibt’s weniger oder kein Angebot. Insofern können wir alle indirekt etwas für den Naturschutz tun. Es darf einfach nicht ein, dass Menschen wie Sumbee für unsere Lebensgrundlagen sterben müssen.

    • Andrea Lammert
      Andrea Lammert sagt

      Danke für den Kommentar und die Worte! Ja, letztendlich ist jeder selbst auch mitverantwortlich. Und wir als Blogger tragen noch ein wenig mehr Verantwortung!

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