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Europas geheimnisvolle Unterwelten

Schon komisch, dass wir oft nur das würdigen, was sich auf der Oberfläche abspielt. Dabei sind die Reiseziele untertage besonders mystisch. Wir möchten Euch sieben spannende Unterwelten aus Europa vorstellen, die uns auf Reisen besonders beeindruckt haben.

Slowenien: Tropfsteinwunder mit Grottenolm und Raubritter

Bleicher nackter Schlangenkörper mit dünnen Beinchen, kantiger Kopf mit Büscheln am Ohr? Natürlich ein Drachenbaby, dachte einst, wer Grottenolme zu Gesicht bekam. Oder doch ein „Menschenfischlein“? In der slowenischen Höhle von Postojna fühlen sich die scheuen blinden Wasserlurche jedenfalls wohl, auch wenn sie nur im „Vivarium“ am Eingang der Höhle zu sehen sind. Doch wer sich tiefer in die „Postojnska jama“ begibt, hat seine Augen ohnehin auf den Tropfsteinen aller Formen und Farben. Die größte Schauhöhle Europas umfasst mehr als 24 Kilometer an Gängen und Grotten auf mehreren Etagen – Besucher können immerhin rund fünf davon erforschen. Eine kleine Höhlenbahn transportiert sie die erste Strecke, dann geht es zu Fuß entlang an unzähligen beleuchteten Stalaktiten, wabernden Stein-Vorhängen oder spitzen Spaghetti-Tropfsteinen, die von der Decke hängen. Und zum massiven, weiß schimmernden Stalagmiten „Brillant“. Schon 1213 dokumentiert, war die Höhle längst beliebt, bevor 1818 auch Kaiser Franz I. von Österreich kam – und für ihn die erste Tropfstein-Beleuchtung. Seit 1872 gibt es eine Höhlenbahn, vorübergehend sogar ein Postamt oder auch Winnetou-Dreharbeiten. Bis heute besuchten 36 Millionen Touristen die Grotten im slowenischen Karst – mittig zwischen der Hauptstadt Ljubljana und der Adriaküste gelegen. Wer es einsamer mag, kommt im Winter. Oder erforscht neun Kilometer entfernt mit Stirnlampe und festen Schuhen die Höhle unter der 700 Jahre alten Ritterburg Predjama, die mit Postojna verbunden ist.

Der versunkene Palast von Istanbul

Stille und Kühle umgibt den Besucher hier, mitten in der hitzeflirrenden, quirligen Großstadt. Eine scheinbar unendliche Reihe von dorischen Säulen schimmert rot im sanften Scheinwerferlicht, verliert sich in der Dunkelheit. Die Säulenlandschaft spiegelt sich in der glatten Wasseroberfläche an den Säulenfüßen. „Hier war ich gemeinsam mit dem Schriftsteller Dan Brown“, erzählt Fremdenführer Serhan Güngör in bestem Oxford-Englisch. „Er war von diesem Ort so begeistert, dass er ihn in seinen Roman ‚Inferno‘ eingebaut hat.“ In dieser alten, römischen Zisterne liegt der Ort der Entscheidung – das Ziel einer langen Romanodyssee. Wer Yerebatan Sarayı einmal gesehen hat, kann die Begeisterung von Dan Brown verstehen. Es ist nicht nur der Ort selbst, sondern seine lange Geschichte. Schon vor mehr als 1500 Jahren ließ Kaiser Justinian die Zisterne im damaligen Konstantinopel anlegen – als Wasserspeicher für seinen Palast. Noch immer ist das Wasser, das aus dem bewaldeten Hochland von Istanbul stammt, kristallklar. Durch das kühle Nass gleiten gefleckte Koikarpfen. Besonders schön ist es, wenn auf der kleinen, auf Streben über dem Wasser erbauten Konzertbühne klassische Musik erklingt. Sicher einer der ungewöhnlichsten Veranstaltungsorte Europas.
Yerebatan Cad., Alemdar Mah. 1/3 Sultanahmet-Fatih/İSTANBUL

Unterirdisches Beinhaus der Superlative: Die Katakomben von Paris

130 Stufen geht es hinab, immer tiefer unter die Erdoberfläche. Die erdige, leicht modrige Luft ist konstant 14 Grad kühl. Wer hier runter will, sollte sich warm anziehen. Kleidungstechnisch genauso wie im metaphorischen Sinne – die Pariser Katakomben sind nichts für Zartbesaitete oder gar Kinder. Ein grünes Gebäude am Place Denfert-Rocherau verbirgt den Einstieg in die Unterwelt, in der zahllose gestapelte Schädel leer grinsen. Die Gebeine von sechs Millionen Menschen sollen hier, im früheren Steinbruch von Paris, lagern. Seit rund 2000 Jahren bedient man sich des Gesteins, erst in offenen Steinbrüchen, ab dem 12. Jahrhundert zunehmend unter Tage. Stollennetz und Nebengänge sollen heute um die 400 Kilometer lang sein. Paris ist unter seiner Oberfläche also durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Als die Stadt Ende des 18. Jahrhunderts explosionsartig wuchs, waren die städtischen Friedhöfe am Ende ihrer Kapazitäten. Aus Platzmangel verlegte man fortan die Gebeine in die Katakomben. Schon bald begannen die zuständigen Totengräber, Knochen und Schädel dekorativ zu den geometrischen Figuren zu ordnen, die bis heute als verstörende und morbide Werke im riesigen unterirdischen Beinhaus von Paris zu sehen sind und nicht nur zahlende Besucher, sondern auch Freunde schwarzer Messen und illegaler Untergrund-Partys anziehen.
Catacombes de Paris, 1, avenue du Colonel Henri Rol-Tanguy, 75014 Paris, Eintritt 12 €

Die Weinhöhlen von Albalate de las Nogueras

Ein steinerner Bogen wölbt sich über die grob gezimmerte Eingangstür, auf dem Dach wächst ein Grasteppich, dahinter noch einer und noch einer: Im Frühjahr, wenn die Landschaft hier in der spanischen Provinz Castilla la Mancha noch grün ist, sehen die kleinen Grashügel mit ihren Holztüren aus wie eine Hobbitsiedlung. Und nicht nur am Dorfrand von Albalate de las Nogueras findet sich das Gewirr aus dunklen Gängen im Untergrund, auch von den Häusern im Ortszentrum aus hat man Zugang zur Unterwelt. Mehr Höhlen als Einwohner gibt es hier – insgesamt 300 an der Zahl. Das war auch der Grund, dass sich während der Reconquista noch lange Araber in diesem Dorf halten konnten, die sich in den tiefen Gängen vor den christlichen Truppen versteckten. Heute nutzen die Dorfbewohner den Untergrund als Weinkeller. Beliebt sind diese nicht nur, weil dort die Weine wegen der natürlichen Kälte und Feuchtigkeit ohne Konservierungsstoffe auskommen. In den Höhlen trifft man sich, so wie andere Leute in anderen Orten sich in Bars treffen. Für Menschen aus der Umgebung ein Highlight, für Fremde ein absoluter Geheimtipp. Gerade während der Weinlese wird hier wird gemeinsam Mittag gegessen, getrunken, gespielt und sich unterhalten. Ein Stück heile Welt, das sich in die Gegenwart gerettet hat – ein bisschen wie bei Bilbo und Frodo.
Albalate de las Nogueras liegt im Norden von Cuenca, der Weltkulturerbestadt mit ihren „Hängenden Häusern“. Das Höhlendorf ist von dort aus in etwa 30 Minuten mit dem Auto zu erreichen – oder über eine achtstündige Wanderung auf der Wollroute.
Wann reisen: Weinhöhlen gibt es auch im Nachbardorf Torralba, dort allerdings außerhalb des Ortes. Beide Dörfer sind nicht nur während der Weinlese interessant, sondern auch am „Tag der offenen Weinhöhle“, der in Torralba Anfang März, in Albalate de las Nogueras Ende März gefeiert wird.
Informationen über die Umgebung von Cuenca gibt es auf Englisch unter: http://turismo.cuenca.es

Mallorca: Las Coves de Campanet

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Wer bei Höhlen auf Mallorca an kitschig beleuchtete Grotten denkt, über die Geigenspieler in Gondeln dümpeln, und abwinkt, sollte den Coves de Campanet eine Chance geben und sich überzeugen lassen, dass es auch anders geht: Die Tropfsteinhöhle – in den Ausläufern der Serra de Tramuntana und gleich um die Ecke des Zauberwalds Ses Fons Ufanes im Norden der Insel gelegen – ist weitestgehend naturbelassen und nur sparsam ausgeleuchtet. Entdeckt wurde sie im Jahr 1945 durch Zufall auf der Suche nach einem unterirdischen Wasserlauf. Die mehrsprachige Führung, die die verschiedenen Tropfsteinformationen erklärt, ist nicht nur informativ, sondern auch sehr kurzweilig. Sie führt durch Teile der Höhle mit so märchenhaften Namen wie „Verzaubertes Schloss“ oder „Wohlklingender Wasserfall“. Unter anderem gibt es in der 50 Meter tief gelegenen Höhle sehr dünne und filigrane Tropfsteine zu bewundern. Anschließend – oder vorher beim Warten auf den nächsten Einlass – lädt die von Zitrusbäumen gesäumte Sonnenterrasse auf ein Eis oder einen Kaffee ein.
Coves de Campanet: Gelegen an der Autobahn Palma – Port d’Alcúdia, Ausfahrt Nr. 37 Campanet, täglich ab 10 Uhr geöffnet

Schweiz: Europas größter unterirdischer See


Lautlos gleitet das Boot über die spiegelglatte Oberfläche des größten, natürlichen unterirdischen Sees Europas. Ab und zu taucht das Ruder mit einem sanften Platschen in das kristallklare Wasser ein, an den Felswänden zucken geheimnisvoll die Lichter aus den Taschenlampen der Bootsinsassen. Jedem Husten, jedem Lachen geben die weiten Höhlenwände eine ganz ungewöhnliche Akustik. Der Lac Souterrain liegt nahe St-Léonard, einem kleinen Dorf im Herzen des schweizerischen Wallis. 1943 haben Höhlenforscher diese Grotten mit einem Schlauchboot erstmals erforscht. Zu jener Zeit war das schwierig – das Wasser reichte vielerorts noch bis zur Decke. Erst ein Erdbeben im Wallis sorgte für Spalten im Gestein und ließ den Spiegel bis auf das heutige Niveau sinken. Seit einem halben Jahrhundert ist dieses 400 Meter lange, unterirdische Gewässer auch für Besucher zugänglich. Im dem grünlich schimmernden Wasser tummeln sich Forellen, die manchmal wie dunkle Schatten am Boot vorbeizucken.
Eine Bootstour über den See ist von Ende März bis Ende Oktober möglich und kostet 10 Franken. Lac Souterrain, Rue du Lac 21, St-Léonard

Wien – Unterkellert und leicht morbide

Rund 12 Meter unter der Erde war der Pferdestall, eine Steintränke steht noch in der Ecke. Wiens Pferde früherer Jahrhunderte müssen wirklich angstfrei gewesen sein. „Bei Fackellicht ging’s über enge, dunkle Rampen mehrere Etagen in den Keller“, erzählt Guide Barbara Timmermann. Spätestens als die Türken Wien belagerten, im 16. und 17. Jahrhundert, wurde es eng innerhalb der Stadtmauer – also bauten die Menschen unzählige Keller unter die Häuser, ein Netzwerk mit raffinierter Belüftung. Als Wohn- und Lagerraum, aber auch als Ställe, Werkstätten, Theater, Bäder und mehr. 1683 soll Wiens gesamter erster Bezirk komplett unterkellert gewesen sein: Unter der Stadt lag eine komplette zweite. Zum Teil liegt sie da noch heute: Wer im kleinen Trachtengeschäft Tostmann nahe der alten Stadtmauer viele Treppenstufen nach unten nimmt, spürt in verwinkelten Gängen und kleinen Räumen hautnah, wo die Menschen lebten, kochten, Wäsche trockneten. Zur Nazizeit wurden Bunker und Geheimgänge eingerichtet, selbst Krankenhäuser wanderten unter die Erde – die Filmvorlage für „Der Dritte Mann“ spielte eigentlich hier, nicht in der Kanalisation. Andernorts geht es in die Katakomben unterm Stephansdom. Oder in die barocke Gruft ¬unter der Michaelerkirche, wo auch mumifizierte Leichen zu sehen sind. Weniger morbide geht es in unterirdischen Clubs und Bars zu. Oder auch im „Esterházy-Keller“, einem Heurigen-Lokal, in dem – laut Schild – schon: „1683 die Verteidiger der Stadt ihren Humpen Freiwein tranken“.
www.viennawalks.com, www.unterwelt.at, www.special-vienna.com, www.wien.info

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