Nachhaltigkeit
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Vinschgau: Schneeschuhwandern in Südtirol

Weihnachten ist gelaufen, und wieder mal war’s nix mit dem Schnee. Weiße Weihnachten bleibt also auf dem Wunschzettel stehen – fürs nächste Jahr. Wer das Wintererlebnis sucht, fährt zum Beispiel in die Alpen. Gastautorin Karin Kura hat die stille Seite des Winters im Südtiroler Vinschgau entdeckt. Auf Schneeschuhen kann man dort durch ruhige und versteckte Seitentäler wandern. Dass Schnee vom Himmel fällt, lässt sich zwar nicht zu hundert Prozent versprechen, aber die Chancen stehen gut.

„Lauft’s einfach wie ein Schweizer Uhrwerk, langsam und gleichmäßig“, empfiehlt Oskar Moser, wir sind seine Schneeschuh-Wandergäste. Er bringt uns damit in einen angenehmen, entspannten Flow. Im Rojental, eines der kleinen Vinschgauer Täler. Der Vergleich mit dem Schweizer Uhrwerk ist gar nicht weit hergeholt, liegt doch die Region im Westen Südtirols, in der Nähe der Eidgenossen.
Der Schnee ist frisch, wie dicke weiße Perlen waren die Flocken in der Nacht vom Himmel gefallen. Das unberührte Weiß unter den Füßen weckt den Pioniergeist im Menschen: Wer möchte nicht als Erster seine Spur in der Winterlandschaft hinterlassen? Die Luft prickelt auf knapp 2.000 Metern Höhe, Schritt für Schritt geht’s auf den breiten Plastikschuhen im Kreuzgang vorwärts – rechter Arm, linkes Bein, linker Arm, rechtes Bein.
Es quietscht ein bisschen, wenn sich die Stockspitzen in den Schnee schrauben. Mal stapfend, schlurfend oder gleitend laufen wir sanft auf- und wieder absteigend, vorbei an mit Schneehauben bestückten alten Heuschobern. In den knallblauem Himmel ragen die Spitzen von Zehner- und Zwölferkopf, hin und wieder begegnen uns einzelne Skitourengeher.
Die geballte Ladung frische Luft macht ziemlich hungrig, und da lockt die Südtiroler Küche. Über das Rojental gelangen wir auf die Reschner Alm. Eine von zahlreichen Almen in den Vinschgauer Tälern zwischen Rechensee und Meran, die leckere wie einfache Gerichte servieren, etwa Hirten-Makkaroni oder Kräuterknödel.
Auf der Reschner Alm gibt’s noch die herrliche Aussicht auf die Ortlergruppe gratis dazu, dominiert vom majestätischen Ortler, mit 3.905 Metern Südtirols höchster Gipfel. Und man schaut über den Reschensee. Dort tanzen bunte Gleitschirme im Rhythmus des Windes. Es sind Snowkiter. Auf Skiern oder auf dem Snowboard dirigieren sie ihre Schirme über das Eis, der Rechensee ist jedes Jahr Schauplatz internationaler Snowkite-Events (z.B. die Snowkite Open vom 3. bis 5. Februar 2017).

Der eisig kalte Wind treibt die jungen Leute vorbei am Kirchturm von Graun, der einsam in Seeufer-Nähe steht. Ein hübscher, romanischer Turm und Überbleibsel des Ortes, der 1950 für einen Stausee geflutet wurde.
Der heutige Ort Graun liegt am Beginn des Langtauferer Tals. Noch so ein ursprüngliches Tal im Vinschgau. Immer tiefer hinein schlängelt sich die Straße von Graun, zehn Kilometer lang, sie berührt ein paar Dörfer und einzelne Bergbauernhöfe. In Melag, hinterste Siedlung, ist dann Schluss, die Straße endet. Ein leicht angerostetes Skilift-Gerippe erinnert daran, dass hier mal Ski-Betrieb lief, aber der wurde vor Jahren eingestellt. Es rentierte sich nicht. Zum Glück, denn so kam die Stille hierher.
Ein ganzes Stück höher befindet sich die Berghütte Maseben, auf etwas über 2.200 Metern. Man läuft eineinhalb Stunden hinauf, durch Tiefschnee, oder lässt sich vom Hüttenwirt persönlich abholen, wie wir: Rumpelnd und kettenrasselnd rollt die Pistenraupe über den Schnee. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt und im Schritttempo und mit gelber Warnblinkleuchte transportiert. Kurve um Kurve schraubt sich der unverwüstlichen Pistenbully nach oben.

„Ein Bild braucht man hier gar nicht aufzuhängen, der Blick aus dem Fenster genügt“, sagt Hüttenbetreiber Alessandro Secci stolz. Und er hat Recht: Maseben ist von Gipfeln eingerahmt, erhaben ragt da die Weißkugel heraus. Secci, der aus Sardinien stammt, übernahm im Sommer vor eineinhalb Jahren die einsam gelegene Berghütte. Nur Skitourengeher und Schneeschuhwanderer kommen im Winter herauf. Praktischerweise hat der Wirt eine Schnapsbrennerei unten im Ort Mals, und so präsentiert Secci nach dem Essen gleich einen ganzen Schnapskarren.
Eine Idee in Richtung sanfter Tourismus schwebt dem 44-Jährigen vor. Draußen läuft ein Kinder-Schlepplift, er führt bloß ein paar Meter den Hügel hinauf. „Die Übungspiste ist garantiert frei von Kunstschnee, denn Naturschnee fällt meist reichlich vom Himmel“, betont Secci. Ein Langlauf-Loipennetz, das es schon einmal gab, das würde er gerne reaktivieren.
Gleich über dem Berg liegt das österreichische Kaunertal. Einen Anschluss ans dortige Skigebiet wünschen sich einige Vinschgauer, aber bislang kam es nicht dazu. Ein Projekt in Warteschleife, heißt es. Gott sei Dank, das meinen andere. Wir auch. Denn so kann man vor der Berghütte Maseben in Ruhe die Schneeschuhe anschnallen, das Weiß glitzert, als würden Millionen Sterne funkeln. Ein paar Schritte im Kreuzgang vorwärts – und dann ist sie wieder da, die Stille.
Diese Recherche wurde unterstützt vom örtlichen Tourismusverband, Infos unter: www.vinschgau.net

Über Karin Kura:

Draußen ist es am schönsten. Egal, ob als Reisejournalistin oder privat, unterwegs in der Natur bin ich am liebsten. Aber bloß nicht zu sehr frieren! So klingt es vielleicht komisch, dass ich von Haus aus Skandinavistin bin, in Norwegen habe ich gelebt. Und dann die Himmelsrichtung gewechselt. Jetzt würde ich gerne Spanisch lernen. Wenn mal Zeit dafür bleibt. Vielleicht ja auf meiner Lieblingsinsel: La Gomera.

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