Nachhaltigkeit
Kommentare 12

Eukalyptus: Europas Pest in Baumgestalt

Vielleicht lebt ihr auch irgendwo in Nord- oder Westdeutschland. Und vielleicht habt ihr euch auch über das seltsame Licht und die bleichrote Sonnenscheibe am Himmel in den letzten Tagen gewundert? Diese Sonnenerscheinung hat tatsächlich etwas mit Eukalyptus-Bäumen zu tun – und bedeutet nichts Gutes. Heute gibt es also keine schöne Geschichte von unterwegs, sondern eine hässliche, eine von der Gier nach dem schnellen Geld.

Eigentlich liebe ich ja Bäume, besonders die großen. Und Eukalyptusbäume auf der iberischen Halbinsel wachsen förmlich in den Himmel, seit sie in Galicien im 19. Jahrhundert eingeführt wurden. Schon nach kürzester Zeit entwickeln sie mächtige Baumstämme, die sie wie Methusalems wirken lassen, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Zum Beispiel im Souto da Retorta, dem Wald der Riesen. Sie duften nach ätherischen Ölen, wiegen ihre silbrig glänzenden, blaugrünen Blätter im Wind. Bei jedem Schritt knacken die Samenkapseln unter den Füßen und verströmen Eukalyptus-Aroma. Eigentlich hübsch. Obendrein bieten sie durch ihr schnelles Wachstum in kürzester Zeit viel Rohstoff für die unzähligen Papier- und Zellulosefabriken, die sich ebenso wie der Eukalyptus auf der iberischen Halbinsel wundersam vermehren. Biomasse im Schnellverfahren, ein Superbaum. Was also reitet mich, wenn ich ihn als Europas Pest in Baumgestalt bezeichne?

Durst, Durst, Durst

Von dem ersten Grund habe ich schon beim Wandern auf Madeira erfahren. Dort tönen mitten im geschützten Lorbeerwald oft die Motorsägen – weil man sonst der sich ausbreitenden Eukalyptus-Pest kaum Herr wird. Bis zu 500 Liter Wasser braucht der Eukalyptus am Tag, seine Wurzeln bohren sich knapp 20 Meter tief in den Boden und graben der Pflanzenwelt in der Umgebung buchstäblich das Wasser ab. Er sorgt dafür, dass die heimischen Lorbeerwälder, Weltnaturerbe auf Madeira, einen langsamen Tod sterben. Vom Durst des Eukalyptus sind auch viele Bauern auf der iberischen Halbinsel nicht begeistert: Rund um die Eukalyptuspflanzungen sinkt der Grundwasserspiegel, die Felder vertrocknen. Teilweise mussten in der Vergangenheit Polizeiaufgebote die Bauern daran hindern, die Pflanzen auszuroden. Das hat sich gegeben, die Macht der Plantagenbesitzer hat sich letztendlich doch durchgesetzt. Und manche Bauern haben aufgegeben und sind dazu übergegangen, selbst Eukalyptus anzupflanzen.

Da wächst kein Gras mehr

Aber er ist doch so schön grün? Und grün ist Natur und automatisch etwas Feines? Falsch gedacht. Wo der Eukalyptus sich breitmacht, wächst buchstäblich kein Gras mehr. Ein Überlebenskünstler, in dessen Blättern sich ätherische Öle befinden, die schön duften, aber Gift sind für die meisten artfremden Pflanzen. Fallen also Eukalyptusblätter zu Boden, sorgt der Baum automatisch dafür, dass kaum noch Konkurrenz hochkommt. Das Gift in den Blättern sorgt übrigens auch dafür, dass der Eukalyptus als Nahrung für heimische Tiere vollkommen nutzlos ist. Einzig der Koala könnte damit etwas anfangen, aber den gibt es hier nunmal nicht.

Feuerinferno

Alle Jahre wieder brennen die Wälder auf der iberischen Halbinsel. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches, gehört zum Kreislauf der Natur. Aber Waldbrand ist nicht gleich Waldbrand. Wenn ihr zu Haus einen Kaminofen habt, kennt ihr vielleicht das Phänomen: Eichenholz ist schwer, brennt sehr langsam und stetig ab. Das hat den Vorteil, dass man nicht so oft nachlegen muss. Das Gegenteil ist bei Nadelholz der Fall: Die ätherischen Öle sorgen dafür, dass ein trockener Holzscheit buchstäblich wie Zunder herunterbrennt. Die Temperatur steigt schlagartig an und man muss ganz schnell die Sauerstoffzufuhr herunterdrosseln, wenn man nicht will, dass der Ofen Schaden nimmt. Ähnlich brennt auch der Eukalyptus mit seiner luftig-faserigen Struktur und den ätherischen Ölen, die wie Brandbeschleuniger wirken. Da entwickeln sich unfassbar hohe Temperaturen in kürzester Zeit. Pflanzensamen, die auf der iberischen Halbinsel normalerweise einen Waldbrand überstehen würden und danach wieder neue Vegetation sprießen lassen, überleben dieses Temperaturinferno nicht. Nur wenige Samen bilden da die Ausnahme, der wichtigste, ihr werdet es erraten, ist der Eukalyptussamen. Er ist halt ein Überlebenskünstler.

Und wer denkt, was geht mich das an, das hat doch alles nichts mit uns zu tun: Die Waldbrände in Portugal und Spanien haben in den letzten Tagen nicht nur Dutzende Menschenleben gefordert. Sie waren so intensiv, dass die Rauchpartikel bis nach Nord- und Westdeutschland gezogen sind. So hat der Eukalyptus im Prinzip dafür gesorgt, dass sich hier die Sonne verdunkelt. Ich war gerade erst Ende September in Galicien unterwegs, vor allem in der Provinz Ourense. Es bricht einem das Herz zu sehen, was jetzt plötzlich dort los ist. 🙁

12 Kommentare

  1. Andrea Wagner sagt

    Das ist wirklich ganz schlimm mit den Bränden. Wieder hat der Mensch das Ökosystem durcheinander gebracht nur wegen der Geldgier.
    LG Andrea

    • Woran man dabei gar nicht denken mag, dass viele Brände sogar von Hand gelegt wurden – um noch mehr Platz für Eukalyptuspflanzungen zu schaffen 🙁 Die Brandstifter haben viele Menschenleben auf dem Gewissen.

  2. Toller Beitrag. Ich kenne die Eucalyptus-Bäume in Europa bisher nur aus Portugal. Dass sie auch in Spanien inzwischen so ein Problem sind, wusste ich nicht.

    • Die kamen meines Wissens sogar aus Spanien nach Portugal, Galicien liegt ja direkt an der Grenze. Dort wurden wohl auch die ersten Eukalyptus-Bäume Europas angepflanzt. Inzwischen sind sie nicht nur in Portugal und Galicien, sondern auch in Asturien und der Extremadura ein riesiges Problem.

  3. Sehr guter Beitrag ! Habe die Eucalyptus Bäume auf Korsika gesehen. Sehr schade, dass die heimischen Pflanzen von ihnen verdrängt werden !

  4. Almuth sagt

    Danke für den tollen und informativen Beitrag. Vieles wußte ich über den Eukalyptus noch nicht. Anfang der 90er war ich in Galicien im Urlaub und hab mich damals schon über diese Monokulturen gewundert bzw. aufgeregt, die auch noch alle Nase lang in Brand standen. Es waren sicher nicht alles gelegte Brände, aber ich kann mir vorstellen, daß diese „ätherischen“ Wälder schnell Feuer fangen. Mir war allerdings nicht klar, daß es dabei auch um großangelegten Plantagenanbau geht. Und daß dieser Baum zu zerstörerisch für andere Arten ist, auch nicht. Mannomann, da hat der Mensch wirklich mal wieder aufs derbste eingegriffen. Vielleicht führt die jetzige Katastrophe zu einem Umdenken. Hoffentlich !

    • Liebe Almuth, danke für dein Lob! Ich hoffe auch, dass sich bald was ändert, allerdings: Das Thema Eukalyptus brandete schon einmal in den 1990er Jahren durch die Medien. Bewirkt hat das wenig, im Gegenteil. Die Anbauflächen haben sich seitdem verdoppelt. 🙁

  5. Sehr interessanter Artikel, mit vielen Inhalten, die mir noch nicht bewusst waren, ausser, dass in Spanien bereits bei meinen Spanienreisen zu Beginn der 80er Jahre grosse Flächen mit diesem Papierindustrie-Holz bebaut waren, und da waren die Bäume schon gross, also dürfte das noch zu Francos Zeiten begonnen haben, zu einer Zeit, zu der auch wir alle ausserhalb der iberischen Halbsinsel exzessiven Papiergebrauch für eh alles „gelernt“ haben, für das Skandinavien allein mit Nadelwald anscheinend nicht mehr ausreichend produzieren konnte.
    Wir müssen uns alle an die Nase fassen, auch die okölogisch Nachdenklicheren, die beruhigten Gewissens statt Plastik Papiertüten verwenden. Für das Abschminken oder Abputzen von Nase, Popo und auch in der Küche das Wegwischen am liebsten einwegig und mehrlagig durchzuführen, ist ein Luxus, der auch erstmal irgendwo aus dem Boden wachsen musste. Wer pro Kind zwei bis drei Jahre lang Wegwerfwindeln verwendet, ist bei der Papier- und Zelluloseverwendung ganz vorn mit dabei.
    Ein Glück nur, dass wenigstens der Gebrauch von Kopierpapier in Firmen und Behörden langsam zurückgeht und immer mehr Leute elektronisch papierfrei lesen, aber das ist vergleichsweise lächerlich wenig, wenn Papierservietten und Verpackung von fastfood aus Materialien vom Baum eher noch häufiger verbraucht werden, denn weniger als 30 % der deutschen Bevölkerung kochen überhaupt noch, aber irgendwo essen sie alle, und jedem, der gerade einen Coffee2go-Becher in der Hand hält, sollte er dort endlich mal Gewissensbrandblasen verursachen, bevor er im Papierkorb beim anderen Einwegpapier landet.
    Die Eukalyptuswälder der iberischen Halbinsel haben aber noch eine weitere Eigenschaft: sie sind still. Falls jemand darin tatsächlich einen einzelnen Vogel sieht oder hört, hat der sich verirrt und noch nicht bemerkt, dass es darin nichts zu futtern gibt, weder Sämereien noch Insekten, die für Kleintiere zur Nahrung taugen, am Boden nicht, und die Blattläuse und Bienen, die zur Blütezeit dort zu finden sind, taugen auch nicht für viele Arten.
    Wie ich in einem inzwischen sehr alten WELT-Artikel aus dem Jahre 1996 (zum Googeln: DIE WELT – Protest gegen Anbau von Eukalyptus Von HANS E. LEX | Veröffentlicht am 20.08.1996 ) las, verbrauchen Eukalyptusbäume nicht nur Wasser, sondern das bei der Ernte aufgerissene Holz gibt auch sein ätherisches Öl frei, (bei der Papierproduktion ja sowieso), dieses verschmutzt die Gewässer, in denen die Organismen darauf ebenso reagieren, wie im Waldbestand: das Wasser wird lebensfeindlich.

    • Wow, Danke für deinen engagierten, ausführlichen Kommentar, der mich noch mehr ins Nachdenken gebracht hat. Gerade habe ich gegoogelt und tatsächlich wird Eukalyptus auch in der Bauindustrie immer noch als Geheimtipp, ökologisch und nachhaltig beworben. 😮

  6. Liebe Iris, ich kenne das vom Jakobsweg. Auf den letzten 200 km vor Santiago gibts auch immer wieder Plantagen. Schrecklich der nackte Boden.

    • Liebe Stefanie,
      😮 sogar am Jakobsweg?Manche würden sogar die unbewaldeten Bergkuppen aus Frankos Zeiten dem Eukalyptuswald vorziehen. Da konnte man wenigstens noch die Ziegen grasen lassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.