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Eukalyptus: Europas Pest in Baumgestalt

Vielleicht lebt ihr auch irgendwo in Nord- oder Westdeutschland. Und vielleicht habt ihr euch auch über das seltsame Licht und die bleichrote Sonnenscheibe am Himmel in den letzten Tagen gewundert? Diese Sonnenerscheinung hat tatsächlich etwas mit Eukalyptus-Bäumen zu tun – und bedeutet nichts Gutes. Heute gibt es also keine schöne Geschichte von unterwegs, sondern eine hässliche, eine von der Gier nach dem schnellen Geld.

Eigentlich liebe ich ja Bäume, besonders die großen. Und Eukalyptusbäume auf der iberischen Halbinsel wachsen förmlich in den Himmel, seit sie in Galicien im 19. Jahrhundert eingeführt wurden. Schon nach kürzester Zeit entwickeln sie mächtige Baumstämme, die sie wie Methusalems wirken lassen, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Zum Beispiel im Souto da Retorta, dem Wald der Riesen. Sie duften nach ätherischen Ölen, wiegen ihre silbrig glänzenden, blaugrünen Blätter im Wind. Bei jedem Schritt knacken die Samenkapseln unter den Füßen und verströmen Eukalyptus-Aroma. Eigentlich hübsch. Obendrein bieten sie durch ihr schnelles Wachstum in kürzester Zeit viel Rohstoff für die unzähligen Papier- und Zellulosefabriken, die sich ebenso wie der Eukalyptus auf der iberischen Halbinsel wundersam vermehren. Biomasse im Schnellverfahren, ein Superbaum. Was also reitet mich, wenn ich ihn als Europas Pest in Baumgestalt bezeichne?

Durst, Durst, Durst

Von dem ersten Grund habe ich schon beim Wandern auf Madeira erfahren. Dort tönen mitten im geschützten Lorbeerwald oft die Motorsägen – weil man sonst der sich ausbreitenden Eukalyptus-Pest kaum Herr wird. Bis zu 500 Liter Wasser braucht der Eukalyptus am Tag, seine Wurzeln bohren sich knapp 20 Meter tief in den Boden und graben der Pflanzenwelt in der Umgebung buchstäblich das Wasser ab. Er sorgt dafür, dass die heimischen Lorbeerwälder, Weltnaturerbe auf Madeira, einen langsamen Tod sterben. Vom Durst des Eukalyptus sind auch viele Bauern auf der iberischen Halbinsel nicht begeistert: Rund um die Eukalyptuspflanzungen sinkt der Grundwasserspiegel, die Felder vertrocknen. Teilweise mussten in der Vergangenheit Polizeiaufgebote die Bauern daran hindern, die Pflanzen auszuroden. Das hat sich gegeben, die Macht der Plantagenbesitzer hat sich letztendlich doch durchgesetzt. Und manche Bauern haben aufgegeben und sind dazu übergegangen, selbst Eukalyptus anzupflanzen.

Da wächst kein Gras mehr

Aber er ist doch so schön grün? Und grün ist Natur und automatisch etwas Feines? Falsch gedacht. Wo der Eukalyptus sich breitmacht, wächst buchstäblich kein Gras mehr. Ein Überlebenskünstler, in dessen Blättern sich ätherische Öle befinden, die schön duften, aber Gift sind für die meisten artfremden Pflanzen. Fallen also Eukalyptusblätter zu Boden, sorgt der Baum automatisch dafür, dass kaum noch Konkurrenz hochkommt. Das Gift in den Blättern sorgt übrigens auch dafür, dass der Eukalyptus als Nahrung für heimische Tiere vollkommen nutzlos ist. Einzig der Koala könnte damit etwas anfangen, aber den gibt es hier nunmal nicht.

Feuerinferno

Alle Jahre wieder brennen die Wälder auf der iberischen Halbinsel. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches, gehört zum Kreislauf der Natur. Aber Waldbrand ist nicht gleich Waldbrand. Wenn ihr zu Haus einen Kaminofen habt, kennt ihr vielleicht das Phänomen: Eichenholz ist schwer, brennt sehr langsam und stetig ab. Das hat den Vorteil, dass man nicht so oft nachlegen muss. Das Gegenteil ist bei Nadelholz der Fall: Die ätherischen Öle sorgen dafür, dass ein trockener Holzscheit buchstäblich wie Zunder herunterbrennt. Die Temperatur steigt schlagartig an und man muss ganz schnell die Sauerstoffzufuhr herunterdrosseln, wenn man nicht will, dass der Ofen Schaden nimmt. Ähnlich brennt auch der Eukalyptus mit seiner luftig-faserigen Struktur und den ätherischen Ölen, die wie Brandbeschleuniger wirken. Da entwickeln sich unfassbar hohe Temperaturen in kürzester Zeit. Pflanzensamen, die auf der iberischen Halbinsel normalerweise einen Waldbrand überstehen würden und danach wieder neue Vegetation sprießen lassen, überleben dieses Temperaturinferno nicht. Nur wenige Samen bilden da die Ausnahme, der wichtigste, ihr werdet es erraten, ist der Eukalyptussamen. Er ist halt ein Überlebenskünstler.

Und wer denkt, was geht mich das an, das hat doch alles nichts mit uns zu tun: Die Waldbrände in Portugal und Spanien haben in den letzten Tagen nicht nur Dutzende Menschenleben gefordert. Sie waren so intensiv, dass die Rauchpartikel bis nach Nord- und Westdeutschland gezogen sind. So hat der Eukalyptus im Prinzip dafür gesorgt, dass sich hier die Sonne verdunkelt. Ich war gerade erst Ende September in Galicien unterwegs, vor allem in der Provinz Ourense. Es bricht einem das Herz zu sehen, was jetzt plötzlich dort los ist. 🙁

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Vom heimischen Bauernhof ins Chemielabor und raus in die weite Welt: Heute lebe ich als Journalistin und Autorin - back to the roots - im Weserbergland und darf die Reiselust mit der alten Leidenschaft für Naturthemen verbinden. In unserer binationalen Familie sind wir als Grenzwandler zwischen Deutsch und Spanisch unterwegs.

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