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Wolle Wolle kaufe? Eine Meeresbiologin und ein Schafwollzentrum

Die Welt ist so groß und manchmal doch so klein. Da entdecke ich plötzlich eine Verbindung zwischen zwei Orten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Der eine eine winzige Siedlung in Spanien, der andere ein Dorf in Tirol. Beide verbindet Schafwolle auf besondere Weise:

Im winzigen Cela nördlich der Römerstadt Lugo in Galicien lebt eine Meeresbiologin. Eine von vielen Akademikerinnen, die nach der Wirtschafts- und Finanzkrise in Spanien ihren Job verloren haben. Und die sich dachte: Nein, ich bin kein Mensch fürs Däumchendrehen. Wenn ich mit meinem Beruf nicht mehr meine Brötchen verdienen kann, dann versuche ich eben, mit meinem Hobby ein Auskommen zu finden – dem Korbflechten. Und weil ihr das wissenschaftliche Herumexperimentieren einfach im Blut liegt, baut Idoia Cuesta hinter ihrem Haus ein Feld mit verschiedenen Weidensorten an.

Sie experimentiert mit deren natürlichen Farben und ihrer Formbarkeit. Heraus kommen Unikate, die niemand sonst auf der Welt so herstellt. Mit ihrer kleinen Manufaktur hat sie inzwischen große Designer auf sich aufmerksam gemacht – und ihre Produkte gibt es auf den Laufstegen dieser Welt. Längst reicht ihr auch Weide nicht mehr als Flechtmaterial, sie macht Schmuck aus Birkenrinde und Taschen und Umhänge aus einem weiteren ungewöhnlichen Material – Schafwolle. Aber nicht gefilzt, nicht gestrickt, sondern geflochten.

Und die bezieht sie wo? In Österreich natürlich! Idoia erzählt uns, dass es die dicken Schafwoll-Stränge, mit denen sie arbeitet, nur dort in dieser Qualität gebe.

Wolle vom Tiroler Bergschaf

Und da ist sie auch schon, die andere Geschichte. Sie spielt in Umhausen im Ötztal, das ich kürzlich als Alternative zur Schneeschuhwanderung besucht habe. Dort gibt es das Ötztaler Schafwollzentrum. Es riecht nicht nur nach Schaf, wenn man die heiligen Hallen betritt. Hier gibt es Wolle in allen Ausprägungen, ungewaschen und gewaschen, ungekämmt und gekämmt, als Stränge bzw. „Dochtwollschnüre“, gefilzt und ungefilzt, naturweiß, naturbraun und knallbunt.

 

Schon seit drei Generationen gibt es diesen Familienbetrieb, der ursprünglich als Flachsspinnerei angefangen hat. „Seit den 1950ern kämmen wir auch Wolle“, erzählt der 76-jährige Seniorchef Johannes Regensburger. Damals wuschen die Bäuerinnen die Wolle noch zu Hause und brachten sie zum Kämmen hierher.

Vor allem Teppiche produzierten sie damals, denn die Wolle des Tiroler Bergschafs ist besonders robust und schmutzabweisend, allerdings auch gröber als andere Wolle. Als noch robuster gilt die Wolle des grauen Steinschafs. „Milchschafe hingegen haben viel feinere und weichere Wolle, aber die hat den Nachteil, dass sie fast nicht filzt“, sagt Johannes Regensburger.

Man muss immer sehen, wofür die Wolle gebraucht wird, um sie ganz individuell auf den Kunden abzustimmen. Wenn das Produkt nach der Schur hier ankommt, sortieren die Mitarbeiter sie nach Farben und Schafrassen. Erst danach geht es in die Waschanlage.

Und da liegt auch schon das Problem bei der sonst üblichen Massenware: Etwa 95 Prozent der weltweiten Wollproduktion wird in China gewaschen, das macht alles zu einem Einheitsbrei. Und für so kleine Betriebe wie diesen stellt niemand mehr Maschinen her. Die meisten im Schafwollzentrum sind deshalb schon sehr alt – oder Marke Eigenbau. Zum Glück gibt es mit Sohn Michael in der nächsten Generation einen Maschinenbauer, der sich nicht nur um die Wartung der alten Mechanik, sondern auch um die neuen „Maschinen-Kreationen“ kümmert.

Seit 1998 läuft hier eine Waschanlage. Das ist schon verrückt: Während rundherum Betriebe wie Dominosteine fielen und aufgaben, investierte die Familie Regensburger. Aber das hat nicht nur das wirtschaftliche Überleben gesichert, die Nachfrage ist gestiegen: „Die Leute sind immer mehr auf der Suche nach nachhaltigen Produkten – und das spüren wir“, sagt Johannes Regensburger, von seiner Familie liebevoll „Wollgott“ genannt.

From Sheep to Shop

„Unser Vorteil als kleine Wäscherei ist, dass wir Wolle in kleinen Mengen separat waschen“, sagt Regensburger. „Und wir haben kurze Transportwege.“ Vom Bauern zum Fertigprodukt lässt sich alles lückenlos nachvollziehen. „From Sheep to Shop“ nennen sie das Prinzip. Für ihre selbst kreierte „Waschstraße“ verwenden sie nur Soda und eine extra entwickelte Seife ohne Tenside. Was an Schmutz herausfällt, wird zu Pellets gepresst – als hochwertiger Garten-Langzeit-Dünger. Und die bunten Farben gibt es ganz ohne Schwermetalle, lichtecht über so genannte „Säurefarbstoffe“.

Und dann muss ich direkt nachfragen, ob eine Kunsthandwerkerin aus Spanien zu ihren Kunden gehört. Da müsse er in den Unterlagen nachschauen, sagt er. Aber es sei sehr gut möglich, denn inzwischen habe man Kunden in ganz Europa.

Tja, von wegen auf dem Land sind sie rückständig. In die Tiroler Bergdörfer und die galicische Provinz muss fahren, wer Kreative treffen will.

Diese Recherche fand mit Unterstützung von Ötztal-Tourismus und Turismo de Galicia statt.

P.S. Wolle noch mehr Wolle? 🙂

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  1. Pingback: Neuer Beitrag auf dem Reisefeder Blog über unser Schafwollzentrum erschienen - Ötztaler Schafwollzentrum

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