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Per Bahn zum Zwergenkönig – Kann man nachhaltig Skifahren?

Wie ist das in Zeiten des Klimawandels, wenn man im Schnee toben und trotzdem umweltfreundlich bleiben will? Geht Ski & Rodel auch nachhaltig? Auf der Suche nach einer Antwort: Ab nach Südtirol!

Die Lok schnauft den Berg hinauf, hoch zum Brenner, Blick nach draußen: Schnee!!! Ein bisschen erst, zwischen den Bäumen, dann mehr, dann geschlossene Schneedecke. Endlich! Denn die norddeutsche Tiefebene hat wieder mal so gut wie kein Naturweiß zu bieten. Ganz anders die Alpen, weit oben – die Kinder sind begeistert (die Großen auch….)

Parallel zur Zugstrecke windet sich abwechselnd links und rechts eine Straße das enge Tal hinauf und rüber nach Südtirol, bis nach Bozen.

Dort auf der Straße startet klassischerweise der Ski-Urlaub. Auf vier Rädern, die eigenen Bretter und Skischuhe an Bord. Aber erstens besitzen wir Flachlandtiroler eh keine Skiausrüstung – höchstens für Langlauf; und zweitens sagen die Experten: Den größten Teil des CO2-Fußabdrucks macht die individuelle Anfahrt aus. Bis zu 85 Prozent! Also fahren wir doch mal mit der Bahn fast direkt ins Familienskigebiet… (Läuft die in Österreich und Italien eigentlich auch mit Ökostrom?)

Mitten in die Dolomiten wollen wir, wo Zwergenkönig Laurin und sein Rosengarten locken. Bei Carezza im Eggental soll der sagenhafte zornige König geherrscht haben – für die Kleinen winkt er an Kinderpisten und auf Speisekarten. Für die Großen soll er sich abends beim Sonnenuntergang zeigen, heißt es.

Ankunft auf der Piste

Entspannter ist es das Zugfahren allemal, nicht nur für die Fahrer. Ab München geht die Bahn mehrmals am Tag direkt bis Bozen in den Dolomiten. Dort wo Ötzi heute schlummert in seinem Museum. Wer früh morgens in Norddeutschland losfährt, kommt noch zum Kaffeetrinken an. Oder zum Skiausleihen.

Die letzte Dreiviertelstunde bis ins Skigebiet Carezza allerdings geht’s dann doch noch mal im Auto (Elektro- oder Wasserstoff-Motor wäre jetzt perfekt.Oder wenigstens ein Bus, den Viele teilen.) Aber ab Ankunft könnten wir ganz ohne Transport auskommen, denn das Hotel liegt mitten auf der Piste, mit eigenem Skilift. Also raus aus den Federn, rein in den Schnee – das geht!

Im Eggental am Karersee, italienisch: Carezza

Carezza-Ski ist ein recht kleines Skigebiet, kaum schwarze Pisten, die meisten der 41 Abfahrten sind blau oder rot. Und als Skischaukel mit Schlepp- oder Sessel-Liften so miteinander verknüpft, dass man gut rumkommt am Tag. Von der Talstation Welschnofen auf 1343 Metern bis zum höchsten Punkt, der Kölner Hütte, knapp tausend Meter höher, mit dem Rosengarten-Felsmassiv im Rücken und Blick auf das Latemar-Massiv. Dazwischen liegen andere Pausenhütten, zwei Lernparks für kleine Brettl-Neulinge, gefühlt ewig lange Rodelbahnen und mehr.

Langlauf-Loipen sind gespurt. Schneeschuh kann man laufen oder lange Strecken wandern. Den Sagenwanderungsweg, den Agatha Christie Weg oder die Elisabeth-Promenade. Denn die Gegend um den Karersee war schon im 19. Jahrhundert beliebt – in dem Grand Hotel Karersee – das heute leider leer steht – stiegen Agatha Christie und Karl May ebenso ab wie Winston Churchill oder eben Kaiserin Sisi, Elisabeth. Vermutlich eher im Sommer.

Mit oder ohne Ski lässt sich auch die weit oben gelegene Paolina-Hütte besuchen – zu ihr führte um 1950 der erste Skilift der Gegend, einer der ersten in ganz Südtirol. Und bestimmt gab’s damals auch schon „sauleckere“ Jausen, frischen Kaiserschmarrn, heißen Kakao. Sogar Vögel genießen den tollen Ausblick von der Sonnenterrasse. Diesen Teil der Dolomiten gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe.

Klimaneutral?

Verständlich, dass sich Carezza als Familienskigebiet positioniert. Und als möglichst umweltfreundlich, der Slogan lautet „So grün ist der Winter!“. Bis 2022 will man klimaneutral sein, als Teil eines Südtiroler Bündnisses. Schon seit einigen Jahren laufen die Schneekanonen und die Lifte mit Ökostrom, ein eigens eingerichtetes Speicherbecken sammelt das Wasser für den Kunstschnee. Mit kleinen Kindern brauchen wir aber doch wieder Bus oder Hoteltaxi, um zum Skikindergarten zu kommen, denn die Kurzen können noch nicht auf den Schlepplift.

Geht Skifahren überhaupt umweltfreundlich? Am besten auf Naturschnee und zu Fuß den Berg hoch. Aber Naturschnee-Pisten sind mittlerweile selten in Mitteleuropa, Schneekanonen sind Standard, die machen einen dichteren Schnee, der länger vielen Skifahrern standhält und sich in seiner Qualität auch noch den Sonnen- oder Schatten-Hängen anpassen lässt. Und am Abend kommen die Schneewalzen und verteilen das kostbare Weiß wieder neu vom Rand in die Mitte der Pisten, füllen Lücken auf, sorgen für gute Pisten.

Ist das nicht Augenwischerei?

… frage ich mich. Im Internet kursieren Bilder von von schmelzenden Gletschern. Von Skipisten, die das einzige Weiß an braun-grünen Berghängen darstellen. Kunstschnee natürlich. Aber offenbar kommt immer drauf an: Wenn Orte wie Carezza relativ hoch liegen, ist das schon mal gut in Zeiten der Erderwärmung. Da ist es dann im Winter auch noch richtig kalt. Nordhänge oder Südhänge? Und wieviel Winter muss es eigentlich sein?

Für eine lange Saison könnte man die Schneekanonen von Oktober bis Mai laufen lassen – doch in Carezza folgt man der „Naturkälte“. Die Saison beginnt erst, wenn es mehrere Nächte unter minus sieben bis acht Grad hat, erklären die Einheimischen. Etwa Ende November ist das meistens. Dann braucht es am wenigsten Energie, um die Hänge binnen einer Woche richtig einzuschneien – und dann können die Kanonen bis zum Saisonende im März möglichst schweigen. Kommt dazu noch echter Schnee vom Himmel, umso besser, dann braucht es weniger künstliches Weiß.

Mit der Natur?

Dass die Natur sowieso ihre eigenen Zeichen setzt, hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt. Vor zwei Jahren hat ein massiver Herbststurm das Tal von unten aufgerollt, die Hangwälder wie Zahnstocher geknickt und die Dörfer isoliert. Ein Jahrtausendsturm, heißt es, noch immer sind die Wunden deutlich sichtbar. Und im vergangenen Jahr lagen zwar Bayern und Österreich unter enormen Schneedecken, auf der Rückseite der Alpen: Pustekuchen. Für Loipen oder Schneeschuh-Strecken reichte das Weiß nicht – das hat Carezza dann in dem Jahr einfach sein lassen.

Auch die Sage vom Zwergenkönig Laurin zeigt, dass die Natur „ihren eigenen Kopf“ hat: Der kleine Herrscher hatte einst einen prächtigen Rosengarten auf einer Ebene mitten im Felsmassiv oberhalb von Carezza. Dort versteckte er sich mit seiner Tarnkappe, nachdem er eine ihm verwehrte Königstochter entführte hatte. Die schwankenden Rosen aber verrieten seine Bewegungen, sodass Laurin den Garten verfluchte: Bei Tag wie bei Nacht sollte ihn keine Menschenseele mehr sehen können.

Weil der zornige Zwergenherrscher aber die Dämmerung vergessen hatte, glüht der Garten jetzt doch manchmal: Prächtige Sonnenuntergänge tauchen die Felswände kurz, aber heftig in leuchtendes Rosenrot. Sagenhaft.

FAZIT

Also wie macht man nun möglichst nachhaltig Skiurlaub? Gelernt habe ich:

  • Schon mal nicht in großen Hotelanlagen, vor allem nicht in neu gebauten. Besser in kleineren Hotels, etwa familienbetrieben und möglichst alteingesessen, oder in Ferienwohnungen;
  • in kleineren Skigebieten mit rund 40-60 Pistenkilometern, deren Abfahrten und Lifte gut in der Naturlandschaft eingebunden und miteinander verknüpft sind, die auf moderne Technik setzen, aber keine neue Pisten/Lifte mehr anlegen;
  • nahe an den Pisten/Liften oder mit Busverbindung dorthin;
  • mit nachhaltiger Anreise, möglichst kein oder wenig Individualverkehr;
  • wo die Skigebiete per se nachhaltig funktionieren, statt ihre Umweltfreundlichkeit mit Ausgleichszahlungen aufzupolieren;
  • zur Winterzeit statt im Frühherbst oder Frühling. Eine ausgedehnte Saison funktioniert nur in hohen Höhenlagen oder ggf. auf Gletschern.

Gut zu wissen

– Mehr Informationen und Details über die Urlaubsregion bei Eggental Tourismus und Tourismus Südtirol.
– Das Familienhotel Moseralm liegt direkt auf der Piste, einige andere sehr nah an den Talstationen.
– Wenn Eltern einen Skipass kaufen, ist er für Kinder bis acht Jahren umsonst.

Diese Recherche wurde unterstützt von Eggental Tourismus.

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"Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon" - so wahr! Also fuhr ich als Kind in Büchern um die Welt, bis nach Taka-Tuka-Land. Heute bin ich "in echt" unterwegs und schreibe manches Buch selber ;) Per Bahn, Pedale, Paddel und per pedes reise ich am liebsten, als Wissenschaftsjournalistin, Reiseautorin und Fotografin immer mit offenem Blick. Und einem Faible für Sprachen. In Bolivien und der Arktis, Australien, China oder Island. Slowenien, Polen. Finnland. Ach... Reisen!

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    Hallo Dörte,

    danke für diesen wertvollen Beitrag. Ich persönlich finde es sehr wichtig mehr über das Thema Nachhaltigkeit und Skifahren/Snowboarden zu berichten. Deshalb vielen Dank für den aufschlussreichen Beitrag.

    LG Stefan

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