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Sámediggi: Im Parlament der norwegischen Samen

Seit dem Jahr 2000 haben die Samen in Nordnorwegen ein ganz modernes Parlamentsgebäude: Das Sámediggi in Karasjok beherbergt auch die größte Bibliothek mit samischen Werken im Norden.Kåre Balto wartet schon. Der Bibliotheksleiter steht an der Tür des Samediggi und heißt uns, die deutsche Besuchergruppe, willkommen. Gleich darauf stehen wir in dem lichten Gebäude des samischen Parlaments. Im Jahr 2000 eröffnet, sticht das Gebäude, das an einen Eisberg erinnert, in der von Birken dominierten Landschaft hervor. Erbaut wurde es aus lokalen Materialien wie Schiefer, Stein und sibirischer Lärche; das Holz wird in der Witterung noch ganz ergrauen.

Entworfen haben das auffällige Gebäude Stein Halvorsen und Christian Sundby, König Harald von Norwegen weihte es im November 2000 feierlich ein. Viele Samen sind stolz auf das eigenwillige Parlamentsgebäude, andere mögen es mit seiner Eisberg-Anmutung nicht. „Nicht unser Stil“, sagen sie, „schroffer Stein ist nicht das Material, aus dem die traditionellen Lavvos, unsere Zelte, sind, und Eisberge gibt es hier auch nicht.“ Wie auch immer: Seit knapp 20 Jahren finden im Samediggi Parlamentssitzungen statt, nachdem es 1989 die erste Parlamentssitzung der norwegischen Samen überhaupt gegeben hatte.

Kunst im Sitzungssaal

Bevor wir die Bibliothek besuchen, übergibt Kåre vorerst an Tom Sottinen. Der in blaue Samentracht gekleidete Organisator der Sitzungen führt uns über einen Flur, dessen Boden aus Alta-Schiefer (gewonnen in der Nähe der nordnorwegischen Küstenstadt Alta mit ihren steinzeitlichen Felsritzungen) besteht und der hölzerne Wände hat, zum Sitzungssaal. Samische Sprichwörter, aus Metall geschmiedet, schmücken das Holz. Bei einer Glastür biegen wir links ab und stehen kurz darauf im Sitzungssaal – beeindruckt vom großen blauen Kunstwerk, das sich hinter dem Rednerpult erstreckt.

Die Künstlerin Hilde Skanke Jansen

Hilde Skancke Pedersen

Hoch angebrachte Fenster lassen das Tageslicht in den halbrunden, oben spitz zulaufenden Saal fallen, wo es auf nordisch schlichte, in hellem Holz gehaltene Möbel trifft. Die kegelartige Form des Plenarsaals ist inspiriert von der Gewohnheit der Völker im feuchtkühlen Norden, Holz zum Trocknen zeltartig aufzustellen.

Eines aber dominiert alles: Das große blaue Gemälde stammt von Hilde Skancke Pedersen, und nachdem die Besuchergruppe es mit seinem tiefen Blau auf sich hat wirken lassen, kommen Fragen auf: Setzt sich die Zivilisation in Kreisen fort? Sind Steine im Wasser dargestellt? Grundsätzlich stellen die Samen keine Kunstwerke, nichts Bleibendes her, lkernen wir – dies ist in ihrer Kultur des nomadischen und halbnomadischen Lebens mit den Rentierherden begründet. Ihre Kunstwerke sind aus natürlichen Materialien und gehen immer irgendwann zurück zur Natur. Tom winkt uns nochmal raus aus dem Saal: Das Kunstwerk hat zwei Seiten, die Hinterseite, außen, zeigt heiligen Stein. Leider verdeckt ein Teil des Gebäudes die Rückseite; spannend ist die Zweiteilung aber allemal.

Ehrenamtliches Engagement

Die Kultur-Ratgeberin Silja Somby kommt hinzu und erzählt uns das Wichtigste über das Parlament uSilja Somby im Sitzungssaalnd die samische Kultur und die samischen Sprachen. 39 Abgeordnte hat das Parlament, erfahren wir, sie entstammen sieben Wahlbezirken und tragen bei ihren Versammlungen in der Regel die oft farbenfrohen, ganz unterschiedlichen Trachten ihrer jeweiligen Region. Nur sechs der Parlaments-Mitarbeiter sind angestellt, darunter Organisator Tom Sottinen. Der Abgeordneten engagieren sich normalerweise ehrenamtlich für die Belange der norwegischen Samen. Interessant ist, dass bei jeder Sitzung immer gleich vier Übersetzer*innen anqwesend sind. Denn jeder und jede Abgeordnete spricht hier in der Sprache, in der sie oder er sich am besten ausdrücken kann: Nord-Sami, Lule-Sami, Süd-Sami (Davvisámegillii, Åarjelsaemiengïelese und Julevsámegiella – die Sprachen verstehen sich nicht untereinander) oder Norwegisch. Alle Sitzungen sind überdies öffentlich, sie werden aufgezeichnet und ins Internet gestellt.

Samisches Wahlrecht

Das norwegische Samenparlament wählen darf, wer samische Vorfahren hat, die eine der samischen Sprachen beherrschten, oder sich anderweitig samisch fühlt. Man muss nicht selbst Sami sprechen. Es gibt heute etwa 18 000 Wahlberechtigte und derzeit elf Parteien. Alle vier Jahre findet die Wahl der Vertreter*innen statt. Zuerst hatten diese nur eine beratende Funktion des Norwegischen Parlaments. Über samische Belange kann das Parlament inzwischen aber zum Teil auch selbst entscheiden. Neben den norwegischen Samen haben auch die Finnen und die Schweden (wo ebenfalls samisches Weidegebiet liegt) ein eigenes Sámi-Parlament, das jeweils an nationale Regeln angepasst ist. Die Parlamente kooperieren und es gibt einen Kreis, die „United States of Sami“, scherzt Tom, in dem Vertreter der drei Parlamente sitzen. Die Samen in Russland haben allerdings noch keine eigene offizielle Vertretung.

Pionierin Elsa Laula Renberg

Vor dem Sitzungssaal fällt mir ein Bild ins Auge: Eine Schwarz-Weißfotografie einer Samin, die selbstbewusst in die Kamera schaut. Es ist Elsa Laula Renberg, eine der ersten samischen Aktivistinnen und Politikerinnen. Stolze Samin: Elsa Laula RenbergSie kämpfte und stand für die Emanzipation der Sami, besonders der samischen Frauen. Geboren wurde Elsa Laula Renberg 1877 und sie starb im Jahr 1931. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie Gründungspräsidentin des ersten Samenverbandes. Als erste samische Frau veröffentlichte Elsa Laula Renberg ein Pamphlet „Sind wir tot oder lebendig? Die Wahrheit über die Bedingungen der Samen“, in dem es unter anderem um das Schulsystem, das Wahlrecht und das Recht, Land zu besitzen ging.

Die Veröffentlichung ließ des samische Selbstbewusstsein erstarken, und immer mehr samische Frauen fühlten sich ermutigt zu arbeiten. Elsa Laula Renberg gehörte sie zu den Mitinitiator*innen der ersten Allnordischen Samenkonferenz im Jahr 1917 – eine wirklich spannende Frau.Kunstwerk mit Elsa Laula Renberg

Die Proteste am Alta-Staudamm

Wir verlassen den Sitzungssaal des Sámediggi und betreten einen kleineren Besprechungsraum. Hier hängen Schwarz-Weiß-Fotos von den Protesten am Alta-Staudamm an den Wänden. Per Luftlinie liegt Alta rund hundert Kilometer von Karasjok entfernt, doch da nur wenige Straßen die Hochebene der Finnmark durchschneiden, sind es auf der Staße etwa zweihundert. Lange schaue ich die Fotos an: Es sind spannende Zeit-Dokumente aus 1980er Jahren. Sie zeigen entschlossene Menschen, die erbittert und verzweifelt für ihre Sache kämpfen.

Bevor wir in den zweiten, über eine Art Gangway verbundenen Gebäudeteil gehen, bewundern wir das dazu passende Gemälde „La elva leve“, „Der Fluss lebe“. Der Alta-Staudamm als Symbol des übermächtigen norwegischen StaatesEs thematisiert ebenfalls die Proteste gegen den Staudammbau am Alta-Fluss, indem es die Staumauer als Parlamentsgebäude darstellt. Diese Baumaßnahme zu Beginn der 1980er Jahre erzürnte viele Samen, weil dadurch ihr Weideland und damit ihre Lebensgrundlage zerstört wurde.

Die Proteste zogen mit ihren Ankettungen und Hungerstreiks weite Kreise, selbst der damalige Papst traf die Aktivisten. Der Staudamm wurde schließlich zwar trotzdem gebaut, aber die Proteste markierten dennoch einen Neubeginn: Nun begannen sich die Samen gegen die zuvor oft rigide Unterdrückung ihrer Kultur im Zuge einer sogenannten „Norwegisierungspolitik“ durch den norwegischen Staat zu wehren und entwickelten ein neues Selbstbewusstsein. Die Einrichtung der samischen Parlamente in den nordischen Ländern hat hier also ebenfalls ihren Ursprung.

Samische Literatur

Wir gehen zurück zum Eingangsbereich und in die Bibliothek. Sie ist weltweit führend in indigener Literatur, erzählt Bibliotheksleiter Kåre Balto. Finanziert wird die Sammlung mit rund 30 000 Bänden und Dokumenten von Stiftungen und dem Budget, das das Sami-Parlament für die Kulturförderung verteilen darf. Dass kleine Sprachen inzwischen mehr Anerkennung finden, zeigt sich auch daran, dass 2019 das UNESCO-Jahr der indigenen Sprachen war.

Mehrere Verlage bringen inzwischen, ebenfalls aus dem Kulturfonds gefördert, Bücher mit samischer Literatur heraus. Auch Musik und Übersetzungen aus anderen Sprachen ins Samische sind ein Schwerpunkt. Zukünftig soll vor allem die Kinder- und Jugendliteratur mit einem speziellen Förderprogramm unterstützt werden. Denn wenn die nachwachsenden Generationen die Sprache nicht mehr verwenden, stirbt sie aus.Die samische Autorin Kirsi Máret Paltto in der Bibliothek

Wie die Geschichte der Autorin Kirsi Máret Paltto, die im letzten Jahr das Jugendbuch „Gos don leat, Elle?“ über die Wiederentdeckung einer samischen Trommel geschrieben hat. Aber natürlich ist auch DER Klassiker der samischen Literatur vorhanden, die „Erzählung vom Leben der Lappen“ von Johan Turi, das Ende des 19. Jahrhunderts erschien. Es gilt als das erste gedruckte Buch eines Samen. Spannend, die Sprache geschrieben zu sehen…

Die Bibliothek ist ein wunderbarer Ort zum Stöbern für alle, die Bücher lieben – auch wenn für Leute, die keine der samischen Sprachen sprechen (und kein Norwegisch) tatsächlich wenig Verständliches dabei ist. Aber man kann in Magazinen blättern und Bilder angucken. Und es gibt die Abteilung mit samischer Musik: Den traditionellen, erzählenden Joik-Gesang verstehen auch Nicht-Samen intuitiv.

Die Bibliothek hat täglich von 9 bis 15.30 Uhr geöffnet.

Das Samenparlament Sámediggi bietet regelmäßig Führungen auch auf Englisch an. Ihr könnt zum Beispiel eine Mail auf Englisch schreiben und nach einer passenden Führung fragen. Oder schaut auf Facebook nach aktuellen Informationen.

Mehr Eindrücke und Geschichten aus der Finnmark gibt´s hier im Blog: Herbst in der Finnmark und Bei den Sámi und ihren Rentieren

Danke an Visit Norway und Northern Norway, die mir den Besuch des Sámediggi im Rahmen einer Pressereise ermöglicht haben.

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Seit ich denken kann, zieht es mich in die Natur. Und in den Norden. Das spezielle Licht im Sommer, der Duft der Wälder und die Weite des Fjälls... Als Journalistin und Buchautorin bin ich außerdem gern in Europa und in Niedersachsen unterwegs.

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