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Norwegen: Die geheimnisvollen Felsritzungen von Alta

Im nordnorwegischen Alta fand man im letzten Jahrhundert uralte Felseinritzungen. Sie geben einen spannenden Einblick in die Kultur der Steinzeit. Ein Besuch im UNESCO-Weltkulturerbe.

Wir stehen im Alta Museum und schauen durch eine große Glasfront nach draußen. Weit schweift der Blick von hier über die Landschaft, die Berge und den Alta-Fjord. In der Ferne lässt sich die Küstenstadt Alta erahnen. Gleich geht es raus, zusammen mit Sara aus Köln, die hier als Guide arbeitet und unserer kleinen Gruppe die geheimnisvollen Felsritzungen und -zeichnungen von Alta zeigen und erklären wird.

Das Außengelände

Eine Holztreppe hinab und dann über Wege und Holzstege führt uns Sara zu den freigelegten Felsen am Hang. Sie leuchten hellgrau zwischen Moos und kleinen Sträuchern, sind von der letzten Eiszeit ganz glatt geschliffen. Die Felszeichnungen in Altas Stadtteil Hjemmeluft (der Name ist eine Übersetzung des alten samischen Namens Jiepmaluokta und bedeutet so viel wie Robbenbucht) fand man durch Zufall in den 1960er Jahren, erzählt Sara. Insgesamt entdeckte man Zeichnungen in fünf verschiedenen Gebieten, aber die in Hjemmeluft sind die einzigen der Öffentlichkeit zugänglichen.

Auf ungereinigtem Stein sind die Ritzungen sehr schwer zu sehen, sagt Sara und lenkt unsere Blicke mit einem Laserpointer hierhin und dahin. Nicht überall sehen wir auf Anhieb Zeichnungen. Reinigt man den Stein, sieht man sie besser – vor allem, wenn die Sonne sehr tief steht und lange Schatten wirft. Bei grauem Himmel oder bei sehr grellem Licht kann es hingegen sein, dass man die Einritzungen gar nicht erkennt. Das war vermutlich der Grund, warum nach der Freilegung der ersten Funde zahlreiche Figuren mit roter Farbe ausgemalt wurden – so sind sie besser zu sehen, verlieren aber gleichzeitig viel von ihrer Einzigartigkeit.

Kulturelles Erbe aus der Steinzeit

Altas prähistorische Felskunst steht auf der Unesco-Welterbeliste, es ist eines von acht UNESCO-Stätten in Norwegen. Es gibt Einritzungen und Felsmalereien, die ältesten sind mehr als 7000 Jahre alt. Die Felsritzungen entstanden innerhalb der folgenden rund 5000 Jahren, das heißt, die letzten rund um den Beginn unserer Zeitrechnung.

Die Felszeichnungen von Alta sind die größten bisher bekannten Felsbilder Nordeuropas, die prähistorische Szenen einer Gesellschaft aus Jägern und Sammlern darstellen. Sicher ist: Hier ist garantiert noch nicht alles freigelegt, bestimmt warten unter den bewachsenen Steinen noch viele weitere Felsritzungen. Die meisten Felszeichnungen stellen Tiere, vor allem Rentiere, Bären, Robben, Vögel und Fische dar. Menschen und Boote entdeckt man auch dazwischen.

6000 Einzelzeichnungen

Sara zeigt ein Detail

Die Felszeichnungen sind ursprünglich auf Meeresspiegelhöhe entstanden, durch die Landhebung befinden sie sich heute rund 30 bis 40 Meter über dem Meeresspiegel. Die etwa 6000 Einzelzeichnungen entstanden in zwei oder drei Phasen, die am weitesten oben liegenden sind also die ältesten. Die einzelnen Figuren selbst sind klein, meist nur 20 bis 40 Zentimeter groß. In den Fels gehauen wurden sie mit Hammer und Meißel, wobei der Hammer wohl aus Stein oder Horn bestand, der Meißel aus einem härteren Gestein.

Ritueller Versammlungsort?

Weil es so viele Bilder sind, kam dem Alta-Fjord in der Steinzeit vermutlich eine besondere rituelle Bedeutung zu. Wahrscheinlich war hier ein Versammlungsort, möglicherweise tauschten die Stämme sich hier regelmäßig aus und ihre Anführer fassten wichtige Beschlüsse. Und vermutlich finden sich auf den noch nicht freigelegten, mit Heide- und Blaubeerkraut überwachsenen Felsen rundum noch zahlreiche weitere Felsritzungen. Man müsste sich vermutlich nur die Mühe machen sie zu suchen.

Bären als Krafttiere

Der Bär war für die Steinzeitmenschen ein besonders wichtiges Tier und sicher sehr furchteinflößend. Er symbolisierte Kraft und Macht, erklärt Sara. Bemerkenswert ist, dass es an einer Stelle im Fels einen großen Bärenkopf gibt: Dieser ist natürlich durch grünlich gefärbten Fels entstanden, nicht von Menschenhand. Vielleicht gab er aber den Ausschlag, hier weitere Bilder einzuritzen und einen rituellen Ort zu gründen. Bärendarstellungen finden sich jedenfalls viele: Bären in ihrer Höhle, Jagdszenen, eine Bärin mit ihren Jungen und Bären-Fußspuren. Raffiniert: Teilweise wurden natürliche Kuhlen im Fels ausgenutzt, um eine Bärenhöhle darzustellen.

Rentiere und Fische

Wir gehen weiter. Sara zeigt uns Rentiere mit ihren Jungen, bei der Paarung, bei der Jagd: Die Bedeutung der Rentiere für die Steinzeitmenschen, aber auch die der Fische belegt schon die Anzahl der Szenen mit Rentieren und von Booten und Fischernetzen. Bis heute unterscheidet man die Rentier-Samen und die Küsten-Samen in Nordnorwegen. Also diejenigen, die traditionell entweder von der Rentierzucht oder von der Fischerei leben.

Und offenbar ist das schon sehr lange so. Darstellungen von runden Rentiergattern belegen, dass man so schon früh Tiere auf dem Weg von der Sommerweide an der Küste zur Winterweide im Inland zu fangen versuchte. Andere Szenen zeigen, dass man die Herden ins Wasser trieb, um sie dort zu fangen. An einer Stelle ist ein Boot zu sehen, von dem aus drei Fischer versuchen, einen großen Fisch an einer Angelschnur ins Boot zu ziehen. Doch wer genau waren diese Jäger und Fischer? Man weiß nichts über sie. Bis auf die Felseinritzungen ist nichts überliefert oder erhalten, erklärt Sara.

Rentiere im Gatter

Im Alta Museum

Im Inneren des archtitektonisch modernen, hellen Alta Museums vertieft eine (allerdings etwas chaotische) Ausstellung das Thema Steinzeit und Felsritzungen. Spannend fand ich die eher zufällig etdeckte, unscheinbare Pflanzensamen-Bank im Untergeschoss, mit der die genetische Vielfalt der Welt erhalten werden soll. Hier hätte man in meinen Augen gern mehr Infos anbringen oder den Aspekt auch gern als eigenes Museumsthema vertiefen können. Oben gibt es im Museumsshop Touri-Tinneff, aber auch sehr schöne Dinge zu kaufen, und im Restaurant mit Blick über den Alta-Fjord lässt es sich nach dem Besuch des Außengeländes prima bei Kaffee und Waffeln (unbedingt Waffeln essen in Norwegen!) aufwärmen. Mehr Infos zum Alta Museum findet ihr hier. Wenn ihr also in der Gegend seid: Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

P.S.: Altas zweite Attraktion ist die Nordlichtkathedrale im Ortszentrum. Das runde Gebäude soll an ein Lavvu, das traditionelle Sámi-Zelt, erinnern, wird aber spöttisch auch „Klopapierrolle“ genannt. Innen hat der dänische Architekt voll auf Beton gesetzt (mein Geschmack ist Sichtbeton nicht), das Kunstwerk „Himmelsleiter“ führt in den leeren Turm hinauf. Hm. Außen ist die Kathedrale komplett mit Titanplatten bedeckt, sie sollen das Nordlicht reflektieren. Mich hat das Gebäude nicht überzeugt, aber ich mochte die Vorstellung, dass sich im kleinen, angeschlossenen Kirchencaféneben dem Eingang fast täglich die Seniorinnen Altas treffen und bei Kaffee plaudern und stricken. Im Untergeschoss gibt es zudem eine ganz nett gemachte Ausstellung zum Nordlicht. Man kann auch seine eigenes Joik-Potenzial an einer Maschine testen (Joik ist der traditionelle erzählende Gesang der Samen). Am besten hat mir die Nordlicht-Kathedrale gefallen, als später am Abend tatsächlich ein wenig Nordlicht um den Turm tanzte…

Mehr Eindrücke und Geschichten aus der Finnmark gibt´s hier im Blog: Herbst in der Finnmark und Bei den Sámi und ihren Rentieren

Danke an Visit Norway und Northern Norway, die mir den Besuch in Alta im Rahmen einer Pressereise im letzten Herbst ermöglicht haben.

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Seit ich denken kann, zieht es mich in die Natur. Und in den Norden. Das spezielle Licht im Sommer, der Duft der Wälder und die Weite des Fjälls... Als Journalistin und Buchautorin bin ich außerdem gern in Europa und in Niedersachsen unterwegs.

6 Kommentare

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    Ein richtig interessanter Beitrag mit aussagekräftigen Fotos , habe ich gerne gelesen . Er hat mich an meine eigene Norwegenreise erinnert. Klasse👍👍👍

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