Ausflug, nah dran
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Steinau an der Straße: Wo die Grimm-Brüder als Kinder spielten

Es waren einmal die zwei Brüder, Jacob und Wilhelm. Als Erwachsene wurden sie bekannte Märchensammler, Sprachforscher und rebellische Professoren. Doch ihre Kindheit verbrachten die beiden behütet in einem kleinen mittelalterlichen Städtchen im Spessart. Auf den Spuren der Brüder Grimm in Steinau an der Straße.

„Würden die Brüder heute nochmal nach Steinau kommen, sie würden sich sicher noch zurechtfinden und die Plätze ihrer Kindheit wiedererkennen“, erzählt Frau Holle. In historischem Kostüm und mit Körbchen und einem großen Daunenkissen in der Hand führt sie uns durch Steinaus Straßen und Gassen und heißt eigentlich Renate Ulrich. Wir sind auf einer Märchen-Kostümführung in Steinau an der Straße in Hessen. Das Städtchen sieht mit seinem mittelalterlichen Grundriss und der gut erhaltenen Renaissance- und Barock-Architektur im Wesentlichen noch so aus wie vor mehr als 200 Jahren. Auch das Renaissanceschloss oberhalb des Marktplatzes ist gut erhalten.

Frau Holle auf der Brücke zum Renaissanceschloss

Rapunzel, Rotkäppchen, Dornröschen am Brunnen

Der Märchenbrunnen auf dem Marktplatz, der hier Kumpen wie die Tränke für das Vieh heißt und zentral zwischen Rathaus, ehemaliger Schule und Katharinenkirche liegt, ist allerdings noch recht neu. Er zeigt bekannte Märchen wie Schneewittchen und Aschenputtel, aber auch weniger bekannte wie Die Nixe im Teich oder Die zwei Brüder. Der Drache aus diesem Märchen spuckt als Steinskulptur Wasser. Im Brunnen sitzt der Froschkönig mit seiner goldenen Kugel.

Die Brüder Grimm in Steinau

Geboren in Hanau, lebten die Brüder Grimm mit ihren Eltern und Geschwistern von 1791 bis 1798 in Steinau an der Straße. Ihr Vater Philipp Wilhelm Grimm trat hier eine Stelle als landgräflicher Amtmann an, deshalb zog die Familie von Hanau nach Steinau um. Jacob und Wilhelm waren zu der Zeit sechs bzw. fünf Jahre alt und hatten noch drei weitere Brüder. Im Jahr 1793 brachte ihre Mutter Dorothea in Steinau die kleine Schwester Charlotte Amalie, genannt Lotte, zur Welt. Drei weitere Geschwister starben bereits als Säuglinge.

Altes Fachwerk und die frühere Schule der Grimm-Kinder vor der Katharinenkirche

Steinau an der Straße

Steinau liegt an der Deutschen Märchenstraße im hessischen Spessart, rund 70 Kilometer von Frankfurt am Main und 40 Kilometer von Fulda entfernt. Die Märchenstraße zieht sich von Hanau, der Geburtsstadt der Grimms, 600 Kilometer lang durch Lebensstationen der Brüder und die Orte und Landschaften, aus denen die Märchen stammen, bis nach Bremen, die Stadt der Bremer Stadtmusikanten.

Daher stammt der Zusatz „an der Straße“ aber nicht. Er bezieht sich auf die alte Handelsstraße Via Regia zwischen Frankfurt und Leipzig, die durch Steinau führte. Reste dieser Straße aus groben Kopfsteinen, in die sich die Räder der Kutschen tief eingegraben haben, legte man bei Ausgabungen frei. Einige Meter davon sind exakt rekonstruiert worden und heute vor dem Grimm Museum zu besichtigen – rund zwei Wochen dauerte die Reise in der Kutsche auf der rumpeligen Straße zwischen den beiden Handelsstädten damals. Auch die alte Stadtmauer um den mittelalterlichen Kern Steinaus haben die Bewohner in Eigenregie als „Mauerspechte“ seit den 1980er Jahren begonnen, wiederaufzubauen.

Kindheit im Amtshaus

Im 1562 errichteten Amtshaus, einem geräumigen Renaissance-Bau mit steinernem Sockel und Fachwerkobergeschoss, bewohnte die Familie Grimm ab dem Jahr 1791das Erdgeschoss. Küche und Wohnräume sind erhalten oder rekonstruiert. Im Obergeschoss hatte Vater Philipp Wilhelm seine Diensträume. Der Hof ist von einer Mauer umgeben und enthält einen kleinen Garten. Heute beherbergt das „Brüder-Grimm-Haus“ das Museum Brüder Grimm Haus. Es zeigt im Obergeschoss Leben und wissenschaftliches Werk der Brüder Jacob und Wilhelm, aber auch das künstlerische Schaffen von Ludwig Emil Grimm.

Virtuell in die Vergangenheit

Die Grimm-Kinder liebten Steinau. Das ist vielfach überliefert. Sie tobten im Tal des Flüsschens Kinzig, wo sie einen Garten besaßen, Emmerich genannt, und spielten an der Stadtborn-Quelle. Die entsprang innerhalb der Stadtmauern nahe ihres Wohnhauses und stellte in Zeiten der Belagerung die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser sicher. Noch heute sprudelt hier klares Wasser in ein gemauertes Becken.

Virtuell in die Vergangenheit

Bei einer Führung mit QR-Brillen werden die Brüder an dieser und anderen Stellen in der Stadt lebendig: Begleitet von einem Guide setzten wir an den historischen Orten die Brillen auf und erleben die Stadt vor mehr als 200 Jahren. Jacob und Wilhelm tauchen als Figuren immer wieder auf und erzählen aus ihrem damaligen Leben.

Umzug der Grimms ins Armenhaus

Heute das Café und Restaurant Rosengarten, einst das Armenhaus der Stadt

Im Jahr1796 starb Philipp Wilhelm Grimm überraschend an einer Lungenentzündung. Die Familie musste Hals über Kopf aus dem Amtshaus ausziehen. Bis ihre Schwester Mutter Dorothea genug Geld geschickt hatte, damit sie ein Häuschen in Steinau kaufen konnte, lebte die Familie für einige Wochen im Armenhaus. Das ist original erhalten und beherbergt heute das Café und Restaurant Rosengarten.

Jacob und Wilhelm Grimm: Märchensammler und Sprachforscher

Kinder- und Hausmärchen und Deutsches Wörterbuch: Jacob und Wilhelm Grimm waren Sprachwissenschaftler, die Begründer der Germanistik und Volkskundler. Nach ihrer Kindheit in Steinau zogen die beiden mit nur 12 und 13 Jahren für eine bessere Schulbildung  zu ihrer Tante nach Kassel, um dort aufs Friedrichsgymnasium zu gehen. Anschließend studierten sie in Marburg. Beide entwickelten ein großes Interesse für Literatur und Erzählungen und untersuchten die geschichtliche Entwicklung deutschsprachiger Sagen, Dichtungen und auch Urkunden.

Nach dem Studium begannen die Brüder, Volksmärchen aufzuschreiben – allerdings nicht, ohne diese dabei mal mehr, mal weniger zu überarbeiten. Viele der Märchen verstören heute durch ihre Brutalität, doch vermutlich waren sie im Original noch grausamer. Als Teil der „Göttinger Sieben“ protestierten die Brüder im Jahr 1837 gegen die Aufhebung der 1833 eingeführten liberalen Verfassung im Königreich Hannover wurden anschließend als Professoren entlassen. Bis ans Ende ihres Lebens blieben sie beiden Brüder eng verbunden.

Dorothea Viehmann und Annette von Droste-Hülshoff

Beim Sammeln und Aufschreiben war den Brüdern unter anderem die Erzählerin und Bäuerin Dorothea Viehmann eine wichtige Quelle. Auch Schriftstellerinnen wie Annette von Droste-Hülshoff halfen, die Märchen aufzuschreiben. Ihre Mitarbeit beim Auffinden und Aufschreiben der Märchen ging und geht meist unter.

Die Grimm´schen Märchen sind in der ganzen Welt bekannt

Heute sind die Grimm´schen Märchen weltweit ein Begriff, nicht zuletzt durch die oft deutlich lieblicher anmutenden Adaptionen von Schneewittchen, Aschenputtel, Dornröschen, Küss den Frosch und Rapunzel in den Disney-Filmen.

Puppenspiel und Kultur: Theatrium Steinau

Dicken Mauern, Torbögen und historische Bausubstanz: Ein Puppentheater im Marstall, dem früheren Pferdestall, gibt es wohl nur in Steinau. Das Theater am Marktplatz beherbergte schon seit 1955 das Marionettentheater „Die Holzköppe“. Im Jahr 2017 kam dann Detlef Heinichen nach Steinau. Der Dramaturg, Regisseur, Figurenspieler und Darsteller leitete zuvor 28 Jahre das Theatrium Bremen.

Stabpuppen im Theatrium Steinau

In Steinau gründete er mit Bühnen- und Kostümbildnerin und Theaterleiterin Ella Späte das Theatrium Steinau. Und das ist nicht nur Puppentheater, sondern auch ein Kulturort. Lokale Musiker und Bands treten hier genauso auf wie Kabarettisten und Geschichtenerzähler, etwa der Brite John Rogers. Es gibt Poetry Slams und Lesungen. Und natürlich immer wieder Puppentheater. Zuletzt tourte das Stück „Das Wirtshaus im Spessart“ durch die Region.

 

Gut zu wissen

Märchenführungen in der Gruppe mit Märchen-Charakteren: 90 Minuten, 85 €

Führungen Grimm-Zeit mit VR-Brille: 90 Minuten, 29,90 € p.P.

Grimm digital mit kostenloser Handy-App: In der Altstadt einfach die QR-Codes scannen

Schlossführung: 4,50 €

Alles zum Leben der Grimms in Steinau: Museum Brüder Grimm Haus

Puppenspiel und mehr: Theatrium Steinau

Alles zur Stadt: Verkehrsbüro Steinau

Mehr Infos zum Spessart findet ihr hier.

Das Café und Restaurant Rosengarten in einem der ältesten Häuser der Stadt und dem früheren Armenhaus serviert klassische Hausmannskost und Torten.

Wer wie ich kein Fleisch isst, bekommt im außerhalb gelegenen Restaurant Brathähnchenfarm – anders als es der Name vermuten lässt – mit seiner portugiesischen Küche auch über offenem Feuer gegrilltes Gemüse. Spektakulär!

Alle Fotos: (C) Anke Benstem

Der Tourismusverband Spessart-Mainland hat mich eingeladen, die Brüder Grimm-Stadt Steinau an der Straße und die Schneewittchenstadt Lohr am Main kennenzulernen.

Mehr zum Spessart und der dort angesiedelten Märchenwelt lest ihr hier: Lohr am Main – Zu Besuch bei Schneewittchen

Kategorie: Ausflug, nah dran

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Seit ich denken kann, zieht es mich in die Natur. Und in den Norden. Das spezielle Licht im Sommer, der Duft der Wälder und die Weite des Fjälls... Als Journalistin und Buchautorin bin ich außerdem gern in Europa und in Niedersachsen unterwegs.

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