Ausflug, nah dran
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Entspannte Land-Auszeit in der Oberlausitz

Umgebindehäuser, Deutschlands kleinstes Mittelgebirge und eine mystische Burgruine: Die Oberlausitz ist perfekt für eine gemütliche Auszeit auf dem Land – exquisite Kulinarik inklusive.

Schon die Anreise mit der Bahn ist fast unwirklich entspannt. Die ganze Zeit Ruhe im Großraumabteil des Intercitys. Keine nervigen Telefonate, keine alkoholseligen Reisegruppen. Man hilft sich mit dem Gepäck, und drei künftige Bahn-Mitarbeitende kommen erst kontrollieren und machen später ihre ersten Durchsagen, belohnt von Applaus der umstehenden Fahrgäste. Jemand verteilt Gummibärchen. Kurzum: der perfekte Start in die herbstliche Oberlausitz, für eine kleine Auszeit auf dem Land noch ein echter Geheimtipp.

Oberlausitzer Bergland

Nach eine weiteren Dreiviertelstunde Nahverkehr ab Dresden, in der die Landschaft immer hügeliger wird, bin ich in Wilthen. Den kleinen sächsischen Ort im Dreiländereck Deutschland, Tschechien und Polen dominierte – wie die gesamte Region – bis zur Wende die Textilindustrie und schon lange zuvor die Leinenweberei. In den 1920er Jahren machte die Textilherstellung die Orte reich. Doch nach 1990 fielen sehr schnell zehntausende Arbeitsplätze weg, weil die Fabrikation international nicht mithalten konnte. Andere Zeiten, andere Branchen: In einer ehemaligen Fabrik hat heute ein großes IT-Unternehmen seinen Sitz.

In Wilthen steht außerdem eine Weinbrennerei, die vor 150 Jahren als erste außerhalb von Frankreich Weinbrand nach französischem Vorbild herstellte. Wilthen gilt deshalb auch als die Weinbrandstadt Deutschlands. Seit 1998 gehört die Brennerei der Hardenberg-Wilthen AG, die hier noch immer den Klassiker „Wilhener“ brennt, aber auch Korn, Whisky und Gin. Das Fabrikgebäude ist denkmalgeschützt.

Übernachten im alten Dreiseitenhof und Erbgericht

Aber erstmal richtig ankommen. Das Landidyll Hotel Erbgericht Tautewalde, zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt gelegen, macht seinem Namen alle Ehre. Landidylle pur. Ich öffne das Fenster meines großen Zimmers im Dreiseitenhof, das nach hinten zu einem Park hinaus geht, und höre – nichts.

Das Hotel liegt im Grünen © Landidyll Hotel Erbgericht Tautewalde/michaelmeyer-foto.com

Nein, stimmt nicht. Die großen Bäume lassen ihr gelbes Herbstlaub rascheln, in der Ferne bellt ein Hund. Später wird mich ein sanft rauschender Landregen in den Schlaf begleiten, und am nächsten Morgen kräht dann tatsächlich auch noch ein Hahn.

Herbstgemütlichkeit

Spitzenküche in gemütlichem Ambiente

Aber vorher gibt es im gemütlichen Gastraum mit viel Holz ein Drei-Gänge-Menü. Hotel-Chef Enrico Schulz ist Koch, hat in renommierten Restaurants gelernt und gearbeitet und ist obendrein Maitre de Chaine de Rotisseurs. Sein mehrfach ausgezeichnetes Restaurant serviert regionale oberlausitzer Küche mit mediterranem Einschlag. Ein kreatives Team zaubert dort raffinierte, saisonale Gerichte, die sich durchaus auf Sterne-Niveau bewegen. Klassiker der Oberlausitz stehen ebenfalls auf der Karte, etwa das „Weberessen“, Kartoffeln mit Leinöl und Quark. Der Weinkeller ist sehr gut sortiert.

Nachhaltigkeit ist auch immer ein Thema: Die Lebensmittel bezieht das Restaurant, wo es geht, regional. Das Gemüse stammt im Sommer aus Landwirtschaft in der Nähe, Schweine- und Geflügelfleisch kommt nur aus sächsischen Betrieben, Käse aus dem Vogtland. Die Küche kocht Marmelade aus eigenem Gartenobst. Der gratinierte Ziegenkäse, das herbstliche Gemüserisotto und die hausgemachte Orangen-Crème brulée schmecken köstlich.

Auf dem Spree-Radweg

Am nächsten Morgen geht es nach einem Frühstück mit hausgemachtem Bircher Müsli und knusprigem Granola auf eine Tour den Spree-Radweg entlang. Was in Berlin ein breiter, grün-brauner Fluss ist, ist hier nahe der Quelle (genaugenommen gibt es sogar drei) fast noch ein Bach mit ganz klarem Wasser. Wir radeln etwa 20 auf dem insgesamt 400 Kilometer langen Spree-Radweg, oft direkt an der tschechischen Grenze entlang. Unser Ziel ist das alte Reiterhaus in Neusalza-Spremberg, ein sogenanntes Umgebindehaus.

Radfahren in hügeliger Herbstlandschaft

Rund 20.000 dieser Umgebindehäuser gibt es in der Oberlausitz und im angrenzenden Polen und Böhmen, wer die Augen offenhält, sieht sie hier auf einer Radtour wirklich in nahezu jedem Dorf. Charakteristisch ist die Kombination von Blockstube, Massivbau und Fachwerk: Das hölzerne Umgebinde mit sichtbaren Holzständern trägt Dach und Obergeschoss, die Wohnstube in Erdgeschoss steht deshalb quasi frei.

Ein typisches Umgebindehaus

Außerdem gibt es hier überall viele Sonnenuhren an den Häusern, insbesondere im Sonnenuhrendorf Taubenheim. Dort ist die Sonnenuhr nämlich Kult, um die 50 davon sind an den Fassaden zu besichtigen.

Das Reiterhaus in Neusalza-Spremberg

Das Reiterhaus ist Baudenkmal und Museum. Seinen Namen hat das historische Umgebindehaus von der historischen Reiterfigur am Seitenflügel, sie stammt aus dem Jahr 1670 und ist die Siegertrophäe des „Ritterstechens“, einem früheren Volksbrauch. Innen ist die Wohnstube mit Küche erhalten und Webstuhl, Spinnrad und andere Weberutensilien sind im Originalzustand zu besichtigen.

Die ganze Region lebte im Mittelalter von der Leinenweberei (man webte außerdem mit Hanf und Nesseln). Derzeit ist das Museum samstags und für Gruppen außerdem auf Anfrage geöffnet. Die Oberlausitzer Mundart charakterisiert übrigens das gerollte „R“, von den Einheimischen „Rollen“ genannt – als würde man mit Reißzwecken gurgeln, heißt es dazu augenzwinkernd. Für einen akustischen Eindruck könnt ihr hier mal reinhören.

Noch ein Tipp, falls ihr im Advent nach Neusalza-Spremberg kommt: Auf dem Marktplatz leuchten jeden Advent hundert Herrnhuter Sterne, denn die bekannten Weihnachtsboten werden im nur 15 Kilometer entfernten Herrnhut hergestellt.

Nach Zittau und mit der Dampfbahn zu Burg Oybin

Die alte Dampfbahn fährt von Zittau nach Oybin

Nach der Stippvisite in die direkte Umgebung steht am nächsten Tag ein Ausflug zu einem entfernteren Ziel auf dem Programm. Zuerst geht es von Wilthen mit dem Zug knapp eine Stunde nach Zittau. Von dort dann weiter mit der historischen Schmalspurbahn in den Kurort Oybin. Seit 1890 dampfen die alten Bahnen von Zittau ins gleichnamige Gebirge. Auf zwölf Kilometern überwinden sie dabei 125 Höhenmeter.

Doch bevor wir nach Oybin zuckeln, drehen wir noch eine Runde durch Zittau. Zu frühen DDR-Zeiten lebten 47.000 Menschen hier, heute hat sich die Zahl halbiert. In der Altstadt überraschen die Größe von Ober- und Niedermarkt, die vielen Brunnen und schönen historischen Häuser, davon einige aus dem Jugendstil. Beeindruckend sind die großen Kirchen, das große Neorenaissance-Rathaus und das dreistöckige Salzhaus. An der Blumenuhr neben der früheren Befestigungsanlage Fleischerbastei spielt ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan Melodien.

In Oybin wartet später Burg und Kloster Oybin darauf, entdeckt zu werden. Doch davon später mehr. Zu dem heiligen Berg mit dem einzigen italienischen Kloster diesseits der Alpen gibt es demnächst einen eigenen Blogpost.

Wein- und Smoker-Abende

Zurück im Hotel, wartet einer von Enricos monatlichen Tour del Vino-Abenden. Die Gäste reisen extra aus Dresden und anderen Orten dafür an. Das viergängige Menü in der schön restaurierten historischen Feldsteinscheune begleitet immer eine passende Weinauswahl aus einer bestimmten Region. Jeden der sieben Weine erläutert Enrico fachkundig. Wer es rustikaler mag, bucht einen sommerlichen Smoker-Abend im Innenhof – ein weiteres Steckenpferd von Enrico und gern von Biker-Gruppen besucht.

 

GUT ZU WISSEN

Bei der Tourist Info Wilthen erfahrt ihr alles über Radtouren, Wanderwege, Museen und Werksbesichtigungen. Vor dem neuen Gebäude im alten Umgebinde-Stil sitzt der Pumphut, eine Sagengestalt mit langem Bart und spitzen Hut, auch Hexenmeister der Oberlausitz genannt.

Unterkunft und Gastro-Tipp: Im 16. Jahrhundert beherbergte das heutige Landidyll Hotel ein Erbgericht: Im Mittelalter durfte der größte Grundbesitzer der Region Streit schlichten und Recht sprechen. Das Haus hatte in der Zeit ein Bewirtungs- und Schankrecht – beides waren Erbrechte. Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist das Haus eine reine Gastwirtschaft.

© Landidyll Hotel Erbgericht Tautewalde/michaelmeyer-foto.com

Nadine und Enrico Schulz betreiben ihr Hotel und Restaurant seit 20 Jahren – wie alle anderen Landidyll Hotels befindet sich auch ihr Haus in Familienhand. Zuvor hatten beide 16 Jahre in Baden-Württemberg, der Schweiz oder an der deutschen Küste gelebt und gearbeitet. Ein Zufall führte sie danach zurück in Enricos Heimat, die Oberlausitz.

Im Sommer bietet Tour Guide Enrico geführte Motorradtouren an. Wer lieber wandern oder radfahren möchte, bekommt von Enrico und Nadine ebenfalls Tipps. Im Winter lockt ein großes Loipen-Netz, und Winterwandern im Oberlausitzer Bergland geht ja immer, mit und ohne Schnee. Wer möchte, kann sich danach im kleinen Wellnessbereich des Hotels mit Sauna und Dampfbad aufwärmen.

Landidyll Hotel Erbgericht Tautewalde (****), Hauptstraße 25, 02681 Wilthen / OT Tautewalde, Fon +49 3592 38300, erbgericht@tautewalde.de, www.tautewalde.de

31 Zimmer, EZ/F ca. 100 €, DZ/F ca. 150 €

Mehr zu den Landidyll-Hotels: Magazin Landidyll 

Weitere Ausflugstipps: Saurierpark (mit Kindern ein Muss), Bautzen, Görlitz, Herrnhut (wo die bekannten Sterne herkommen)

Wandern: Der 18 Kilometer lange Rundwanderweg Wilthener Pumphut-Steig führt  direkt am Hotel vorbei und ist nur einer unter vielen Möglichkeiten, in der Region zu wandern.

Unterwegs: Mit dem Euro-Neiße-Ticket+ fahren bis zu fünf Personen einen Tag lang für max. 42,50 € in der Euroregion Neiße durch Deutschland, Polen und Tschechien.

Hochprozentiges: Im Nachbarort fabriziert Steffen Lindner in seiner Schaubrennerei Schusterlieb´s Hochprozentiges. Die Brände werden auch im Hotel-Restaurant ausgeschenkt.

© für alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: Anke Benstem

In die Oberlausitz haben mich Landidyll e.V. und das Landidyll Hotel Erbgericht Tautewalde eingeladen.

Mehr aktive Ausflüge in der Nähe? Haben wir: Steinau an der Straße, Klimahaus Bremerhaven, Wandern im Ith

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Seit ich denken kann, zieht es mich in die Natur. Und in den Norden. Das spezielle Licht im Sommer, der Duft der Wälder und die Weite des Fjälls... Als Journalistin und Buchautorin bin ich außerdem gern in Europa und in Niedersachsen unterwegs.

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