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11 Tipps für Luleå und die arktischen Inseln

Wo im Sommer die Tage endlos lang sind, zieht jetzt der Herbst ein. Mit waldwürziger Luft, aromatischen Beeren und letzter intensiver Sommersonne auf den Inseln in der Bottenwiek. 11 Tipps, was ihr in dieser magischen Zeit rund ums nordschwedische Luleå unternehmen (und schmecken) könnt.

Schweden ist das Land mit den meisten Inseln weltweit. Und gut 1.300 davon liegen in der Bottenwiek, dem nördlichsten Teil der Ostsee. Diese Inseln sind überraschend vielfältig: Es gibt dort Sandstrände, Dünen, Wald, Heide- und Moorlandschaften und Geröllhalden aus der letzten Eiszeit. Im Winter locken im zugefrorenen Archipel Schlittenfahrten, Eisfischen, beleuchtete Schlittschuhbahnen und natürlich das Nordlicht. Das lässt sich allerdings auch prima im Frühjahr oder im jetzt Herbst beobachten (und das, ohne vor Kälte zu schlottern) – Hauptsache, der Himmel ist dunkel. Wer Beeren und Pilze sammeln, lecker lokal essen und letzte Paddeltouren in der Sonne unternehmen will, ist jetzt also genau richtig.

Unvorstellbar: In der letzten Eiszeit lag hier bis zu drei Kilometer hoch Eis auf dem Land. Seitdem die Eismassen die Erdkruste nicht mehr in den flüssigen Erdmantel drücken, hat sich das Land rund vier Meter gehoben. Bis heute steigt es neun Millimeter im Jahr – und das wird auch noch tausende Jahre so bleiben. Diese Landhebung ist unter anderem für Luleås Unesco Weltkulturerbe verantwortlich:

Luleå Gammelstad erkunden

Im Jahr 1327 erstmals erwähnt, erhielt Luleå Gammelstad (übersetzt „alte Stadt“) 1621 Stadtrechte. Der Ort war damals eine Insel mit Hafen. Und eine klassische Kirchenstadt: Alle Bauern und Händler aus dem Umland mussten damals nämlich regelmäßig zur Kirche kommen. Weil der Weg an einem Tag für viele nicht zu schaffen war, bauten die Menschen kleine Hütten, um darin bei der Kirche zu übernachten. Gammelstad ist mit seinen 405 Häuschen heute eine der besterhaltenen Kirchstädte Schwedens, seit 1996 Unesco Weltkulturerbe – und deshalb heute ein Besuchermagnet.

Die kleinen roten Hütten mit ihren weißen Fensterrahmen befinden sich noch immer in Familienhand. Man trifft sich darin zum Kaffeetrinken oder mit Freunden. Aber eher nicht mehr zur „Nattfriari“: Das Zusammenkommen der verschiedenen Dörfer des Umlands war früher nämlich auch immer ein Heiratsmarkt und eher Bumble als Tinder: Die jungen Frauen bestimmten, wen sie abends in ihre Hütte ließen.

Im Freiluftmuseum Hägnan backen

Wie das Leben früher in der Gegend aussah, zeigt das unterhalb von Gammelstad gelegene Freiluftmuseum Hägnan. Original eingerichtete historische Gebäude erzählen vom Alltag der Bauern und Handwerker vom späten 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In manchen kann man wie früher selbst Hand anlegen, erzählt Guide Anna, die uns als Magd Elin Amalia gekleidet das Haus eines Bauern zeigt.

In der Tat: Nebenan im Backhaus wartet schon Matilda auf uns, auch sie in historischer Tracht. Unter ihrer Anleitung backen wir im mit Holz befeuerten Backofen das weiche Fladenbrot Klådda. Es besteht u.a. aus Hafer, Weizen und Roggen und ein typisches Brotgewürz aus Fenchelsamen, Kümmel und Anis gibt ihm sein unverwechselbares Aroma.

Matilda schiebt ihr Haar unters Kopftuch und erklärt, wie mit zwei verschiedenen Nudelhölzern zu arbeiten ist. Und wie man mit dem Spörk, einer flachen Holzplatte mit Stiel, die ausgerollten Fladen in den Ofen schiebt. Dort wirft der Teig nach kurzer Zeit Blasen und ist nach einer 180-Grad-Drehung um die eigene Achse fertig. Noch lauwarm schmeckt Klådda köstlich mit gesalzener Butter. Oft ist das Einfache am besten.

Nordische Leckereien neben alter Eisenhütte schmausen

Als der Hafen Mitte des 17. Jahrhunderts wegen der Landhebung trockenfiel, zog die Stadt dem Wasser der Flussmündung des Lule älv hinterher. Das moderne Luleå – der Name geht vermutlich auf das lulesamische Wort lulij für „die im Osten lebenden“ zurück – ist mit seinen rund 80.000 Bewohnern die größte Stadt im schwedischen Teil Lapplands (inzwischen beginnt man, die Bezeichnung „Lappland“ durch „arktisches Schweden“ zu ersetzen, denn der Begriff „Lapp“ für die Urbevölkerung der Sámi ist ein abwertendes Wort. Sie selbst nennen die länderübergreifende Region in Nordskandinavien, in dem sie leben und ihre Rentiere weiden, Sápmi).

Samische und nordische Köstlichkeiten serviert uns Pontus Frank am Sandstrand neben dem Campingplatz First Camp: in Västerbotten-Käse eingebackene Pfifferlinge, getrocknetes Rentierfleisch und Tunnbröd, in das Honig und Walnüsse eingerollt sind. Yummie. Der Norden schmeckt lecker.

In Luleå betrieb man schon früh eine Eisenhütte, erzählt uns der Guide und CEO von Explore Luleå (der verschiedene Outdoor-Aktivitäten anbietet, einen Hochseilgarten betreibt und u.a. Hütten und Iglus vermietet), während wir kauen. Ihre Reste sind im Karlsvik Freiluftmuseum mit angeschlossenem Zugmuseum neben dem Zeltplatz zu besichtigen. Inzwischen befindet sich die Produktion an einem anderen Standort: Stegra ist eines der größten Stahlwerke des Landes. Als erstes dieser Größe weltweit will es in wenigen Jahren mit Wasserkraft und grünem Wasserstoff klimaneutral produzieren.

Beeren und Pilze sammeln

Diese Landschaft bleibt für mich einfach der Inbegriff von Schweden: Hohe, schlanke Kiefern, Fichten und Birken, am Boden das Kraut von Blaubeeren, Preiselbeeren. Und ganze Teppiche fluffiger Rentierflechte in Grau-Grün. Wie dieser Wald jetzt im beginnenden Herbst duftet… erdig, würzig, nach Pilzen! Gebückt von Busch zu Busch zu gehen, Blaubeeren und Preiselbeeren zu pflücken oder Pfifferlinge und Steinpilze zu suchen ist natürlich auch anstrengend, aber vor allem irgendwie… meditativ.

Die Beeren sind hier im Norden wegen der langen Mittsommersonne süßer als im Süden Schwedens, lernen wir. Aus den kleinen Kugeln entsteht köstliche Marmelade, “Sylt“, die man zu Pfannkuchen, aufs Brot oder zu Fleisch isst. Kindergarten- und Schulkinder aus Luleå gehen jeden Spätsommer zusammen Beeren sammeln und die Schulküchen kochen daraus Marmelade. Die essen dann alle den Winter über zusammen in der Mensa auf. So eine schöne Tradition!

Aber wo sammeln gehen? Eigenlich überall, wo ihr wollt. Das Jedermannsrecht erlaubt es. Quasi mitten im Wald und damit ganz nah dran an den Beeren seid ihr auf dem Campingplatz First Camp mit seinen Holzhütten, Iglus, der neuen Sauna und dem wirklich guten Restaurant Nomad. Oder in der Brändön Lodge mit ihren gemütlichen Hütten. Eine Sauna direkt am Wasser gibts auch hier, und ihr könnt verschiedene Aktivitäten buchen.

Noch mehr Beeren kennenlernen

Hier im Norden wachsen ziemlich viele schmackhafte und gesunde Beeren. Wer sie kennenlernen und probieren möchte, bucht am besten eine Beeren-Verkostung mit Mariah Johansson. Mariah baut auf ihrem Hof Staffansgården Öko-Gemüse und Blumen an. Sie vertreibt ihre Produkte, wie rund 60 andere lokale Produzenten auch, unter dem Dach von Noah, einer Lebensmittel-Kooperative – online oder in ausgewählten Supermärkten der Region.

Wir probieren Blaubeeren, Preiselbeeren, orangefarbenen Sanddorn und leuchtend gelb-orange Moltebeeren, die nur in sumpfigen Gebieten wachsen. Zum Schluss gibt es eine besondere Rarität: Arktische Himbeere, Åkerbär auf Schwedisch, auch Gold des Nordens genannt. Die kleine, rote Beere wächst am Boden und wird vorsichtig einzeln mit einer Nagelschere vom Stiel geschnitten, erzählt Mariah. Was für ein Aufwand! Aber ihr Aroma ist sensationell intensiv, fruchtig und komplex – ein Hauch von Maracuja, Tannennadeln… es ist verrückt. Wenig überraschend also, dass man bei Nobelpreis-Banketten Desserts mit den kostbaren Beeren kredenzt.

Kreatives Bier, kreatives Design

Wer es lieber bodenständig und herber mag: Direkt gegenüber des Noah braut die kleine Craft-Brauerei Bottenvikens lokales Bier mit viel Spaß und Experimentierfreude. Ihr bekommt es in einigen Restaurants in der Region ausgeschenkt oder könnt die stärkeren Sorten in bunten Dosen im staatlichen Alkoholladen Systembolaget kaufen.

Kalix löjrom schlemmen

Die Bottenwiek (schwedisch Bottenviken) ist der Teil der Ostsee oder genauer des Bottnischen Meerbusens, der nördlich der Åland-Inseln beginnt und jeden Winter komplett zufriert. Wegen mehrerer großer Gebirgsflüsse, die hier münden, hat das Wasser nämlich nur einen sehr geringen Salzgehalt. Deshalb schwimmen hier auch Süßwasserfische wie Barsche und Hechte.

Kalix löjrom. © Visit Sweden/Magnus Skoglöf

Angeln und Fischerei ist also naturgemäß eine große Sache hier oben, und die Lachsfischerei am Lule älv war lange Zeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Inzwischen ist der Lachsbestand deutlich zurückgegangen. Eine andere in ganz Schweden bekannte Delikatesse aus Norrbotten ist „Kalix löjrom“, der mild salzige Rogen der Kleinen Maräne. Die orangefarbenen Eier der weiblichen Fische dürfen ab dem 20. September einige Wochen lang „geerntet“ werden. Dafür presst man sie von Hand aus den toten Fischen.

Die EU hat Kalix löjrom als erstes schwedisches Lebensmittel mit einer geschützten Ursprungsbezeichnung ausgezeichnet, ein Kilopreis von mehr als tausend Euro ist nicht ungewöhnlich. Und das „rote Gold“ wird zukünftig sicher noch teurer, denn an die durch die globale Erderhitzung steigende Wassertemperatur in der Bottenwiek können sich die Fische nicht so schnell anpassen.

Arktische Inseln erkunden: Rödkallen

Luleå liegt an der Mündung des Flusses Luleälven auf einem Landrücken. An beiden Seiten hat die Stadt einen Hafen. Um auf die Inseln zu fahren, starten wir am Norra Hamn – dort, wo ein alter Kran neben einem großen, orangefarbenen Luleå-Schild an die Industrie-Vergangenheit der Stadt erinnert.

Im Archipel der Bottenwiek, dem weltweit größten Brackwasser-Schärengebiet (von der Küstenstadt Skellefteå bis zur Stadt Haparanda im Nordosten, direkt an der Grenze zu Finnland, liegen die gut 1.300 arkischen Inseln vor der Küste) tauchen wir dann schon nach wenigen Minuten in eine komplett andere Welt ein. Die Zeit scheint hier langsamer zu vergehen. Manche Inseln sind bewaldet, andere, wie das weit draußen liegende Eiland Skvalpen, gleichen einer flachen Sanddüne im Meer, die auf den meisten Karten nicht einmal verzeichnet ist. Wieder andere sind von Stein- und Geröllfeldern bedeckt. Was alle gemeinsam haben: jede Menge Natur, Weite und Ruhe.

Hafen auf Rödkallen

Auf Rödkallen, einer der am weitesten abgelegenen Insel des Luleå-Archipels, gibt es eine besonders eine reiche Vogelwelt. Ornithologen haben insgesamt 245 verschiedene Vogelarten gezählt, nicht zuletzt deshalb, weil die Vogelzugroute sibirischer Vögel im Frühling und Herbst hier entlangführt. Auf der Insel leben zudem außergewöhnlich viele Bodenbrüter. Deshalb sind Teile von Rödkallen zusammen mit der unbewohnten Nachbarinsel Sör Äspen Naturschutzgebiet.

Zwei markante Gebäude erheben sich auf der Insel: das gelb-rote Lotsenhaus, fast ein kleiner Wolkenkratzer. Und der Heidenstam-Leuchtturm von 1872, benannt nach seinem Erbauer Gustaf von Heidenstam. Der Metallturm ist original erhalten (wurde aber gerade renoviert und war eingerüstet, deshalb kein Foto). Daneben liegt eines der alten Steinlabyrinthe, für die die Inseln bekannt sind.

Lieblingsinsel der Einheimischen: Brändöskär

Wen man auch fragt: Brändöskär zählt definitiv zu den Lieblingsinseln vieler Einheimischer. Verständlich: Sobald unser Boot (im Sommer verkehren Linienboote zu einigen der Inseln) in den Hafen einfährt, leuchten die roten Fischerhütten in der Sonne. Ganz oben, hinter Geröllhalden und eiszeitlichen Geschieben, steht eine Kapelle. Auf der anderen Seite der Bucht lädt schon wieder ein Wald dazu ein, Pilze und Beeren zu sammeln… Stellen für Pfifferlinge aber nie verraten! Wer länger bleiben will: Auf der Insel kann man auch einige Hütten mieten.

Fischerhütten auf Brändöskär

Nichts für Feiglinge: Surströmming probieren

Gut, dass es kein Geruchs-Internet gibt. Surströmming, „Sauerhering”, ist typisch norrländisch: ein in Dosen verpackter, fermentierter Ostsee-Hering mit intensivem Geruch (manche nennen es auch Gestank) und starkem Umami-Geschmack. Man liebt oder man hasst ihn. Fans zelebrieren den Dosenfisch mit Mandelpotatis, einer schwedischen Kartoffelsorte, Sauerrahm und gehackten Zwiebeln.

Mit Blick über die Küste bei Måttsund probieren wir Surströmming bei Kristina Wikström von Swedish Lapland Amazing. Kristina bietet Koch- und Back-Workshops an (harmloser als Surströmming: Zimtschnecken!) und vermietet Ferienhäuser. Nachdem sie die Dose Surströmming im Freien routiniert in einem Topf unter Wasser geöffnet hat, riecht es sofort stark nach dem Fisch und unzählige Fliegen finden sich ein. Der Geschmack sei aber ein ganz anderer, versichert Kristina, die Surströmming liebt. Als Vegetarierin habe ich es nicht überprüft. Und die Meinungen in der Gruppe waren, sagen wir mal, gemischt.

Raus aufs Wasser

Kraftvoll und routiniert taucht Pontus das Paddel ins Wasser. Wir gleiten lautlos über die Bottenwiek. Die ist hier, ufernah, sehr flach und voller kleiner Inseln. Manche entstehen gerade neu aus Schilfrohr, andere sind groß und bewaldet. Während wir übers Wasser paddeln, ziehen zwei Seeadler über uns hinweg. Phantastisch.

Paddeln auf der Bottenwiek. © Pontus Frank Explore Luleå

Lokal essen und genießen

Eine der besten Adressen für Feinschmecker in der Region ist das Restaurant Hemmagastronomi in Luleås Nordhafen. Küchenchef Simon Laiti hat hier ein Restaurant, ein Feinkostgeschäft, eine Bäckerei, eine Patisserie und ein Kochstudio unter einem Dach vereint.

Leckereien aus eigener Produktion

Von fertig zusammengestellten Zutaten, um zuhause selbst zu kochen, über Afternoon Tea bis zum mehrgängigen Dinner aus der offenen Küche – Simon arbeitet grundsätzlich mit lokalen Produkten wie der Kleinen Maräne, Kalix-Kaviar oder der Arktischen Himbeere Åkerbär (die auch das Logo des Restaurants ziert).

 

GUT ZU WISSEN

Infos zu Luleå: visitlulea.se

Wissenswertes zu Nordschweden: swedishlapland.com

Alles zu ganz Schweden (… und manchmal gibts sogar eine eigene Insel zu gewinnen): Visit Sweden

Anreise  Mit dem Zug oder Auto dauert die Fahrt von Stockholm rund zwölf Stunden. Täglich außerdem mehrere Direktflüge aus Stockholm.

© für alle Fotos, wenn nicht anders angegeben: Anke Benstem

Die Region rund um Luleå an Land und auf den Inseln zu erkunden, haben mich Visit Luleå und Visit Sweden eingeladen. Tusen tack!

Mehr Schweden? Wir hätten Göteborg, Brännö, Landskrona, Fårö, Värmland und noch jede Menge mehr Geschichten aus dem schönen Norden im Angebot.

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