Ausflug, nachhaltig
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Das Vogel-Venedig am Altmühlsee

Große Wasserflächen und schmale Kanäle. Eine Welt aus künstlich aufgeschütteten Inseln, verbunden mit malerischen Holzbrücken. Doch am Altmühlsee hat der Mensch keine Wasserstadt für sich selbst erbaut, sondern für die Tier- und Pflanzenwelt. Das kommt erstaunlich gut an – nicht nur bei den gefiederten Freunden.

Wir treffen uns an der Umweltstation des Altmühlsees mit Martina Widuch. Sie leitet die Station und arbeitet für den Landesbund für Vogelschutz (LBV), die bayerische Entsprechung des NABU – und erklärt uns als erstes die Ursprünge: Hier befand sich früher ein Wiesen-Feuchtgebiet, das in einen Stausee umgewandelt wurde. Klingt erstmal nicht so toll, das fanden auch zunächst viele Menschen vor Ort. Das Allgemeininteresse war jedoch größer, denn in dieser Region verläuft die Europäische Hauptwasserscheide.

Die Europäische Wasserscheide

Hier entscheidet sich, ob ein deutscher Fluss sein Wasser in Richtung Nordsee bzw. den Atlantik trägt oder über die Donau ins Schwarze Meer. Und zwischen diesen beiden Wasserscheiden gibt es eigentlich keine Verbindung. Wenn es also im Norden wenig regnet wie derzeit und im Süden viel oder umgekehrt, gibt es keine Möglichkeit, Wasser „umzuschichten“. Eigens zu diesem Zweck schuf der Mensch das Fränkische Seenland. Hier existiert nun ein kompliziertes System zischen Rhein-Main-Donau-Kanal, Rothsee, Großem und Kleinem Brombachsee und dem Altmühlsee. Durchschnittlich 150 Millionen Kubikmeter Wasser leitet der Mensch jährlich über dieses System hin- und her und sichert so nicht nur die Trinkwasserversorgung, sondern kann auch Hochwasserereignisse zwischen Nord und Süd ausgleichen.

Schön und gut, aber wo bleiben Menschen und Natur vor Ort?

Ein neues Ökosystem

Damit diese nicht auf der Strecke bleiben, schrieb man eigens die Rechte und Pflichten für die Menschen, Tourismusentwicklung und Naturschutz gesetzlich fest. Deshalb ist heute knapp die Hälfte des Altmühlsees Naturschutzgebiet. Erstaunlich finde ich daran, wie gut Flora und Fauna diese künstlich erschaffene Welt angenommen haben: Hier zimmern Biber ihre unterirdischen Bauten und knapp 300 verschiedene Vogelarten wurden bisher nachgewiesen. „Davon sind rund 200 regelmäßig hier“, erzählt Martina Widuch.

Hohl klingen die Holzbohlen unter unseren Füßen, als wir uns aufmachen über die lange Brücke ins Naturschutzgebiet. Beim Bau vor rund 30 Jahren entschied man sich, nicht eine einzige Insel im Stausee anzulegen, sondern ein System aus vielen kleinen Inseln mit unterschiedlich großen Wasserflächen und kleinen Kanälen dazwischen. Lauter kleine Mini-Ökosysteme, die unterschiedliche Bedürfnisse ihrer Bewohner erfüllen. Von oben sieht das ganze fast ein wenig wie ein Südsee-Atoll aus. Das Ganze Inselsystem ist mit Holzbrücken verbunden, ein wirklich idyllischer Spazierweg.

Als wir die erste Insel betreten, begrüßt uns schon ein Zilpzalp mit seinem charakteristischen Gezwitscher. Überall Vogelstimmen, das Plätschern der startenden Graugänse auf dem Wasser, Grillen zirpen. Naturmusik.

Vom Vogelbeobachtungsturm erblicken wir Weißstorch, Graugänse, Silberreiher und einen wunderhübschen Seidenreiher. Fischadler jagen hier. Sogar der prächtige Pirol, der auf der Roten Liste steht, flötet auf dem Altmühlsee seinen Reviergesang.

Kein Privatbesitz

Was mir richtig gut gefallen hat: Privatbesitz ist an den Seeufern nicht erlaubt. Niemand kann ganze Abschnitte kaufen oder gar eine schicke Villa am See errichten. Diese Seen sollen für alle zugänglich bleiben, kein zweiter Starnberger oder Tegernsee werden. Kein Wunder, dass man sich hier auch für andere geplante Seengebiete Rat holt – zum Beispiel in den ehemaligen Braunkohlewüsten der Lausitz. Wenn man es geschickt anstellt, können sowohl die Menschen vor Ort als auch die Natur von künstlichen Landschaften profitieren. Man muss allerdings ihre Rechte in Gesetzesform gießen – und vielen Begehrlichkeiten die Stirn bieten.

Diese Recherche fand mit Unterstützung des Tourismusverbandes Franken statt. Vielen Dank dafür!

 

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