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Niederthai: Sanfter Schneegenuss im Ötztal

Sie wollen keine Menschenmassen, einige Alpendörfer setzen auf das Feine, Kleine. Sich bewegen und gleichzeitig runterkommen – wie das geht, konnte ich in Niederthai erfahren. Und weil das kleine Bergdorf in den Ötztaler Alpen auch noch auf einem Hochplateau liegt, gilt es zudem als lawinensicher.

Es gibt hier keine Durchgangsstraße. Anfang und Ende des Zubringers ist Niederthai. Das war auch ein Grund dafür, warum sich die Bewohner lange Zeit abgehängt fühlten. Und warum es keine große Seilbahn gibt, sondern nur kleine Lifte. Dort fahren vor allem die Jüngsten, während die Großen sich beim Langlaufen und Schneeschuhwandern verausgaben. Heute sagen die Niederthaier, das mit der fehlenden Seilbahn sei ein Segen. „Wir wollen keine Menschenmassen und keine riesigen Skigebiete.“

Stattdessen setzt die Gemeinde auf sanften Wintertourismus und fast alle ziehen mit. 85 Prozent der Übernachtungsbetriebe finanzieren gemeinsam die „Niederthai-Card“, die jeder Übernachtungsgast hier automatisch gratis dazu bekommt. Zu den Inklusivangeboten gehört auch eine Nachtwanderung, der wir uns gleich am ersten Abend anschließen.

Im Schein der Sturmlaterne

Wanderführer Ludwig Grießer hat jede Menge Sturmlaternen mitgebracht, die noch ganz altmodisch mit flackerndem Feuerschein für romantisches Licht sorgen. Wir stapfen durch den Schnee und balancieren über die Eisflächen des kleinen Skihügels, auf dem sich tagsüber vor allem Kinder vergnügen. Heute Nacht ist jedoch niemand mehr unterwegs. Man hört nur das Knirschen des Schnees und den Wind. Nur ab und zu sorgt ein Autoscheinwerfer für künstliches Licht. Und dann ertönt ein lautes Rauschen. Wir sind da. Auf der anderen Seite der Schlucht prasselt der beleuchtete Stuibenfall zu Tal.

Und weit hinten im Tal tauchen die Straßenlaternen des Dorfes Umhausen die Schneelandschaft in ein goldenes Licht. Vor dem bläulichen Nachthimmel recken sich schroffe Berge den Sternen entgegen. Ein erhabener Anblick: „Mit knapp 160 Metern Fallhöhe ist dies der höchste Wasserfall Tirols“, sagt Ludwig Grießer. Und erzählt uns davon, dass bei starken Minusgraden der Wasserfall erstarrt und Eiskletterer unterwegs sind. Mit roten Nasen und erfrischt kehren wir ins Hotel zurück.

Langlaufen lernen

Am nächsten Tag geht es auf zum Skiverleih und dann zum Langlauf-Schnupperkurs. „Unser Sonnenplateau hier in Niederthai ist ein echtes Langlauf-Eldorado“, erklärt Michael Leiter.

Er ist staatlich geprüfter Langlauf-Lehrer und gibt uns eine kleine Einführung: „Wer das ganze Jahr über sein Gleichgewicht nicht trainiert, der bekommt Probleme“, sagt er. Denn Langlauf sei ein Gleichgewichtssport. „Alle anderen lernen es schnell.“ Das kann ich bestätigen. Die Langlauf-Bewegung ist dem natürlichen Gehen viel ähnlicher als etwa Alpinski und schon nach kurzer gleiten wir scheinbar mühelos durch die Loipe.

Scheinbar, weil es nur nach außen hin so wirkt. Langläufer brauchen eine gute Kondition und ich komme schnell ins Schwitzen. Wir beherzigen für den Rest der Reise daher auch Michaels Rat, sich nach dem Zwiebelprinzip anzuziehen. So kann man eine dünne Kleidungsschicht nach der anderen ablegen. Mit einer dicken Skijacke kommen Langläufer zu schnell ins Schwitzen – und holen sich schnell beim Runterkühlen eine Erkältung.

Wie ein Yeti durch den Pulverschnee

Auch später kommen wir wieder ins Schwitzen: Wir leihen uns Schneeschuhe aus und die Bewegung ist ganz anders, breitbeiniger als beim Langlauf und man braucht weniger Kraft. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Yeti mit meinen überdimensionalen Fußfortsätzen. Aber das ist gerade das Schöne am Schneeschuhlaufen, denn man sinkt nicht ein: Es gibt kaum Wegbeschränkungen, es geht querfeldein, mitten durch den Wald und über unberührten Tiefschnee. Allerdings Vorsicht beim Marschieren über Abhänge mit dicken Schneefeldern! Die können als Lawine hinabrutschen.

Zum Glück haben wir unseren Michael dabei, der nicht nur Langlaufskilehrer, sondern auch Bergretter ist und uns auf solche Gefahren hinweist. Jeden Montag Nachmittag können Besucher hier an einer geführten Schneeschuhwanderung teilnehmen.

Unser Ziel ist heute die Larstigalm, auf der wir uns nach einer Stärkung mit Kaiserschmarrn und Co. auf den Rückweg machen. Diesmal allerdings nicht mit Schneeschuhen, sondern auf zwei Kufen: Die Larstigalm hält immer ein paar Leihschlitten für die Gäste vor. Hinabrauschen und genießen. Abends geht es angenehm müde ins Bett, Tiefschlaf inklusive – und mit Muskelziehen am nächsten Morgen. Trotzdem – oder gerade deswegen – fühle ich mich nach dem kurzen Schnee-Urlaub super erholt.

Weitere Infos:

Anreise: Am nachhaltigsten ist die Anreise per Bahn zum Bahnhof Ötztal. Von hier aus gibt es Shuttle-Busse und Taxis, die nach Niederthai fahren. Der öffentliche Nahverkehr vor Ort ist für Besitzer der Niederthai-Card gratis.
Mehr Infos zur Region Umhausen/Niederthai im Ötztal gibt es unter: www.umhausen.com/de bzw. in der Touristeninformation vor Ort, Niederthai 50, 6441 Umhausen

Diese Recherche wurde unterstützt von Oetztal Tourismus. Vielen Dank dafür!

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Vom heimischen Bauernhof ins Chemielabor und raus in die weite Welt: Heute lebe ich als Journalistin und Autorin - back to the roots - im Weserbergland und darf die Reiselust mit der alten Leidenschaft für Naturthemen verbinden. In unserer binationalen Familie sind wir als Grenzwandler zwischen Deutsch und Spanisch unterwegs.

4 Kommentare

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    Ja schön, so Winter zu erleben. Ich kenn das ja von meinem „Vorleben“. Aber hast du auch Skating-Langlaufen probiert? Wenn man das Gleichgewicht beherrscht ist es wie fliegen auf der Loipe. Grüße, nun aus Italien. Ciao

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      Probiert habe ich das Skaten schon, aber das Fliegegefühl hat sich leider nicht eingestellt. Sagen wir mal so: ich bin weniger auf die Nase geflogen bei der dritten Runde als bei der ersten. 😁 Das war auch schon ein Erfolgserlebnis 😉 , viele Grüße nach Italien!

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    „Wie ein Yeti durch den Pulverschnee“…herrlich! 🙂 Kaiserschmarrn und Schneeschuhwanderung klingen auch reizend. Ich kann total verstehen wie ihr k.o. ins Bett gegangen seid und euch dann erholt gefühlt habt. LG

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