Ausflug, Norddeutschland
Schreibe einen Kommentar

Eine Anregung zum Selbst-Denken: Das Kant-Museum in Lüneburg

Verwinkelte Gassen, Giebelhäuser, Salz und Hanse – all das lockt jährlich zahlreiche Tourist:innen nach Lüneburg. Sie bestaunen das bei Spaziergängen; wer tiefere Informationen haben möchte, macht eine Führung oder geht ins Museum. Jetzt ist die Museumslandschaft der Kleinstadt südöstlich von Hamburg um eine Attraktion reicher: Mitte März 2026 hat das Kant-Museum seine Pforten geöffnet.

Immanuel Kant? In Lüneburg? Der war doch nie dort! Stimmt. Aber seit 1987 gibt es in Lüneburgs Zentrum das Ostpreußische Landesmuseum, dessen Ursprung auf die Flüchtlinge zurückzuführen ist, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Lüneburg gekommen waren. Und weil Kant (1724–1804) sein gesamtes Leben in Ostpreußen – zumeist im damaligen Königsberg – verbracht hat, lag die Idee nahe, dem großen Denker und Philosophen einen Teil des Hauses zu widmen. Es ist die einzige Dauerausstellung in Deutschland, die sich mit Leben und Werk Immanuel Kants befasst, der bis heute wirkt. Auf welche Weise, ist auf drei Etagen mit insgesamt 600 Quadratmetern zu entdecken. Verpackt ist es gut verdaulich in moderne Vermittlungsformen.

Was unterscheidet Wissen von Aberglauben?

Anregungen zum Denken

Schon das Erdgeschoss zieht den großen Denker ins heute. Eine Wand mit Fotos von Lebensorten Kants zeigt ebenso Wortspielereien, Memes und Gedichte zum Verfasser der „Kritik der reinen Vernunft“. Zwei Jahre nach Erscheinen des Buchs 1781 hat er zu seinem Hauptwerk eine verständlichere Kurzfassung veröffentlicht, die maßgeblich zu seinem Durchbruch beigetragen hat. Auch hinsichtlich Zugänglichkeit war Immanuel Kant also ein Vorreiter. Die Ausstellungsmacher:innen haben sich dieser Idee angeschlossen.

Kants Vernunft-Begriff

Sie haben den Aufklärungs-Leitspruch Kants „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ zu dem der Ausstellung gemacht, die sich in einem neuen Anbau befindet. Dafür bieten sie Fragen an, die auf Impulsen aus Kants Werk und aktuellen Bezügen aufbauen. So haben 140 Autor:innen Mitte des 18. Jahrhunderts an der ersten Enzyklopädie gearbeitet und die Einträge geprüft. Heute schreiben Tausende Freiwillige an den Einträgen in Wikipedia – aber wer hinterfragt das Geschriebene? Und wer prüft, was uns die Künstliche Intelligenz als Wahrheit und aktuelle Erkenntnis präsentiert? Und noch weitergedacht: Was bedeutet das für unser Zusammenleben?

Wie Kants Ideen bis heute wirken

Viel diskutiert wird aktuell über Zensur und Cancel Culture. Das ist auch Kant widerfahren. Nachdem er seine Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ veröffentlicht hatte, wurde ihm verboten, in diesem Sinne zu publizieren. Immanuel Kant hielt sich daran, bis der nächste König an die Macht kam. Eine andere Präsentation befasst sich mit dem damaligen – und heutigen – Umgang mit Fake News. Und was hat es eigentlich mit Aberglauben auf sich, dem Kant mit der Aufklärung ein Ende setzen wollte? Wo begegnet er uns heute wieder? Und was macht das mit unserem Zusammenleben?

Fake-News!!

Am Tisch mit Weggefährten

Und was ist mit Kants Leben selbst? Wer mag, kann sich an einen großen Esstisch setzen, den Gesprächen Kants mit Freunden und Weggefährten lauschen und ihn als unterhaltsamen Gastgeber erleben. Animiert per KI scheinen sie selbst über Religion, Wirtschaft, Politik und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu sprechen. Zusammengesetzt wurde diese Tischgesellschaft nach einem Ölgemälde von Emil Doerstling. Wörtlich hat es die Gespräche so nicht gegeben. Sie sind auf Basis von Schriften kreiert worden und zeigen unterhaltsam, wie damals gedacht wurde – und wie neu die Welt war, die entstand. Schubladen am Tisch bieten weitere Hintergründe.

Eine feine Tischgesellschaft

Avatare geben Auskunft

Was würde Kant zur Impfpflicht sagen? Wo bleiben die Gefühle bei all der Vernunft? Und müssen wir wirklich fleißig sein? Gefüttert mit der Philosophie Kants gibt ein Avatar an einer Station Auskunft. Eine andere setzt sich mit Kants Politik der Freiheit und den Menschenrechten auseinander, die von seinen Überlegungen geprägt sind. Wer eine Pause vom Denken braucht, kann sich mit Frack, Perücke und Gehstock als Kant verkleiden oder sich per VR-Brille zeigen lassen, wie das heutige Kaliningrad ausgesehen hat, als es noch Königsberg hieß und täglich von Kant zu Fuß durchstreift wurde.

Plausch mit Avatar

Stets pendelt die Ausstellung zwischen der Zeit vor 300 Jahren und Heute. Sie macht Immanuel Kant als Menschen nahbar und zeigt eindrücklich, wie sehr die Aufklärung bis heute wirkt – aber auch, welche Bestrebungen es gibt, genau diese Entwicklung zunichtezumachen. Eine Wertung bleibt den Gästen überlassen.

Größte erhaltene Kant-Sammlung

Seit 2016 verfügt das Ostpreußische Landesmuseum durch die Zusammenführung eigener Bestände und Dauerleihgaben des ehemaligen Museums Stadt Königsberg (Duisburg) über die größte erhaltene Kant-Sammlung. Nur wenige Objekte von Kant selbst sind bis heute erhalten geblieben. Laut Museum sind die meisten davon in der Ausstellung zu sehen. Sie gliedern sich ein in die Präsentation, die sich nicht nur modernster Technik, sondern auch kleinen Versuchen, Papier und Tinte bedient.

Nachhaltigkeit in Gebäude und Ausstellung

Zum neuen Anbau und zur Gestaltung der Ausstellung sagt Museums-Direktor Dr. Joachim Mähnert: „Da sich Ausstellung und Architektur hier von Beginn an ergänzt haben, wurde schon beim Bau auf Nachhaltigkeit Wert gelegt. Der verwendete Ziegel ist ein Recycel-Ziegel, in dem Fall aus Polen, weil das für uns als Ostpreußisches Landesmuseum eine passende Herkunftsregion darstellte.“ Hinsichtlich der für ein Museum notwendigen Klimatisierung der Räume wurde auf großflächige Fenster verzichtet, wodurch der Aufwand für Kühlung reduziert wird. „Die einzige geschossübergreifende Fensterfuge ist nach Norden orientiert“, ergänzt er.

Welche Rechte hat die Natur?

Das Museum arbeitet bei Heizung bzw. Kühlung mit Wärmepumpen, die künftig durch eine Photovoltaik-Anlage ihren Strom beziehen soll: Der Antrag für die Anlage sei bereits gestellt. Das Gebäude sei „hervorragend gedämmt“ und: „In der Ausstellung werden besonders energiearme Lichtsysteme verwendet. Die Vitrinen bestehen weitgehend aus Holz.“ Weitere Informationen dazu soll die künftige Webseite zum Kant-Museum beinhalten, die aktuell entwickelt wird.

Prinzip Verantwortung

Ein Bezug zur Nachhaltigkeit findet sich auch in der Ausstellung selbst wieder. „Wir fragen danach, inwieweit Kants Kategorischer Imperativ sich über einen zukünftigen Mehrgenerationenansatz anwenden lässt und verweisen u.a. auf Hans Jonas‘ Konzept vom ‚Prinzip Verantwortung‘. Wir thematisieren den Einfluss der Menschheit auf die globalen Ökosystem und diskutieren Konzepte, wonach auch die nichtmenschliche Natur Rechte zugesprochen werden sollte“, erläutert Direktor Mähnert.

Kants kategorischer Imperativ

Die Ausstellung ist weitgehend barrierefrei. Es gibt einige Audiostationen, ein Audio-Guide wird aktuell entwickelt. „Die Ausstellung ist sehr klar gegliedert und bietet sehschwachen Menschen ausreichend Orientierungsmöglichkeit. Die wichtigsten Texte sind auch im Netz in verschiedenen Sprachen und können über ein geeignetes Mobiltelefon vorgelesen werden“, ergänzt Joachim Mähnert.

 

GUT ZU WISSEN

Kant-Museum, Heiligengeiststraße 38, 21335 Lüneburg, Tel. +49 (0) 4131 75995-0

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr

10 Euro / 6 Euro (ab 17 Uhr ermäßigter Eintritt)

Für Menschen unter 18 Jahren, Schulklassen und Geflüchtete aus der Ukraine ist der Eintritt frei.

Führung (nach Anmeldung) ab 60 Euro pro Gruppe mit maximal 20 Personen, zzgl. 6 Euro Eintritt pro Person; Dauer: 60-90 Minuten

Öffentliche Führung jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr: 2,50 Euro / Person zzgl. Eintritt

Anreise

…mit der Bahn: Der Lüneburger Bahnhof liegt fußläufig nur gut 10 Minuten entfernt.

…mit dem Bus: Bushaltestelle „Am Sande“

…mit dem Auto: Parkplatz „Theater“ und Parkhaus „Stadtmitte“ befinden sich in der Nähe (kostenpflichtig)

Internet: https://www.ostpreussisches-landesmuseum.de/museum/kantmuseum/ Mit Informationen aus der Bauzeit des Hauses. Eine eigene Webseite für das Kant-Museum wird aktuell entwickelt.

Text und (C) für alle Fotos: Dr. Marie-Luise Braun

Mehr Museen? Museum am Meer, Freilichtmuseum Mueß, Museum Kalkriese, Landesmusem Hannover

Kommentar verfassen