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Freilichtmuseum Mueß: Auf Bienentour und in die Vergangenheit

Im Beitrag über Schwerin, die kuschelige Landeshauptstadt, hatte ich bereits meinen Favoriten erwähnt: das Freilichtmuseum für Volkskunde Schwerin-Mueß. Hier lässt sich so viel Spannendes erfahren – vor allem über Bienen 🐝… 

Volker Janke hat einen Strohhut auf, als er unsere Reisegruppe für seinen Bienenrundgang empfängt. Es ist heiß heute, die Sonne brennt unbarmherzig. Und er verspricht, bei seiner Tour vor allem Schattenplätze mit uns aufzusuchen: „Alte Beduinenweisheit: Mittags stehen nur Kamele und Touristen in der Sonne.“

Diesen guten Vorsatz kann er an der ersten Station noch nicht ganz einhalten, denn dieser Bienenstock steht mitten auf einer Wiese in der prallen Sonne – und doch ist der Ort perfekt, um auch schon das erste kleine Wunder zu erleben.

Mit einer App kann man das Gewicht und die Temperatur im Stock abrufen. Und trotz Mittagshitze herrschen drinnen konstant 32 bis 37 °C. Als Volker Janke die Abdeckung entfernt und die Sonne durch die Glasscheibe in den Stock scheint, kommt Aufregung in das Volk, die Bienen beginnen damit, die Flügel sehr schnell zu bewegen: Sie werfen damit die Klimaanlage im Bienenstock an.

 

Wohltemperiert

Im Frühling und Sommer entwickelt sich der Nachwuchs und wenn die Bienen es nicht schaffen, den Stock auf die ideale Temperatur zu bringen, kann dies zu Störungen in ihrer Entwicklung führen. Forscher haben bereits gezeigt, dass der Nachwuchs „weniger klug“ wird, wenn man so will: Die geschlüpften Bienen sind nicht so kommunikationsfähig und sie lernen weniger schnell. Deshalb werden die Arbeiterinnen aktiv, sobald sich die Temperatur erhöht. Sie verteilen sich vor dem Eingang und fächern mit ihren Flügeln warme Luft aus dem Stock – mit bis zu 7.200 Flügelschwingungen pro Minute.

Und was ich noch spannend fand: sie sammeln an heißen Tagen statt Honig oft Wasser und tragen es in den Stock, um mit der Verdunstungskälte die Temperatur zu senken. Deshalb schließt Volker Janke auch schnell wieder die Klappe, um bei den Bienen nicht für zusätzlichen Stress zu sorgen. Den haben sie durch den heißen Sommertag heute schon genug. Zum Glück steht hier dank Schweriner See jede Menge Wasser zur Verfügung… Auch sonst leben die Bienenvölker hier im Freilichtmuseum Mueß in einem kleinen Paradies.

Auf sieben Hektar stehen nur 18 Gebäude, und zwar in ihrer alten Gehöftstruktur aus dem 19. Jahrhundert. Dazwischen wachsen Wiesen mit Wildblumen, ein Bauerngarten, in dem es grünt und blüht und jede Menge alte Obstbäume.

Rasenmähen nach dem Huckleberry-Finn-Prinzip

Das war nicht immer so: „Früher kam hier immer ein Gartenbaubetrieb und hat den Rasen alle paar Wochen auf Standardlänge gemäht“, erzählt Volker Janke. „Heute nutzen wir das Huckleberry-Finn-Prinzip: zweimal im Jahr finden Sensen-Kurse statt – und bei der Gelegenheit alle Wiesen gemäht.“ Mit dem verschmitzten Grinsen im Gesicht und dem Strohhut auf dem Kopf erinnert er in diesem Moment selber an Huckleberry Finn: Andere Leute die Arbeit machen und sich dafür auch noch bezahlen lassen, diese Strategie hätte dem Romanhelden sicher auch gefallen. Aber schließlich tun die Engagierten im Freilichtmuseum Mueß damit auch dem Umwelt- und Naturschutz etwas Gutes.

Wie wichtig das ist, erfahren wir an den nächsten Stationen: „Die Bienen brauchen Blühvielfalt“, erklärte Volker Janke. Die finden sie nicht auf einem kurz rasierten Rasen, sondern nur auf üppig blühenden Blumenwiesen. „Die Königin legt bis zu 2000 Eier am Tag. Wenn aber die Arbeiterinnen reinkommen und kommunizieren: da draußen ist tote Hose, dann hört die Königin auf Eier zu legen.“

Deshalb sind auch Monokulturen so gefährlich. Wenn etwa ein Rapsfeld abgemäht wird, verwandelt sich von jetzt auf gleich für die Bienen ein Schlaraffenland in eine Wüste. Ein Schock für das Volk.

Wenn Bienen schwärmen

Auch über das Schwärmen weiß Volker Janke viel zu berichten. In der sonst verbreiteten Form der Imkerei wollen viele das Schwärmen unbedingt verhindern. Die neue Königin wird zerdrückt, sobald sich eine in der Wabe entwickelte. Dabei ist das Schwärmen ein natürlicher Trieb, der der Vermehrung dient: Wenn genüg Pollen und Nektar vorhanden ist, wächst automatisch irgendwann eine neue, junge Königin heran. Und die beginnt zu „tuten“, das ist für die alte Königin das Aufbruchssignal.

„Dann passiert etwas Unglaubliches, denn das Volk teilt sich nun in zwei Hälften, die eine Hälfte geht mit der alten Königin und verlässt den alten Wohnort und die neue Königin bleibt mit der anderen Hälfte im alten Stock“, erzählt Volker Janke. Wie entscheiden die Bienen das: Du gehst zur alten Königin, ich zur neuen? Was da wohl passiert? Die Biologie der Bienen ist auf jeden Fall so spannend, dass ich diese Führung unbedingt weiterempfehlen kann. Hier im Freilichtmuseum Mueß wird übrigens kein Schwarmtrieb verhindert, weder durch Züchtung, noch sonstwie. Man fängt den Schwarm ein – auch wenn dadurch die Honigernte kleiner ausfällt. 

Auch über Wildbienen, die zum Beispiel in den Halmen der Reetdächer nisten, erzählt Volker Janke so einiges (oben zu erkennen an den verschlossenen Röhren). Da gibt es die Natternkopf Mauerbiene, die in vielen Regionen bereits ausgestorben ist oder die Gehörnte Mauerbiene. Mehr als 500 Wildbienenarten kennen wir in Deutschland. Für die meisten von ihnen ist die Varroa-Milbe übrigens kein so großes Problem, denn sie sind wehrhafter als unsere auf Ertrag gezüchteten Honigbienen. Hier im Museum versuchen sie daher auch, besonders auf wehrhafte Völker zu setzen, die die Parasiten zerbeißen. Das alles lässt sich sehr gut im so genannten Gemüll des Bienenstocks erkennen:

„Wir haben das Gefühl, als ob wir Menschen das Wegnehmen des Honigs übertrieben haben“, sagt Volker Janke. Das Züchten auf Friedfertigkeit und Ertrag hat den Bienen nicht gut getan. Er erklärt, dass es auch durchaus möglich ist, an Honig zu kommen, wenn man nur den entnimmt, den die Bienen nach dem Winter übriggelassen haben. Wenn nur Überschüsse abgeerntet werden, bedeutet das für die Bienen viel weniger Stress. Die Waben aus dem Folgejahr erkennt Ihr auf dem Bild unten übrigens an der dunkleren Farbe, sehr, sehr lecker und aromatisch!

Wer noch mehr über Insekten erfahren will, kann hier auch die einzige aktive Seidenraupenzucht in einem deutschen Museum besichtigen, nebst riesigen Maulbeerbäumen. Das war früher ein wichtiger Nebenerwerb, vor allem für die Armen und Schwachen in der Gesellschaft. Unter Hitler bekamen die Tiere dank Seidenraupenerlass (zur Produktion von kriegswichtigen Fallschirmen) eine ganz neue Dimension. In fast jeder Dorfschule in Deutschland gab es Seidenraupen.

Diese Recherche wurde unterstützt vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommernund der Stadtmarketing Gesellschaft Schwerin. Vielen Dank dafür!

 

7 Kommentare

  1. Avatar

    Schöner Beitrag mit tollen Fotos! Und schön auch, daß es Leute gibt, die umdenken. Ich denke auch, daß diese dauernde Züchtung auf Ertrag und Friedfertigkeit nicht gesund ist und daß das Schwärmen nicht unterbunden werden sollte. Es ist eigentlich wie überall gerade: man stellt fest, daß die naturnah bewirtschafteten Wälder am Besten klarkommen, daß, wenn man der Natur den Raum gibt, sie sich viel besser anpassen kann, als wenn der Mensch immer dazwischen pfuscht.

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      Liebe Almuth, vielen Dank, ich freue mich, dass gerade Dir als Wildbienen- und Insektenspezialistin der Beitrag gefällt! Denn obwohl er recht lang geworden ist, habe ich noch immer das Gefühl gehabt, damit nur an der Oberfläche zu kratzen. Das Leben der Bienen ist so komplex. Es gab noch so viel Spannendes (Über das Schwärmen, über die Funktion der Drohnen, wie Bienen kommunizieren etc), aber dann hätte ich einen halben Roman schreiben müssen 😉 aber Deine Quintessenz „der Natur Raum geben“ trifft sehr gut, was ich letztendlich daraus mitgenommen habe… noch mehr Unordnung im Garten, noch weniger mähen 😉
      LG
      Iris

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        Das ist wirklich ein spannendes Thema und gerade über die Honigbienen weiß ich nicht sooo wahnsinnig viel. Da gibt es noch viel zu lernen. Es gibt sicherlich gute Imkerseiten, die das weiter ausführen. Ansonsten, wenn du Zeit und Lust hast 😉 – Ja, die Natur mal machen lassen und ein bißchen machen wir, gell? LG, Almuth

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