Pünktlich jeden Mittag liegen alle kleinen Motorboote und Segler auf der Seite, also auf dem Trockenen, in dem normannischen Hafen. Wieder mal Ebbe. Eine steife Brise weht mir um die Nase, Salz liegt in der Luft. Direkt vor mir werden große, fleischige Austern mit dem scharfen Messer aufgebrochen. Hier in der Bucht von Granville-Chausey findet der größte Gezeitenwechsel Europas statt. Ein Leben im Rhythmus der Gezeiten. Die Fischerboote bringen hier jedes Jahr rund 9000 Tonnen Muscheln – und machen Granville damit zum größten Muschelhafen von Frankreich. Jeden Oktober feiert deshalb der gemütliche Fischerort auf der spektakulären Klippe das Festival „Toute la mer sur un plateau“ zwei Tage lang in der halle à Marée, (Fischversteigerungshalle) des Hafens. Für Liebhaber von Muscheln, Hummern und sonstigen Meeresfrüchten ein Paradies. Ich konnte es kürzlich miterleben.
Durch Ebbe und Flut ist die normannische Auster jodhaltiger
Schon seit 19 Jahren profitiert auch Fischer Thomas Lenoir von den Gezeiten: Er züchtet in der Nähe der Chausey-Inseln mit seinem Team Austern, Mies-, Venus- und Herzmuscheln. Aufgrund von Ebbe und Flut ist die Auster, die normannische Art „Magallana gigas“, hier viel jodhaltiger. Eine harte Arbeit erzählt mir der urige Austernzüchter mit dem Dreitagebart: „Eher ein Männerjob“. Zunächst werden die kleinen Austern, die Naissains, erstmal auf dem offenen Meer im Rhythmus der Gezeiten gezüchtet. So fließen täglich eine Milliarde Liter Wasser durch ihre Kiemen, wodurch sie sich von Plankton gut ernähren können. Nach 18 Monaten werden sie dann weiter nach oben auf das Vorland geholt. „Bei jeder Flut öffnen und schließen sie sich“, so Thomas, so bekommen sie ein festes Fleisch und haben „daher einen jodhaltigeren Geschmack als andere Austernsorten“. Ein Problem sei aber „die Verschmutzung des Wassers durch zu viel Regen“, erklärt mir der 38jährige Fischer. Dennoch bringe er pro Jahr so an die 300 Tonnen Austern in den Hafen von Granville.

Hauptumschlagsplatz für Jakobsmuscheln
Doch der eigentliche Star der Muscheln in der Hafenstadt auf der markanten Klippe (dem „Monaco des Nordens), sind eindeutig die Coquilles Saint-Jacques – die Jakobsmuscheln mit der nusseigenen Note. Das größte Fanggebiet Frankreichs ist mit jährlich 3200 Tonnen verkauften Muscheln die Bucht von Granville-Chausey. Die Vorteile der Normandie sieht Joss Serazin von der Fischereivereinigung „Normandie Fraicheur Mer“ in den kühlen Wassertemperaturen, dem hohen Plankton-Vorkommen und dem besonderen Meeresboden. „Nur im Sommer darf nicht gefischt werden, damit die Bestände erhalten bleiben“, erläutert Joss und zeigt mir stolz die Muschel. Auf dem Festival „Toute la mer sur un plateau“ („Das ganze Meer auf einem Teller“) können Gäste die Pilger-Muscheln frisch an der Theke erwerben und um die Ecke auch schon direkt öffnen lassen: IMG_8318 Ganz begeistert beim Verkauf ist Aline Delallée. Freudig erzählt mir die Zahntechnikerin von ihrer Liebe zum Meer: Seit zwei Jahren arbeitet die Normannin bei der „Station des plages de la Vanlée“. „Das ist wie Seenotrettung“, erklärt sie. Die Mutter zweier Kinder rettet Seemänner, Fischer, Boote in den Buchten der Region.
Die Bulot de la Baie de Granville – eine lokale Spezialität
Neben den Coquilles Saint-Jacques hat Granville noch eine ganz andere Delikatesse zu bieten: Unbedingt probieren müsst ihr das wahre Wahrzeichen des Hafens von Granville – die Bulot de la Baie de Granville. Die Wellhornschnecke. Seit den 1960er Jahren ist die Bulot in der Bucht des Mont-Saint-Michel ansässig. Es ist das wichtigste Fanggebiet in Europa.
Also einfach testen: Mit einer dünnen Gabel zum Rausziehen, etwas hausgemachter Mayo, einem Stück Baguette und einem kühlen Aperitif, Weißwein etwa –einfach trés bien! 
Infos zum Festival „Toute la mer sur un plateau“:
- 2026 findet das Festival der Muscheln und Krebstiere vom 3. bis 4. Oktober, 10 bis 18 Uhr, wieder in der halle à Marée (Fischversteigerungshalle) am Quai Nord du Port de peche im Fischereihafen von Granville statt. Es markiert übrigens seit dem Jahre 2003 den Beginn der Jakobsmuschel-Saison. Ein echter Geheimtipp, nicht nur für Muschel-Fans!
- Fischer, Fischerei-Experten und Umweltschützer erklären viel über die Meeresfrüchte, die besondere Bucht am Ärmelkanal, das harte Leben als normannischer Fischer, Fangtechniken der Muscheln und Hummer.
- Köche ansässiger Restaurants und Hotels zeigen tolle Rezepte für Jakobsmuscheln und Austern. An der Austernbar könnt ihr seit letztem Jahr sogar die leckeren glitschig-salzigen Delikatessen selbst probieren.
- Und wer will, kann einen Sack voller Jakobsmuscheln oder Austern direkt mit nach Hause nehmen fürs frische Zubereiten in der heimische Küche. Rezepte dazu geben lokale Köche wie Aurélien Leclerc sehr gern mit dazu! 2025 wurden bei dem Festival 22 Tonnen Muscheln und Krustentiere verkauft.

Übernachten in Granville
Richtig nett war das Spa-Hotel an der Küste in Donville-les-Bains, bekannt für seine Thalasso- und Spa-Behandlungen direkt am Wasser. Am Strand direkt unterhalb des Hotels könnt ihr selbst bei stürmischem Wetter in aller Ruhe spazieren gehen und Meereskraft tanken. Also ein Tipp: das Prévithal Hotel Bay Thalasso Et Spa Marin Granville.
Chefkoch Aurélien Leclerc kreiert zudem im Hotelrestaurant „Le Sound“ seine eigenen Jakobsmuschel-Gerichte – superlecker! Als Vorspeise gibt es natürlich frische Muscheln, Austern und Scampis!
Hinkommen
Es ist zwar eine längere Zugfahrt bis nach Granville von Rheinland aus, aber es klappt: von Düsseldorf über Köln nach Paris mit dem Thalys, dann weiter in die Normandie nach Caen, oder über Belgien nach Caen. Von Caen nach Granville per Bahn oder Bus.Bei der Pressereise an die normannische Küste nach Granville unterstützte mich netterweise die
Destination Granville Terre & Mer, Terre D’Auge Tourisme und Normandie Tourisme – und natürlich l’Agentour.
Wer mehr bei uns zur Normandie lesen möchte, schaut gern rein in die Story zu Austernpilzen im normannischen Steinbruch oder zur Bretagne: zum Fois Gras-Spitzenkoch oder den Austernfischern.


