Ausflug, natürlich, Reisen
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So viel Mohn war nie….?!

So langsam verblühen sie, die knallroten Mohnblüten, die diesen Sommer – gefühlt(?) – so allgegenwärtig waren wie sonst noch nie….? War es bei Euch im Süden auch so krass wie hier im Norden? Und was hat das alles mit Reise zu tun? Fünf Reisetipps und mehr…

Knallrot leuchtend, hauchdünn im Wind, fein zerknittert, bevor sich die Knospe entfaltet – Klatschmohn ist die auffälligste Begleitpflanze von Kornfeldern, neben blauen Kornblumenund mehr, die wir als Kinder zu Blumensträußen gesammelt haben. Sie sind wieder da! Dieses Jahr so üppig wie lange nicht, hatte ich den Eindruck. Sind es tatsächlich nur die Blühstreifen, die dank der EU inzwischen viele Felder säumen? Dazu stillgelegte Felder, als Brachland gefördert?

Das alles ja, vermeldet hier der MDR – aber obendrein hatte 2020 ein trockenes Vorgängerjahr, so dass gerade weniger Mais angebaut wird, die lassen keinen Mohn zu, und einen warmen Winter plus kalten März, so dass viele Konkurrenzpflanzen ausgebremst wurden. Tataaaa! Viel freie Fläche und gute Startpositionen für den Klatschmohn! Immerhin wird jede Blüte zu einer übervollen Samenkapsel, so dass eine einzige Pflanze bis zu 10.000 Samen produzieren kann. Und die können auch noch bis zu 30 Jahre im Boden überstehen…

Klatschmohnreise #1:
Raus aufs platte Land, Niedersachsen und Meck-Pomm kann ich empfehlen, am besten per Fahrrad – vom Sattel aus kommt seht Ihr die Blüten und kommt auch weiter rum. Und wer (vielleicht nächstes Jahr) weiter weg will: Klatschmohn und gar ganze Felder gibt’s eigentlich in der ganzen Europa. Von Frankreich bis Ungarn, von Schweden bis Malta.

Die Weltreisende

Klatschmohn, Blutblume, Klatschrose, Mohnblume, Feldmohn, Feuerblume,Kornrose, etc.pp. Viele Namen hat „Papaver rhoeas“, und viele Standorte, denn die Pflanze ist sehr robust und gedeiht besonders an kahlen Standorten. Bricht jemand die Erde auf, an Baustellen, frischen Hängen, kahlen Feldern. Und natürlich an Getreidefeldern, denn mit denen ist sie vor Jahrtausenden nach Norden gewandert, aus Nordafrika – wo es noch immer wilde Klatschmohnfelder gibt, etwa in Marokko oder Algerien – und aus Eurasien, also dem fruchtbaren Zweistromland. Irak, Iran etc. (aber nicht zu verwechseln mit dem Schlafmohn mit meist weißen bis lila Blüten).

In der persischen Tradition ist der rote Klatschmohn die Blume der ewiglich Liebenden. Oder derer, die für die Liebe gestorben sind. Und auch in China, wohin er auch mit dem Getreideanbau gewandert ist, ist er Symbol für Liebe und Loyalität bis zum Tod. Eigentlich gedeiht er auf unserem Doppelkontinent überall unterhalb von 1000 Höhenmetern. Richtung Nord- und Südamerika, Südafrika und sogar Australien (vor allem bei Perth) hat er den Weg aber wohl nur über Getreidetransporte geschafft. Ein paar Samenkörner an Bord der Mayflower….

Klatschmohnreise #2:
Suchmaschint doch einfach mal „poppy fields travel“ und dann das Wunschland. Über Bildsuche oder Bloggerberichte kommt Ihr da recht weit. Und ab damit auf die Reiseliste!

Innere Kräfte

Was man mit dem Mohn machen kann, neben dem optischen Genuss? Verputzen. Die Samen sind essbar und lassen sich genauso verarbeiten wie der extra gezüchtete Kulturmohn – also zu Kuchen, Süßspeisen, im Müsli, auf dem Brötchen…. Reif sind die Samen, wenn sie in den Mohnkapseln klappern. Mit diesen Kapseln haben wir als Kinder immer Rasseln gespielt. Und die roten Blätter zu Farbe verrieben, die wirklich schön rot färbt!!!Angeblich kann man die jungen Blätter und Knospen auch im Salat oder gekocht verspeisen, bevor sie zu viele ungenießbare Alkaloide ansammeln – sie schmecken dann wohl wie Gurke und Haselnuss… Und schließlich hat man sie in der Naturheilkunde eingesetzt, als Tee, Tinktur oder Kindersirup, gegen Unruhe und Schlafstörungen (Rezepte und mehr siehe hier)

Klatschmohnreise #3:
Die geht an den heimischen Herd – einen Mohnkuchen backen. Oder slawische Mohn-Kolatschen (hier ein Rezept). Noch besser wär’s natürlich, sie gleich in Tschechien, Polen, Österreich, auf dem Balkan oder in Russland selbst zu verspeisen!

Ab in den Riesenmohn

Auch noch inlands: Wer sich mal wie eine Biene im Blütenfeld fühlen will, im Europa-Park Rust ganz im Südwesten der Republik kann man auf einem Fallturm ganz tief in ein Feld(chen) überdimensionaler Mohnblüten eintauchen. Schon ab Vierjährige dürfen mit, der Mohn gehört nämlich zum „Land der Minimoys“, wo alles so riesig ist, als wäre man selbst ein Insekt…

Klatschmohnreise #4:
Ab in den Fun-Park! Dies soll übrigens keine explizite Werbung für den Europa-Park sein, viele andere von Deutschlands Vergnügungsparks haben auch tolle Fahrgeschäfte!

Trauriges Zeichen

Ganz und gar unlustig, aber umso wertvoller ist die Bedeutung, die der Klatschmohn in Großbritannien, aber auch Kanada, den USA, Australien, Neuseeland und anderen hat. Dort gilt der Klatschmohn – the poppy – als Zeichen der Erinnerung an die Gefallenen im Krieg – angefangen im Ersten Weltkrieg durch das Gedicht „In Flanders Field“, in dem der kanadische Soldat und Poet John McCrae schon 1915 festhielt, wie schnell auf den Gräbern der frisch beerdigten Soldaten roter Mohn aufblühte. Kein Wunder, lagen die Samen doch schon in der Erde und konnten sich auf frisch aufgewühlter Erde der Schlachtfelder bestens entfalten…

In Flanders fields the poppies grow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.

                                        (Hier eine Übersetzung ins Deutsche)

Seither stehen die roten Blüten in der angelsächsischen Welt auch für Gefallene, gut erkennbar an den stilisierten Ansteckblumen, die etwa am „Remembrance Day“ getragen werden. Wer erinnert sich noch an den November 2014, als der Burggraben des Tower of London mit 888246 knallroten Keramikblüten gefüllt war, auf die Stunde genau 100 Jahren nach Beginn des ersten Weltkriegs. Jede Mohnblüte stand für einen Gefallenen des ersten Weltkriegs aus Großbritannien oder anderen Ländern des Commonwealth (Nicht nur die BBC beschrieb es eindrucksvoll).

Klatschmohnreise # 5:
Nach Großbritannien um den 11. November, dem Remembrance Day. Denn an die Schrecken des Krieges zu erinnern – beziehungsweise den heutigen (hiesigen) Frieden zu feiern –, das kann nie genug unterstützt werden. In Ypern im belgischen Flandern informiert das Flanders Field Museum und nachgebaute Schützengräben über den Krieg, das Grauen der Soldaten und weshalb sich so etwas nie wiederholen sollte. Im Namen der Mohnblumen.

 

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"Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon" - so wahr! Also fuhr ich als Kind in Büchern um die Welt, bis nach Taka-Tuka-Land. Heute bin ich "in echt" unterwegs und schreibe manches Buch selber ;) Per Bahn, Pedale, Paddel und per pedes reise ich am liebsten, als Wissenschaftsjournalistin, Reiseautorin und Fotografin immer mit offenem Blick. Und einem Faible für Sprachen. In Bolivien und der Arktis, Australien, China oder Island. Slowenien, Polen. Finnland. Ach... Reisen!

9 Kommentare

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    Uns ging es dieses genau so, wie dir! Wir kommen quasi aus Mitteldeutschland (Hessen und Rheinland-Pfalz) und hatten auch den Eindruck, dass es so viele Mohnenfelder dieses Jahr gab, wie schon lange nicht mehr! Aber umso schöner fürs Auge 😍

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    Ehrlich gesagt: ich glaube eher, dass wir alle in diesem Jahr viel aufmerksamer für unsere nächste Umgebung sind. Und auch mehr mittendrin – statt nur daran vorbei? Liebe Grüße zu den Reisefedern

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      Hallo, Grüße zurück! Das mit der Aufmerksamkeit kommt bestimmt hinzu. Und vielleicht, dass mehr Leute radeln und so mehr die Natur wahrnehmen? Mir fiel es aber zuerst hier zu Hause auf, wo ich immer per Rad unterwegs bin – und dann hat’s der WDR noch untermauert… Mittendrin ist immer gut! 🙂

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    Liebe Dörte, suche ich »poppy fields travel niedersachen« spuckt die Suchmaschine Deinen Artikel als erstes aus. Also eine Frage an die Fachfrau: Hast Du einen heiße Tipp im nördlichen Niedersachsen? Liebe Grüße (toller Artikel!!!), Stefanie

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