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Nah am Wasser gebaut: Paddeln in Berlin

Berlin ist viel mehr als Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, Kudamm. Berlin ist auch Spree und Havel, jede Menge Seen und ganz viel Grün. Perfekt für einen Familien-Paddel-Kurzurlaub auf dem Wasser.

Man hätte es ahnen können. Dass, wenn drei Tage Stadt und Kultur auf dem Programm stehen, das bei Jugendlichen nicht unbedingt Begeisterungsstürme auslöst. Selbst wenn es um Berlin geht. Doch dann kam das Wasser ins Spiel: Paddeln in Berlin? Wohnen direkt an der Spree? Und dazu Digital-Kunst über die sumpfigen Ursprünge Berlins im Techno-Tempel? Gebont. Der Nachwuchs war überzeugt und alle gespannt: Wie würde es sein, als Familie in Berlin zu paddeln? Also mal in der Großstadt auf dem Wasser unterwegs zu sein, wo sonst eher die skandinavische Einsamkeit unsere Kulisse ist?

Jede Menge Seen

Paddeln in Berlin also. Erstmal einen Blick auf die Karte werfen: Stadtteil reiht sich an Stadtteil, Charlottenburg, Moabit, Mitte, Friedrichshain. Mittendrin die Spree. Aber da, am Rand, da ist ja tatsächlich jede Menge Wasser! Im Westen und Nordwesten Berlins leuchten blau Havel, Großer Wannsee, Tegeler See, Schlachtensee, Krumme Lanke, Grundewaldsee… Und genau entgegengesetzt, im Osten und Südosten, liegen Müggelsee, Dahme, Seddinsee. Wir wählen den uns unbekannten Osten als Paddelrevier.

Auf nach Rübezahl

Morgens mitten im Großstadtgetümmel in Paddelklamotten (schnell trocknend, winddicht, ein warmes Fleece zum Überziehen) in der S-Bahn zu sitzen ist schon etwas komisch. Aber es ist ja Berlin, da kann man aussehen, wie man will. Mit der S 3 fahren wir bis Köpenick, von da weiter mit dem Bus bis zur Haltestelle Rübezahl. Die Stadtbebauung weicht dabei Einfamilienhäusern, dann sind wir im für diese Gegend typischen Kiefernwald. Hinter uns im Bus erklärt eine Oma ihrer ziemlich desinteressierten Enkelin mit offenbar gleichem Ziel, wer Rübezahl war: ein Berggeist aus dem Riesengebirge, um den sich ziemlich viele Mythen ranken. Warum das Areal am Müggelsee so heißt, erfahren wir leider nicht mehr, weil wir aussteigen müssen.

Paddel-Start mit Rückenwind

Aber ist das hier überhaupt noch Paddeln in Berlin? So grün, so weitläufig ist die Landschaft, seit wir Köpenick hinter uns gelassen haben, es könnte gut auch schon Brandenburg sein. Aber es ist tatsächlich noch Berlin hier, und das Stadtgebiet erstreckt sich sogar noch ein gutes Stück weiter gen Osten. Überraschung 1: Land-Idylle in der Großstadt, das hätten wir nicht erwartet.

Bootsverleih Spreepoint bei Rübezahl am Müggelsee

Noch einen kurzen Stichweg von der Straße zum See, dann sind wir da. Rübezahl ist ein Freizeitgelände mit Indoor-Eisbahn und einem großen Biergarten, der gerade seine Fritteuse hochfährt. Beim Bootsverleih Spreepoint bekommen wir die gebuchten 2er-Kajaks, Paddel, Schwimmwesten (immer besser, vor allem auf einem See. Und bei Wind sowieso). Dazu noch eine Karte und eine wasserdichte kleine Tonne.

Über den Müggelsee

Wind von hinten auf dem Müggelsee – noch…

Das weiße Plastiktönnchen mit dem roten Deckel wird sich noch als besonders wertvoll erweisen. Mit einem fröhlichen (oder höre ich da etwa Ironie?) „Schön, dass es auch Leute gibt, die sich bei Wind auf den See trauen. Die Rückfahrt wird sportlich, das gibt Muskelkater“ zum Abschied geht es los. Allerdings nicht, ohne vorher lieber noch die Notfall-Telefonnummer fotografiert zu haben. Sollten wir kentern, wird jemand von Spreepoint uns abholen. Das beruhigt doch ein wenig. Denn der Wind bläst wirklich ziemlich munter. Jetzt schiebt er uns von hinten allerdings an und gen Osten. Neu Venedig ist unser Ziel. Eine Siedlung, die eigentlich nur deshalb entstand, weil man hier vor rund hundert Jahren Entwässerungsgräben in die sumpfigen Spreewiesen zog.

Paddeln in Berlin: Venedig am Rande der Großstadt

Am Ufer des Müggelsees schließt sich direkt der Wald an, auf einem Radweg kommt ab und zu jemand auf dem Fahrrad vorbei. An einer kleinen Bucht badet ein Vater mit seinem Sohn. Vor dem Ufer liegt an den meisten Stellen ein Schilfgürtel, in dem sich oft schwarze Bläßhühner tummeln. Wir kommen auch an zwei Anlegestellen von großen Ausflugsschiffen vorbei. Am Ende des Sees biegen wir rechts in die Müggelspree ein, rechterhand folgt kurz darauf der kleine Müggelsee. Eine Familie auf SUPs kommt vorbei, Mutter und Vater haben je ein Kind mit Schwimmweste auf ihrem Board.

Mehr hübsche Häuschen säumen nun das Ufer der Müggelspree, die wir weiter entlangpaddeln – zusammen mit einem großen Ausflugsboot, Yachten, Motorbooten mit barbrüstigen Freizeitkapitänen und Party-Flößen, von denen Musik wummert. Dann sind wir da: Mittig zwischen Müggelsee und Dämeritzsee biegt linkerhand ein Kanal nach Neu Venedig ab, einer Kolonie mit vorwiegend Datschen, also Freizeithäuschen, das von kleinen Entwässerungskanälen durchzogen ist. Es gibt aber auch einige stattliche Villen. Insgesamt liegen hier 450 kleine und große Grundstücke am Wasser, fast alle haben am Ende ihres Gartens ein Motorboot im Wasser.

Fischreiher, Schwäne und Seerosen

Mittendrin in Neu Venedig

Neu Venedig besteht ja eigentlich nur aus fünf Kanälen und insgesamt 13 Brücken. Aber das Gebiet ist weitläufig. Und außer uns Paddlern und kleinen Motorbotten können keine Fahrzeuge auf den kleinen Kanälen fahren, deswegen ist es hier angenehm ruhig.

Eine der 13 Brücken in Neu Venedig

Mal sitzen Enten am Ufer, mal begleiten uns Schwäne samt noch grauem Nachwuchs. Immer wieder warten Fischreiher unbeweglich auf Fische an den oft mit Holzpflöcken oder Beton befestigten Ufern der Kanäle. Sie wirken wie Standbilder. Wir passieren die Rotkehlchenbrücke, die Bachstelzenbrücke. See- und Teichrosen schwimmen auf dem Wasser, blühen weiß und gelb. Nach unten verlieren sich ihre Stiele in eine verwunschene Unterwasserwelt.

Schönes und Skurriles

Und es gibt so viel zu schauen hier! Bloß nicht zu schnell fahren… darf man auch gar nicht, darauf weist freundlich-resolut ein Schild hin. Maxmal fünf Stundenkilometer sind erlaubt, Schrittgeschwindigkeit. Manche Gärten, die an die Kanäle grenzen, sind echte Kleinode. Manche Häuschen in zartrosa oder hellgelb scheinen aus einem Pippi-Langstrumpf-Buch entsprungen. In einer Sitzgruppe am Ufer entkorken Nachbarn gerade eine Flasche Rotkäppchen Sekt zusammen und winken uns zu. Wir winken zurück. Doch auch erstaunliche Scheußlichkeiten sind zu besichtigen, ein Leuchtturm-Ensemble mit Figuren etwa oder ein kleiner Manneken Pis auf einer Holzbalustrade zum Wasser. Natürlich diverse Strandkörbe. Hinter einemHolzzaun hält ein Drache ein Ei. Und auf einer Kinderschaukel hängt kopfüber ein großes aufgeblasenes Krokodil.

Pausenplatz gesucht

Dass überall Privatgrundstücke direkt an die Kanäle grenzen (und manche das auch unmissverständlich duch Schilder verdeutlichen), erschwert es uns, einen Pausenplatz zu finden. Ganz am Ende von Neu Venedig, schon wieder an der breiteren

Pause!

Müggelspree, finden wir endlich ein nicht privates Gelände. Hier ziehen wir die Kajaks auf den Rasen  und machen auf Bänken ein Picknick. Derweil ziehen wieder Flöße mit Techno-Beats, Yachten und Motorboote, aber auch andere Paddler und zwei SUP-Fahrerinnen an uns vorbei. Schließlich falten wir uns wieder ins Kajak, wohl wissend, dass der anstrengendste Teil der Tour noch vor uns liegt.

Paddeln gegen den Wind

Lautlos dahingleiten

Denn der Wind hat nicht nachgelassen, im Gegenteil. Doch hier im geschützten Bereich spüren wir ihn noch nicht so sehr. Deswegen diskutieren wir auch kurz noch das Strandbad am anderen Ufer des Müggelsees. Badesachen sind an Bord. Aber sobald wir die Müggelspree verlassen und auf den Müggelsee einbiegen, schlägt uns nicht nur der noch weiter aufgefrischte Wind entgegen, auch richtige Wellen lassen die Kanus richtig hüpfen. Deshalb entscheiden wir uns gegen das Strandbad und fahren lieber auf mehr oder weniger direktem Weg zurück, sprich möglichst ufernah. Erkenntnis 2: Wer hätte das gedacht, paddeln in Berlin kann also auch richtig anstrengend sein!

Zurück über den See in Etappen

Die Strecke auf dem See teilen wir in mehrere Etappen auf, nach jeder ruhen wir uns an einem Steg oder einem ähnlichen Windschutz aus. Die Wellen sind manchmal so hoch, dass sie von vorn ins Kanu schwappen. Gut, dass die wasserdichte Tonne dabei ist und Fotoapparat und Handys schützt! Wir selbst sind alle vier nach kürzester Zeit pitschnass, Wechselklamotten wären wohl nicht die schlechteste Idee gewesen. Heute früh in Berlins City erschien jedoch die Vorstellung, man könne nass werden und gegen echte Wellen anpaddeln müssen, einfach noch zu absurd…

Angekommen bei Rübezahl, gibt es Kaffee und eine wirklich scheußlich grüne Waldmeisterbrause für alle. Und dann geht es, immer noch leicht tropfend, mit Bus und Bahn zurück in die Stadt. Heiß duschen. Ausruhen. Zufrieden ins Bett fallen.

Sumpf und Wasser als digitale Kunst-Installation

Berl Berl in der Halle am Berghain

„Berl Berl, Berl Berl“ tönt es vorm Eingang der Halle am Berghain in blecherner Endslosschleife. Es ist der nächste Tag, wir stehen leicht muskelverkatert vor Berlins Techno-Tempel, dem Berghain. In der Partylocation zeigt der dänische Künstler Jakob Kudsk Steensen aktuell eine moderne Digital-Installation, die den Wurzeln Berlins in einer Sumpflandschaft audiovisuell nachspürt. Berl ist nämlich der alte slawische Bergriff für den Sumpf, in dem Berlins erste Bewohner einst siedelten; aus dem Wort hat sich dann auch das Wort für die Stadt entwickelt. Audiovisuell geht es zurück in längst verschwundene Sümpfe an genau der Stelle, an der heute die Betonhalle und ganz Berlin steht.

Diese Ökofiktion in höchst urbanem Ambiente – in der alten, überdimensionalen, kargen Beton-Industriehalle – schlägt am Tag nach unserer Paddeltour eine erstaunliche inhaltliche Brücke zum gestrigen Müggelsee und Neu Venedig. Das ja ebenfalls aus dem Sumpf entstand, wenn auch erst vor rund hundert Jahren. Die Installation des Dänen ist beeindruckend. Man kann in der Halle am Berghain auf Sitzsäcken lümmeln, die auf einer glatten Oberfläche liegen. Die spiegelt die Videos wie Wasser. Man kann so die sich ständig wandelnde virtuelle Welt, die gleichsam künstlichen wie organischen Eindrücke von Wasser, Sumpf, Baumwurzeln auf sich wirken lassen. Mittendrin im von plätschernden Geräuschen, Gesängen und Musik begleiteten Bilderrausch.

Die echte Landschaft und die hybride Welt der Kunstplattform LAS, Natur am Stadtrand und urbane Kultur mitten in Berlin – welch passender Abschluss unserer Paddeltour! Berlin als Familien-Paddel-Kurzurlaub hat tatsächlich ziemlich gut funktioniert und auch den erst skeptischen Teens wirklich großen Spaß gemacht – nur zwei Zugstunden von zuhause entfernt.

 

Infos zu, Unterkünfte in und Tickets für Berlin gibt es bei Visit Berlin.

Die Berlin Welcome Card, Berlins offizielles Touristenticket, bekommt ihr in den Tourist Infos. Sie ermöglicht euch freie Fahrt mit U-Bahn, S-Bahn und Bus, ermäßigte Tickets bei Schiff- und Stadtrundfahrten und für viele Museen, Attraktionen, Theater und mehr. Sie ist von 48 Stunden bis zu 6 Tagen gültig und kostet zwischen 23 und 52 Euro.

Wohin zum Baden? Die Berlin Bade-Karte zeigt das riesige Angebot. Jetzt habt ihr die Qual der Wahl.

Kanus am Müggelsee im Freizeitgebiet Rübezahl verleiht Spreepoint.

Einen Eindruck von der Digital-Installation Berl Berl in der Halle am Berghain und Tickets dafür gibt es hier. Die Installation könnt ihr euch noch bis zum 26. September anschauen.

Unsere Reise nach Berlin hat Visit Berlin mit Rat und Tat und mit Übernahme der Übernachtungen, der Kanus für einen Paddeltag auf dem Müggelsee und vier Berlin Welcome Cards unterstützt.

Mehr Berlin Tipps aus dem Reisefeder-Team gibts hier und hier. Paddeln in Schweden? Hier.

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