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Asturien: Mit Miguel in den Apfelplantagen Nordspaniens

„Sehr bald schon werden sie anfangen richtig gut zu wachsen“, sagt Miguel und schaut prüfend an seinen Apfelbäumen hoch. Wir laufen langsam die Pomada „Monga“ entlang und sein voller Stolz ist Miguel Rodriguez ins Gesicht geschrieben. Knall grün strahlt der hochgewachsene Rasen zu Füßen der Bäume, sie selbst stehen in voller zart weiß-pinker Blüte auf der Plantage. Es duftet süßlich – nach Apfel halt. Ein Roter Milan umkreist den Apfelhain in Nava, ganz in der Nähe der Gebirgskette Sierra de Penamayor. Es sind die Apfelplantagen seiner Großmutter, die erst kürzlich verstorben ist. „Ich bin die dritte Generation. Meine Familie hat das Unternehmen Viuda de Angelón damals im Jahre 1947 gegründet“, erzählt mir der junge Apfelweinbauer mit den starken Oberarmen. Wir sind in Nava, im Land des Sidra, dem nordspanischen Apfelwein. Im grünen Herzen von Asturien.

Ernte beginnt mittlerweile erst im Oktober

Hier ist das Klima besonders günstig für die Äpfel des Weins: Die Sommer sind nicht ganz so heiß wie im trockenen Süden der iberischen Halbinsel, die Winter mild bis richtig kalt. Vor dem Kantabrischen Gebirge herrscht ein wechselfreudiges Atlantikklima. So startet die Ernte zwar mittlerweile erst im Oktober, nicht mehr im September wie früher. Miguel und seine Familie produzieren an die 1,5 Millionen Liter Apfelwein pro Jahr. „Mal haben wir ein Jahr mit richtig guter Ernte, dann im nächsten hängen meist weniger Äpfel an den Bäumen“, erklärt mir der 30-Jährige. Die Temperaturen dürfen im Sommer nicht noch mehr ansteigen (Klimawandel lässt grüßen …), so Miguel. Sonst bekämen die Äpfel einen höheren Zuckergehalt, „was ein Problem werden könnte für unsere Produktion“. Insgesamt werden rund 40 Millionen Liter in Spanien hergestellt, sage und schreibe 80 Prozent davon kommen aus Asturien. Fast 500 Sorten wachsen hier, aber nur 76 werden für den süßen bis herben Apfelwein mit dem geringen Alkoholgehalt von sechs Prozent verwendet.

Apfelernte beginnt mit Bäume schütteln

Geerntet wird mit bloßen Händen, keine Maschinen. Ziemlich anstrengend, zehn-zwölf Stunden am Tag. „Zunächst schütteln wir die Bäume, dann sammeln wir die Äpfel vom Boden ein und fahren sie mit dem Traktor in die Lagerräume“, erläutert Miguel und fügt stolz hinzu: „Unser Sidra ist rein Bio.“ Kein Zucker, kein extra Saft werde hinzugefügt. Nach der „mayanza“, dem Zerkleinern der Früchte, folgt die Pressung, dann füllen Miguels‘ Mitarbeiter den natürlichen Apfelwein direkt in zwei Mann hohe Kastanienfässer ab.

In riesigen Fässern findet Sidra seine Ruhe

Jedes Fass mit seinen 25 000 Liter wird später anders schmecken. Die Fermentation geschieht bei kühlen zwölf Grad für zwei bis drei Monate. Die Zeit der Reifung, „Unser Sidra braucht viel Ruhe und ein entspanntes Abwarten.“ Miguels‘ Kelterei ist eine von rund 100 in Nava, im Landesinneren der kleinen Region. „Wenn du etwas von deinem Land haben willst, dann baust du Äpfel an, sagen wir hier“. So hat sich auch der ehemalige Informatiker für die Tradition seiner Familie am Ende entschieden – und ist glücklich damit.

Sidra – eine 2000 Jahre alte Tradition

„Mit Sidra verbinden wir Einheimische eine große Tradition“, erzählt mir der Apfelweinproduzent. Volksfeste, Verkostungen, Bauernmärkte, Wettbewerbe im Ausschenken – alles rankt sich um den Apfelwein, der im Jahr 2024 sogar zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde. Überall in der Region bewirten Sidrerías ihre Gäste mit traditioneller deftiger Küche, besonders beliebt sind Gerichte wie der Bohneneintopf Fabada, würzige Chorizo-Wurst, aber auch schmackhafte Tapas wie Kroketten aus Tintenfischcreme oder dampfende Paella mit Gambas und Jakobsmuscheln lieben die Besucher.

Culino gießt den Sidra aus Schulterhöhe ein

Doch das, was den Sidra eigentlich erst recht besonders macht, ist die Art wie Gäste ihn gemeinsam trinken, feiern und ehren seit dem 19. Jahrhundert: In jeder Sidrería gibt vor allem erst der „Escanciado“ – der Vorgang des Einschenkens – dem Treffen einen Sinn. Ich lerne ihn in Gijón, der netten, kleinen Hafenstadt, kennen. In der urigen Sidrería La Galana an der Plaza Mayor. Der „Culino“ gießt den Apfelwein aus einer Flasche aus Schulterhöhe mit ausgestrecktem Arm und ohne zu Zögern in ein hohes Glas. Der feste, strenge Blick ist wichtig! Kohlensäure wird aktiviert. Der Strahl bricht aufbrausend an der Glaswand, der Wein erwacht. Frisch, prickelnd, herb – echt lecker! Im Glas ist nur eine winzige Menge, so gehört sich der „culin“. Alle am Tisch warten bis die Gläser gefüllt sind – dann wird schnell getrunken. „Salud!“ „So werden schnell mehrere Flaschen geleert, wenn wir feiern gehen“, erklärt mir Miguel grinsend, der „Culino“ gieße schnell immer wieder nach… Hier der „Culino“ aus dem La Galana: IMG_6085

Tipps rund um den Sidra in Asturien:

  • Besichtigungen in Keltereien mit Sidra-Produktion (inklusive Plantagen-Besuch)
  • ein kleines, aber feines Cidre-Museum in Nava (unbedingt eine Führung mitmachen! Die Geschichte des Weins ist spannend.)
  • Aktivitätenprogramm rund um den Sidra von Kellereien, Restaurants und Unterkünften, immer im Frühjahr und Herbst
  • Feste wie das „Festival de la Sidra“ der Kelterei-Besitzer in Nava immer am zweiten Juli-Wochenende, dieses Jahr: 10.-12. Juli 2026, Eintritt: nur fünf Euro!
  • der Cidre-Boulevard in der asturischen Hauptstadt Oviedo, besonderer Tipp: die Sidrería Tierra Astur, ein Paradies für Sidra-Fans und Fleischliebhaber. Und Anfang Mai für Käsefans (wie mich): ein geniales Tasting von über 100 Käsesorten, nur aus der Region Asturien! Himmlisch! Und geschmacklich toll mit prickelndem, eiskalten Sidra.

 

Bei der Pressereise in die Region Asturien unterstützte mich netterweise das Spanische Fremdenverkehrsamt zusammen mit der Region. Wer noch mehr zu Asturien und Spanien bei uns lesen möchte, schaut hier rein: Asturien und die Berge, Valencia und Radeln durch Olivenhaine, das Baskenland und seine Mütze.

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