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72 Hour Cabin: Im Glashaus schlafen

 

72 Hour Cabin am See

Waldbaden ist Trend. Schweden hat die Idee, tief in die Natur einzutauchen, mit dem 72 Hour Cabin-Projekt weiterentwickelt: Man kann hier drei Nächte in einer gläsernen Hütte in der Natur schlafen.

Fünf Quadratmeter, mittig ein breites Bett, gläserne Wände und durchsichtiges Dach: Die 72 Hour Cabin ist minimalistisch und funktional. Sie steht im schwedischen Dalsland am Ufer des Sees Ånimmen auf der Insel Henriksholm. Und wird für die kommenden drei Nächte mein Zuhause sein. Es ist Anfang September, draußen rüttelt der Wind kräftig an den schweren Holztüren, nur zwei Meter neben mir brandet der See ans Ufer.

Gerade noch hat mir der Lichtkegel der Taschenlampe den Weg durch den nachtdunklen Wald gewiesen. An der Hütte angekommen, öffne ich die schwere Holztür, klettere hinein und zünde einige Teelichter an. Das Mini-Glashaus ist nun freundlich im Schein kleiner Flammen erleuchtet. Noch die Holztür von innen mit einem dicken Tau verschließen und anschließend langsam ein Teelicht nach dem nächsten auspusten – schon umgibt mich totale Finsternis. Nach und nach schälen sich der See und einige Lichter am anderen Ufer aus der Dunkelheit.

Allein in der Natur

Die Glashütte im Dunkeln

Der Wind frischt auf, lässt die Wellen des Sees immer lauter ans Ufer schwappen, fegt kräftig durch die Kiefern und Birken. Ich kuschele mich unter die Bettdecke und lasse die Bilder des Tages Revue passieren. Nach einer Paddeltour um den See habe ich in der kleinen Holzsauna am See gesessen. Abends gab es bei Staffan und Maria Berger, den Besitzern der Glashütten, im Wintergarten ihres Gutshauses Elchgulasch mit Preiselbeeren.

Und nun liege ich hier, mitten in der Natur. Und lausche ins Dunkel. Ein Baum in der Nähe verliert Zapfen. Oder knackt das Unterholz jetzt von den Schritten eines Tiers, einem Hirsch vielleicht? Vorhin habe ich ein Rudel im Wald gesehen. Es pustet jetzt sogar durch die feinen Spalten in der Holztür und am Kopfende in meine Hütte, ich ziehe die Decke über die Ohren. Lautstark brandet der See ans Land, gerät manchmal aus dem Takt, gluckst und seufzt. Ich schaue aufs Wasser und zwischen Birkenzweigen hinauf in die Sterne, bis die Augen zufallen. Das Geräusch des Wassers begleitet mich in Träume, die wild und verworren sind.

Sonne und Wolken

Morgens weckt mich ein Sonnenaufgang wie aus dem Bilderbuch. Der Wind hat sich gelegt, still liegt der See im pastellrosa Morgenlicht. Mitten ins leuchtende Schauspiel schiebt sich eine dunkelgraue Regenwand, schon pladdert Regen gegen an die Scheiben. Seit dem Frühling 2017 gibt es das 72 Hour Cabin-Projekt in Schweden. Bislang stehen acht solcher durchsichtiger Hütten in Dalsland, fünf davon auf Henriksholm. Entwickelt hat sie die angehende Architektin Jeanna Berger mit ihrer Firma Jean Arch, sie ist die Tochter von Maria und Staffan.

Ein echtes Familienprojekt: Realisiert hat Jeanna die Hütten mit Hilfe weiterer Familienmitglieder. „Wir Menschen sind einfach nicht für Städte gemacht, wir sollten in der Natur sein“, findet die junge Architektin. Sämtliche 72 Hour Cabins stehen auf Pfeilern, die in der Länge individuell an den Untergrund angepasst sind. Als Vorbild haben ihr die landwirtschaftlichen Scheunen gedient, in denen sie als Kind gespielt hat – mit großen, zweiflügeligen Türen und Pfosten aus Stein gegen Ungeziefer und Feuchtigkeit. „Von Anfang an war mir klar, dass meine Häuser auf Pfeilern stehen würden, so dass die kleinen Gebäude keinen tiefen Abdruck in der Natur hinterlassen“, erklärt Jeanna den nachhaltigen Ansatz.

Gläserne Hütten für Individualisten

Hütte mit eigener Bucht

Die fünf Glashütten stehen hunderte von Metern voneinander entfernt auf Henriksholm verteilt, und obwohl sie alle baugleich sind, wirken sie doch ganz unterschiedlich. Die Umgebung ist es, die ihnen ihren ganz eigenen Charakter gibt. Jede scheint zudem für einen anderen Typ Besucher gemacht: Da ist die Hütte 1, die etwas vom Seeufer entfernt im Wald steht und bei wolkenlosem Himmel einen grandiosen Blick in ferne Galaxien eröffnet – sehr romantisch.

Glashütte mit Aussicht

Hütte 4 steht an einer langgestreckten, einsamen Seebucht, deren Wasser von helltürkis bis dunkelblau in allen denkbaren Farben schimmert und sportliche Bewohner schon morgens einlädt, ein paar Bahnen zu schwimmen. Hütte 5 hingegen thront hoch oben auf dem Berg, gleich neben dem Servicehaus mit Bad und Kamin. Aus diesem Glashaus, Motto „Wildnis light“, schweift der Blick weit über den See und Wald am gegenüberliegenden Ufer bis zum Sörknatten, einem Naturschutzgebiet mit kargem Felsrücken, auf dem einst der Kult-Kinderfilm Ronja Räubertochter gedreht wurde. Damals stand dort noch die Kulisse der Mattisburg, die ist jetzt natürlich nicht mehr da. Aber wer den Film kennt, wird den Berg wiedererkennen.

Pilze sammeln? Angeln? Hängematte?

Entspannung ist Programm auf Henriksholm. Die schwierigste Entscheidung ist noch die, womit man seinen Tag verbringen möchte: durch den oft märchenhaft schönen Inselwald streifen? Fotografieren? Blätter sammeln? Eine weitere Runde paddeln? Steinpilze, Pfifferlinge & Co. sammeln, nachdem Staffan einem die besten Ecken für Pilze verraten, die wichtigsten Speisepilze in Erinnerung gerufen und vorsorglich ein Pilzmesser geliehen hat? Oder sein Glück beim Angeln versuchen? Auch die Vorstellung, den Tag mit einem Buch in der Hängematte zu vertrödeln, ist sehr verlockend.

Als die Glashütten im Frühjahr 2017 fertiggestellt waren, haben Wissenschaftler den Einfluss der Natur auf den Stresspegel von Menschen untersucht. Menschen mit stressigen Berufen aus Großstädten, darunter ein Taxifahrer, eine Polizistin und ein Eventmanager, nahmen an dem Experiment teil. Ihre Blutwerte und der Blutdruck wurden bei der Ankunft, zwischendurch und nach drei Tagen von Ärzten dokumentiert, das Ergebnis: Der Stress war im Durchschnitt um 70 Prozent gesunken. Bis heute, erzählt Staffan, haben Menschen aus 17 Nationen in den Hütten geschlafen. Und ausnahmslos alle hätten die Insel nach drei Tagen ganz entspannt wieder verlassen. Jetzt beginnt der neue Tag auf jeden Fall erstmal mit Frühstück im Gutshaus. Vielleicht kehre ich danach auch einfach in meine Glashütte zurück, lege mich auf den Rücken und schaue den Wolken beim Ziehen zu.

Wald-Magie hautnah

Noch ein paar Infos zu den Glashütten:

Die 72 Hour Cabins werden ab Mai bis in den Herbst hinein vermietet. Die beste Zeit für die Glashütten auf Henriksholm ist in meinen Augen der frühe Sommer, wenn die Tage lang und hell und die nie richtig dunklen Nächte irgendwie ein wenig magisch sind.

Sollten die Hütten auf Henriksholm schon alle ausgebucht sein: Eine weitere Glashütte steht beim Aktivzentrum Dalslands Aktiviteter, zwei im Park des Landhotels Baldersnäs Herrgård. Weitere Hütten sind bei beiden geplant.

Elchbaby Nora ist immer hungrig

Dalslands Aktiviteter lockt außerdem mit Zipline, Hochseilgarten – und Elchen. Elchbaby Nora wurde zum Beispiel im Frühling gefunden und mit der Flasche aufgezogen, ihr Wachsen konnte man auf Facebook mitverfolgen.

 

Maria Berger im Wintergarten des Gutshauses

Preise: Zweimal in der Woche werden die Hütten auf Henriksholm für für drei Übernachtungen vermietet, jeweils von Montag bis Donnerstag und von Donnerstag bis Sonntag. Dusche und Toilette stehen in einem Servicehaus bereit, in dem es auch eine kleine Küche und einen Kamin gibt. Das Paket kostet 6695 SEK (rund 645 €) alleine in der Hütte und 3995 SEK (rund 385 €) pro Person bei Doppelbelegung. Eingeschlossen sind Bettwäsche (auf Wunsch Schlafsack) und Handtuch, Frühstück, Lunchpaket, warmes Abendessen, Sauna, Kanu, Angel, Pilzmesser, Tipps… Buchung:  https://visitsweden.com/72hcabin, https://www.vastsverige.com/de/72hcabin/buchung/

Mehr Infos zum Land und zur Region gibts auf den Seiten von  Westschweden und Visit Sweden.

Die Recherche haben mir das West Sweden Tourist Board und Visit Sweden ermöglicht. Tusen tack!

Lust auf mehr Westschweden? Der Film Ronja Räubertochter wurde nicht nur in Dalsland, sondern auch in diesem schmucken Küstenort in Bohuslän gedreht, in Fjällbacka. Und aprops Küste: Wer an die Westküste Schwedens reist, sollte auf keinen Fall die Wetterinseln verpassen. Magisch, so weit draußen im Meer…

Kategorie: nah dran

von

Seit ich denken kann, zieht es mich in die Natur. Und in den Norden. Das spezielle Licht im Sommer, der Duft der Wälder und die Weite des Fjälls... Als Journalistin und Buchautorin bin ich außerdem gern in Europa und in Niedersachsen unterwegs.

5 Kommentare

  1. Karin sagt

    Hi Anke, das macht richtig viel Lust auf Natur, tolle Idee! Neugierig bin ich noch auf dies: Warum sind es 72 Stunden – mehr (oder weniger) geht nicht, weil? Liebe Grüße von Karin

    • Hallo Karin, gute Frage – kann ich dir nicht sagen, warum es genau auf drei Tage angelegt ist. Aber wer länger bleiben will, kann bestimmt verlängern. Das 72-Stunden-Paket ein zweites Mal buchen, sollte auf jeden Fall gehen…
      Liebe Grüße
      Anke

  2. Liebe Karin, liebe Anke – ich war so begeistert von diesem Beitrag, dass ich gleich bei visitsweden weitergelesen habe. Die 72 Stunden ergaben sich wohl aus einem Versuchprojekt. Dort steht u.a.

    „After 72 hours, the participant’s well-being improved significantly, and they decreased their stress levels by almost 70 percent. There was also a decrease in systolic blood pressure by 9 percent, as well as a drop in heart rate and an increase in creativity.“

    Toller Beitrag, Anke. Du kannst Schweden echt so schön erklären.
    Liebe Grüße

  3. Liebe Stefanie, danke, vor allem für den letzten Satz :-)) Ich bin einfach so gerne dort…
    Liebe Grüße zurück
    Anke

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