Familie, natürlich
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Alpbachtal: Wo Kinder begeistert wandern

Mit einem wanderunlustigen Kind in die Alpen zu fahren, ist ein wenig riskant. Vor allem, wenn eine dreitägige Familientour auf dem Programm steht. Wir haben es im Tiroler Alpbachtal trotzdem gewagt.

„Wandern? Och nö…“ Die Begeisterung der Tochter hielt sich in Grenzen, als sie von unseren Herbstplänen hörte. Wandern war bisher nicht so ihr Ding. Eine Familienrunde im frühen Herbst schien also genau das Richtige, um das Kind vom Gegenteil zu überzeugen…

Tag 1: Start in Alpbach

An einem sonnigen Oktobermorgen geht es los. Startpunkt: Das hübsche Dorf Alpbach im gleichnamigen Tal in Tirol. Aus der Ferne bimmeln Kuhglocken. Ein Brunnen plätschert, kräftig leuchten Geranien an den schmucken Holzhäusern. Noch ein bisschen Verpflegung vom Dorfbäcker geholt, dann sind wir startklar. Drei Tage Familienwandern im Alpbachtal stehen auf dem Programm, eine Mutter-Vater-Tochter-Tour mit zwei Übernachtungen in Almhütte und Gasthof. Schon nach wenigen Minuten haben wir Alpbach hinter uns gelassen und laufen durch satt grüne Bergwiesen, gesprenkelt mit braunen Kühen. Immer steiler steigt der Weg an, bald mühen wir uns Meter für Meter durch dichten Wald aufwärts. Eine hölzerne Aussichtsplattform belohnt mit weitem Blick ins Alpbachtal. Die weiße Dorfkirche, an der wir vorhin losgegangen sind, wirkt von hier oben klein wie Spielzeug.                   

Ziegenbegleitung inklusive

Kurz vor dem Hösljoch bimmelt es wieder. Noch mehr Kühe? Nein, es sind vier braune Ziegen, die sich uns kurzerhand laut meckernd anschließen. Die Tiere springen munter herum, die Tochter schwankt zwischen Entzückung und Respekt. Gatter umrunden die Ziegen mit stoischer Selbstverständlichkeit – oder tauchen einfach unter ihnen hindurch. Bleiben wir stehen, beginnen sie selbstvergessen an Blättern zu kauen. Versuchen wir uns davonzustehlen, sind sie innerhalb kürzester Zeit wieder da und bimmeln unverdrossen weiter.

Bahn frei für Schatzsucher!

Der Berg ist halb umrundet, als wir über die ersten Geröllauswürfe von weiter oben liegenden Stollen klettern. Noch mehr Erosionskegel und Schotterrinnen folgen. Und immer öfter leuchtet es türkis zwischen dem Steingrau. Schon vor tausenden von Jahren wurden hier um den Gratlspitz Kupfererze abgebaut, bis heute findet man Malachit, Azurit und weitere Mineralien. Nach kurzer Zeit sind alle Taschen mit leuchtenden Schätzen gefüllt.

Nachts in der Holzalm

Die Bimmel-Ziegen haben schon den Rückweg angetreten, als das Ziel der heutigen Etappe auftaucht, die Holzalm. Die alte Hütte macht ihrem Namen wirklich Ehre, sie ist komplett aus Holz gebaut. Draußen sitzen Wanderer mit Schorlen, Bier und Kaffee auf Bänken, ein Brunnen plätschert. Almidylle pur. Wir werden die letzten Übernachtungsgäste in diesem Jahr sein. Den Nachmittag vertrödeln wir in der überraschend warmen Herbstsonne, bewundern Enzian und die ferne Bergsilhouette: Die harmonische Komposition in verblassenden Graublau-Tönen hätte man kaum schöner malen können.

Abends serviert uns die junge Wirtin die Spezialität der Alm, die berühmten Wiener Schnitzel aus der großen Pfanne, knusprig über offenem Feuer gebrutzelt. Das haben nämlich auch schon die Oma, von der sie die Hütte in diesem Sommer übernommen hat, und die Uroma vor ihr so gemacht. Danach kriechen wir früh in die Betten. Wandern und die viele frische (Höhen-)Luft machen müde.

Tag 2: Die Gratlspitze bezwingen

Am nächsten Morgen wecken uns noch im Dunkeln zwei Wanderer, die mit Stirnlampen an der Hütte vorbeigehen. Auch wir nehmen gleich nach dem Frühstück die Gratlspitze in Angriff – mit 1893 Metern der höchste Gipfel hier. „Ihr habt bei diesem klaren Wetter einen super Ausblick in alle Richtungen“, verspricht die nette Wirtin. Erst durch Wald, in dem die Latschen in der Morgensonne zu duften beginnen, später über immer schrofferes Terrain geht es eineinhalb Stunden bergauf – ganz schön schweißtreibend!

Von der Bank unter dem Gipfelkreuz blicken wir schließlich hinab ins Alpbachtal: Da ist sie ja wieder, die weiße Kirche! Auf der anderen Bergseite liegen tief unten die Holzalm und weite Wiesen, dahinter erstreckt sich das Inntal mit der Autobahn, auf der die Fahrzeuge klein wie Ameisen entlangkriechen. Unzählige Berge vom Karwendelgebirge bis zu den Hohen Tauern sind zu sehen – insgesamt sollen von hier mehr als 800 Gipfel auszumachen sein. Und ganze 26 Kirchtürme. Wir zählen nur ein paar, dann haben wir eine Lust mehr und genießen lieber das Panorama.

Immer bergab bis zum Pinzgerhof

Um unzählige Fotos reicher, steigen wir den Berg wieder hinab. An der Holzalm stärken wir uns vor der zweiten Etappe der Wanderung mit einer großen Johannisbeerschorle. Fast nur bergab wird es heute gehen, über sattgrüne Almwiesen und durch würzigen Bergwald. Während die Kühe aus den höheren Lagen bereits ins Tal gebracht worden sind, muhen sie uns weiter unten bei der Silberbergalm noch von der Wiese entgegen. Vorbei an einer Felswand, an der zwei Sportler gut gesichert klettern, wandern wir hinab zum Pinzgerhof, der sich in grüne Wiesen mit Apfel- und Birnenbäumen schmiegt. Gleich nebenan grasen weitere, sehr zufrieden aussehende Kühe. Die Tochter guckt mindestens genauso glücklich, als sie sich wenig später auf der Sonnenterrasse mit Blick ins Inntal hausgebackenen Birnenkuchen schmecken lässt.

Tag 3: Hildegard-Garten und Almabtrieb in Reith

Bevor es am dritten Tag zurück nach Alpbach geht, machen wir noch einen Abstecher nach Reith. Vom Pinzgerhof geht es nochmal ziemlich bergab, erst auf einer Asphaltstraße, dann durch Wald. Nach einer halben Stunde sind wir da: Das Dorf überrascht uns nicht nur mit seinem wunderbarem Naturfreibad, einem See mitten im Zentrum (schade, dass es zum Schwimmen trotz der Sonne wirklich schon zu kalt ist…), sondern auch über eine weitere, ganz andere Wohlfühl-Oase: den Hildegard-Garten.

Am Ende einer Wohnstraße unweit des Dorfzentrums, gruppieren sich um den Springbrunnen „Quell des Lebens“ Beete mit Blumen und Kräutern, die der Lehre Hildegard von Bingens nach wohltuend und heilend auf den Körper wirken. Obwohl es bereits Anfang Oktober ist, gedeihen hier, gut geschützt, Salbei, Verbene und üppige Blumen in Rot, Gelb und Orange, angeordnet nach Anwendungsbereichen, etwa „Haut“, „Kopf“ oder „Magen“. Lange sitzen (was die Tochter angeht: liegen) wir auf einer Bank und lauschen einfach dem Plätschern des Wassers.

Ein immer lauter werdendes Bimmeln lockt uns zurück ins Zentrum. Keine Minute zu früh: Heute ist Almabtrieb und gerade laufen die letzten Kühe mit Blumen-Kopfschmuck durch Reith. Ein feierliches, traditionelles Ereignis, das die Wertschätzung der Tiere zeigt. Als die Kühe um die Ecke gebogen sind, machen wir uns auch auf den Weg und gehen die restlichen Kilometer zurück nach Alpbach.

Durch meist dichten Wald laufen wir zurück nach Alpbach, von wo aus wir vorgestern in die gleichsam sanfte wie schroffe Bergwelt gestartet sind. Familien- Fazit? Eine wirklich tolle Runde, sehr abwechslungsreich und trotz der scheinbar nur wenigen Wegekilometer nicht unanspruchsvoll. Die Höhenmeter machen es. Und die Bergluft, die sich uns Norddeutschen durchaus bemerkbar macht. Der Gratlspitz-Aufstieg zusätzlich war auf jeden Fall ein Highlight und ist, wenn immer möglich, ein echtes Muss auf der Tour. Toll war, dass wir uns dank des fertig ausgearbeiteten 3-Tage-Pakets mit den beiden Übernachtungen um nichts weiter kümmern mussten. Und last but not least fast das Beste: Auch die Tochter war richtig begeistert vom Wandern!

Informationen zur Wanderung:

Infos zur Region Alpbachtal Seenland gibt´s hier.

Die 3-Tages-Familientour ist mittelschwierig (Roter Bergweg) und insgesamt 18 Kilometer lang (1074 Höhenmeter bergauf, 1065 Höhenmeter bergab; die Besteigung der Gratlspitze kommt optional hinzu). Ab 127 € p.P., Kinder bekommen abhängig vom Alter eine Ermäßigung. Die beste Zeit für die Tour ist von Juni bis Mitte Oktober.

… und noch ein paar Tipps zum Alpbachtal:

Ein verstecktes Kleinod ist der Hildegard-Garten in Reith

Wer ausgefallene Marmeladen liebt, bekommt leckere Kreationen bei der Tiroler Marmeladenmanufaktur Floberry

Mehr zu Floberry und der holländischen Besitzerin Naomi gibt es in diesem Beitrag zu lesen.

Mit der Wiedersbergerhornbahn auf den 2128 Meter hohen Berg, Kinder können oben mit der Sommerrodelbahn zu fahren. Die Seilbahnen im Tal sind mit der Alpbachtal Seenland Card, die man bei einer Übernachtung automatisch erhält, während des Aufenthalts kostenlos.

Übernachten: Zehn Betten in vier einfachen, aber gemütlichen Zimmern mit Holzwänden bietet im Sommerhalbjahr die Holzalm. Und im familiengeführten Pinzgerhof haben wir sehr bequem übernachtet. Toll: Die Sonnenterrasse mit Blick ins Inntal und auf Reith.

Die Wanderung inklusive Verpflegung und Übernachtungen wurde von Alpbachtal Seenland Tourismus unterstützt. Ganz herzlichen Dank dafür!

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Seit ich denken kann, zieht es mich in die Natur. Und in den Norden. Das spezielle Licht im Sommer, der Duft der Wälder und die Weite des Fjälls... Als Journalistin und Buchautorin bin ich außerdem gern in Europa und in Niedersachsen unterwegs.

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