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Augsburg: Die sanften Engel vom Rathaus

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Langsam und anmutig schreiten sie aus dem Dunkeln des Rathauses nach draußen auf die Balkone und man könnte meinen, sie seien direkt vom Himmel hinunter geschwebt. Die majestätisch sich im Lichterglanz bewegenden Engel sind sich der Ehre ihrer Rolle bewusst – und seit über 42 Jahren fester Bestandteil der Augsburger Weihnachtszeit. Seit Ende der 1970er erscheinen sie jedes Jahr in den Fenstern des prächtigen Renaissance-Gebäudes hoch oben über dem erleuchteten Christkindlesmarkt im bayerischen Augsburg, sie musizieren zu bekannter Weihnachtsmusik von Georg Friedrich Händel. Die 23 Darsteller vermitteln den Zuschauern am Boden das Gefühl, als blickten sie auf ein lebendiges Gemälde. Ich habe die majestätische Truppe der Himmelsboten kürzlich besucht.

Michael Hochgemuth, Stadt Augsburg

Engelesspiel auf dem Christkindlesmarkt in Augsburg. Bild: Michael Hochgemuth

Lisa – die Harfe-Spielerin

„Weihnachten ohne unser Engelesspiel wäre für mich undenkbar“, erzählt mir Lisa Hillringhaus, der große, stolze Himmelsbote mit den sanften dunklen Rehaugen, während sie ihre Haare unter einem Stirnband zurecht legt, um die Barock-Perücke aufzusetzen. Schon seit 18 Jahren ist Lisa mit dabei und einfach sehr zufrieden, wenn sie die Kinder unten auf dem Markt glücklich machen kann. „Auch ich hab‘ mich als kleines Mädchen lange gefragt, ob die Engel echt seien – und mit sechs hab‘ ich dann eine süße Putte gespielt“, schmunzelt die mittlerweile 25-Jährige, die die Harfe spielt. Eine der anspruchsvolleren Rollen, da sie mit schweren Goldflügeln und Requisiten auf den Balkonen erscheinen. Und doch so anmutig und graziös wirken in schwindelnder Höhe.

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Die See als zweite Heimat

Die junge Augsburgerin tanzt schon seit Kindestagen an Ballett und spielt Querflöte – eine Erscheinung wie ein Engel eben. Und doch ist sie im realen Leben eine andere Richtung gegangen. Jedes Jahr Weihnachten kommt sie extra aus dem hohen Norden Deutschlands nach Hause ins bayerische Augsburg gefahren. Lisa ist bei der Bundeswehr – und fährt zur See. „Ich wollte schon immer Schiff fahren, wirklich etwas bewegen – und nicht den üblichen Bürojob machen“, erklärt die junge Marine-Soldatin. Jetzt trägt sie zur Küstensicherung bei und ist auch aktiv bei der Flüchtlingshilfe. Doch sie will eigentlich gar nicht so viel über ihren Job sprechen und erzählt lieber von alten Traditionen in ihrer Familie.

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Auch ihre vier Jahre jüngere Schwester ist eine himmlische Kollegin. Erst mit dem Engel-Dasein komme sie alljährlich erst so richtig in „weihnachtliche Stimmung“, erzählt Lisa weiter. Damit es unter den imposanten Seidenkleidern nicht zu kalt wird, tragen die Darsteller übrigens warme Thermounterwäsche und dicke Socken.

 

Erfahrene Schutzengel

Doch das Wichtigste wird noch angezogen und fest gegurtet, bevor es dann festlich wird: Etliche Sicherheitsgurte ziehen Lisa und die anderen an. Die Engel haben nämlich erfahrene Schutzengel: Mehrere Experten der Bergwacht kümmern sich bei jeder Vorstellung um die jungen Frauen und sichern sie entsprechend ab.

Mit Gurten, Seilen und Karabinern – unter den festlichen Gewändern. „Für die Musikanten, die am Balkon stehen, ist es schon nicht so einfach. Sie stehen wie am Felsabgrund und schauen senkrecht hinunter“, erläutert der „Chef-Engel“. Da brauchen sie viel Mut.

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Engel mit Ballett-Erfahrung gern gesehen

Juliana Kraus hat 2010 die künstlerische Leitung übernommen – natürlich selbst ewiger Engel. „Die meisten von uns kommen aus Augsburg und sind zwischen 4 und 40 Jahre alt.“ Die Älteren übernehmen die Rolle der Musizierenden und die Kinder stecken ihre kleinen Köpfe als putzige, barocke Putten mit weißen Federflügelchen aus den oberen Fenstern. „Oft waren schon die Mamas vor Jahren selbst Engel.“ Juliana packt kräftig mit an, auch ihre kleine Tochter spielt mit. Bis zur letzten Sekunde richtet sie die Kleider, bindet Haare zusammen, korrigiert Perücken. Und welche Voraussetzungen sollten die christlichen Darsteller mitbringen – außer schwindelfrei zu sein? „Ach sie sollten schon eine gewisse Haltung haben und die lernen sie meistens beim Ballett“, erklärt mir Juliana, die selbst eine Tanzausbildung hat. Himmelsboten wollen ja auch graziös aussehen und leicht wirken.

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Erfunden hat das Engelesspiel der ehemalige Tourismusdirektor von Augsburg Fritz Kleiber  – ein alter Theatermensch. Er wollte der monumentalen Renaissance-Kulisse des Rathauses ein neues Gesicht geben: So entstand der lebendige Adventskalender mit anfangs nur fünf Engeln. Allmählich wuchsen sie auf 23 Boten Gottes, wobei meist alle Rollen mehrfach besetzt sind, sodass es insgesamt sogar 75 sind. Am Vorabend vor Heiligabend kommt dann der 24. Engel im Bild dazu.

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Ein Moment voller Harmonie

Und dann stehen sie plötzlich in kompletter Renaissance-Montur vor mir. So Ehrfurcht gebietend mit einem sanften Engelslächeln auf den Lippen heben sie ihre glänzenden, bodenlangen Seidenkleider hoch und schreiten, auf den Rücken tragen sie goldene schwere Flügel. Ein wunderschöner sanfter Moment voller Ruhe, Harmonie und Frieden – wie sie aus der Dunkelheit des edlen Renaissance-Saales auf den erleuchteten Balkon hoch oben über dem Christkindlesmarkt hinaus schreiten. Einfach himmlisch.

„Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ (Lukas 2,10)

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Info

Während des Augsburger Christkindlesmarktes (noch bis 24. Dezember geöffnet) erscheinen die Engel immer freitags, samstags und sonntags um 18 Uhr (vom Montag vor dem 1. Advent, zur Eröffnung des Marktes, bis einschließlich 23. Dezember) in den Rathaus-Fenstern für zehn Minuten. Mitten im weihnachtlichen Treiben von Augsburg. Eine friedvolle Zeit zum kurzen Durchatmen, Lauschen und Genießen während der oft stressigen Vorweihnachtszeit.

Bei der Reise wurde ich von Bayerisch-Schwaben und Augsburg Tourismus unterstützt. Wer noch ein weihnachtliches Thema zu Krippen im Landkreis Günzburg in Bayerisch-Schwaben bei uns lesen möchte, gerne hier.

2 Kommentare

  1. Avatar

    Toll, da würde sich die Strecke dorthin zu fahren wirklich lohnen, muss ich mir für nächstes Jahr merken!
    Vielen Dank für diesen tollen Bericht! 🙂

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