Eine Katastrophe und Naturschauspiel zugleich: Drei Monate hielt der Vulkanausbruch die Kanaren-Insel La Palma in Atem, zerstörte mehr als tausend Wohnhäuser und wird jetzt zum neuen Besuchermagnet. Auch ich konnte mich der Faszination dieser Naturgewalt nicht entziehen…
Er spuckt nicht mehr. Aber er qualmt noch ein bisschen. Tajogaite heißt neue Krater der Vulkankette Cumbre Vieja. Sein Lavastrom wälzte sich etwas über drei Kilometer breit durch das Aridane-Tal auf der Westseite der Insel. Es ist die sonnenreichste Gegend La Palmas.
Viele Bananenplantagen, Avocado-Anbau und Orangen gibt es in dem breiten, sanft zum Meer hin abfallenden Tal. Genau hier fraß sich die Lava hindurch und begrub die Häuser unter sich, rund 7.000 Menschen verloren ihr Zuhause.
Felsbrocken und Zerstörung
Die Wucht der Zerstörung ist noch immer sichtbar am Ende von Los Llanos, der größten Stadt im Aridane-Tal. Wo früher eine Kreuzung war, sind die Straßen abgeschnitten. Da liegt ein dicker Felsbrocken im Fenster der ehemaligen Sparkasse, Dächer sind eingedrückt. Erst vor kurzem haben sich die Bagger von zwei Seiten durchgegraben, um die Straßenverbindung zum Nachbarort Las Norias wieder herzustellen. Und die Straße ist erst mal nur für Allradautos befahrbar.
Über dem Aridane-Tal thront die Bar von Juan Carlos Baños Lozano. Von hier aus kann man die Spur des erstarrten Lavastroms verfolgen, eine schwarze Zunge in der grünen Landschaft, hin und wieder steht da noch ein übrig gebliebenes Haus, und man erkennt Überreste von Bananenplantagen. Am Ende legt sich die schwarze Masse wie ein Teppich über eine Felsenklippe ins Meer.
„Was für eine Katastrophe!“, berichtet Juan Carlos Baños Lozano. „Meine Gäste schauten auf den Lavastrom und manch einer rief entsetzt: „Da verschwindet gerade mein Haus!“ Später kamen viele Schaulustige und die Medien, seine Bar war immer rappelvoll.
La Bestia
Der neue Krater des neuen Vulkans Tajogaite wird von einigen Palmeros einfach „La Bestia“, die Bestie, genannt. Die Eruption zerstörte und schluckte auch Hotels und Ferienwohnungen. Ein harter Schlag für die Insel, die auf den Tourismus angewiesen ist. Doch nicht nur die Zerstörung ist ein Problem, sondern giftige Gase, die noch immer in der Luft gemessen werden. Alles ist noch geschlossen im Touristenort Puerto Naos am verwaisten schwarzen Strand, bestückt mit Kokospalmen.
Dennoch, allmählich kommen die Gäste wieder – auch, um die neue Vulkanattraktion zu sehen. Eine kurze Wandertour führt nahe heran an den Krater. Wir laufen durch die schwarze Asche-Landschaft, fein und weich wie Schnee fühlt sich der Untergrund an. Holzpfähle markieren die Höhe der Ascheschicht, und je näher wir dem neuen Vulkankrater kommen, desto tiefer versinken die Pfähle. Ein bizarres Bild: Schwarze, bucklige Hänge, die an Skipisten erinnern, hier und da stehen hohe kanarische Kiefern mit gelben bis bräunlichen Nadeln. Sie sind ziemlich feuerresistent, die Wurzeln besitzen eine extra Schutz-Schicht, erklärt uns der Guide.
Junges Grün und Schwefelgeruch
Die meisten Bäume erholen sich wieder, so heißt es, und tatsächlich, mancherorts sprießt es schon grün, wir sehen sogar einen Feigenbaum. Und so nähern wir uns dem Krater, ein grünlicher Überzug bedeckt seine Hänge: Schwefel. Er raucht zaghaft, Dämpfe steigen auf. Es riecht ein bisschen nach faulen Eiern.
La Palma ist mit dem neuen Vulkan um eine Attraktion reicher, dabei bietet die Kanareninsel ohnehin schon viel an Natur- und Wander-Erlebnissen. Vom höchsten Punkt der Insel, dem Roque de los Muchachos in 2.426 Metern Höhe hat man spektakuläre Ausblicke über die Caldera de Taburiente, ein Riesen-Krater mit neun Kilometern Durchmesser, der wie ein großes Loch in der Inselmitte liegt. Über den Wolken schwebt man hier, dicht am Abgrund recken sich lila Natternköpfe in die Höhe, begehrtes Anflugziel von Bienen und Schmetterlingen.
Hot Spot für Sternengucker
Die Sterne sind zum Greifen nahe, ja, und der Nachthimmel von La Palma ist so klar und ohne Lichtverschmutzung wie an nur wenigen Orten dieser Welt. Und so staunen wir am Roque de los Muchachos nicht schlecht, denn es blitzen und glitzern weiße sowie metallene Kuppeln in der Sonne. Zum Observatorium gehören über zwanzig Teleskope, ein internationales Team von Astro-Wissenschaftlern erforscht hier den Weltraum. Am auffälligsten in dieser Ansammlung sind die gigantischen Spiegel zweier Magic-Teleskope, wie zwei riesige Augen ragen sie in den Himmel und fangen kosmische Gammastrahlen ein. La Palma zählt – auf Augenhöhe mit Hawaii und der Atacama -Wüste – zu den weltbesten Plätzen in Sachen Sternenbeobachtung.
Und so schmückt sich die Insel mit der UNESCO-Auszeichnung „Starlight Reserve“. Bereits 1988 beschloss man Maßnahmen gegen die Lichtverschmutzung. Nachts beleuchtet gelbes, nach unten strahlendes Licht die Straßen, Flugzeuge dürfen die Insel nicht überfliegen, sie müssen drum herum steuern, und ab 21 Uhr herrscht gar kein Flugbetrieb mehr. Industrieansiedlungen werden ab einer Höhe von tausend Metern nicht genehmigt. Allerdings gibt es auf La Palma sowieso keine nennenswerte Industrie. Die meisten Palmeros leben von der Landwirtschaft – und vom Tourismus.
Infos zu La Palma
Observatorium und Besucherzentrum am Roque de los Muchachos, mit Führungen und Sterne gucken gibt es hier oder hier.
Nur geführte Touren sind im Vulkangebiet möglich, buchbar etwa bei diesem Anbieter.
Gut und aktualisiert über die Insel geführt hat mich der Reiseführer La Palma aus dem Reise-Know-How-Verlag, der Band beschreibt auch 20 Wandertouren und kostet 19,90 Euro.
Ein herzliches Dankeschön für die Einladung an Turespaña Frankfurt und Turismo de la Palma/Cabildo Insular de La Palma.
Mehr Kanaren? Wir hätten Fuerteventura, La Gomera und noch mehr Vulkanwandern auf Teneriffa.