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Im Wildkatzen-Urwald: Unterwegs auf dem Saar-Hunsrück-Steig

Wenn sich der Nationalpark Hunsrück-Hochwald bei Nieselregen in einen mystisch-nebeligen Ort verwandelt, ist Herbstwandern besonders schön: Zwei Tage im Oktober auf dem Saar-Hunsrück-Steig.Kaum hörbar tropft Regen von den Bäumen. Der Waldboden hat sich vollgesogen mit Nässe und federt weich bei jedem Schritt. Und dann das nasse, frisch gefallene Laub! Das duftet so würzig, wie… ja, wie eben nur ein nasser Wald riechen kann und sonst nichts auf der Welt. Nebel hat sich schwer zwischen die Buchen gelegt, schluckt fast jedes Geräusch. Eine ganz besondere Stille, fast schon Dumpfheit liegt über dem Wald. Und obwohl die Sonne nicht scheint, bringt das indirekte Licht doch zwischendurch immer wieder das herbstlich gelbe Laub aufs Schönste zum Leuchten.

Mit dem Ranger durch den Park

„Herzlich willkommen im Nationalpark, wir gehen heute auf Zeitreise“, begrüßt Patric Heintz die Wandergruppe, die sich heute die gut 20 Kilometer lange Etappe 10 des Saar-Hunsrück-Steigs vorgenommen hat. Wie es sich gehört, hat der Ranger einen Hut auf dem Kopf und ist in eine derbe Nationalpark-Jacke gekleidet. „Es geht in den Wald von gestern und den Buchenurwald von morgen“, sagt er geheimnisvoll.

Wir schauen uns um. Die Gruppe steht im Buchen-Mischwald bei Börfink. Diese Art Wald erscheint uns in Deutschland so normal, tatsächlich kommt er aber nur in Mitteleuropa vor, und auch da nicht flächendeckend, erklärt Patrick und zeigt auf einer Weltkarte das natürliche Verbreitungsgebiet. Die rot gefärbten Gebiete mit Buchenwald sind wirklich verschwindend gering neben riesigen Kontinenten wie Asien und Afrika. Aber Deutschland ist komplett rot, also schon fast so etwas wie das Zentrum des Buchenwaldes. Zum Mittelmeerraum und in Dänemark hingegen: viel Weiß auf der Karte… hier ist´s schon wieder vorbei mit den Buchen.

Geschützter Wald im Reservat

Natürliche Dynamik im Entwicklungsnationalpark

„Die Fichten, die ihr hinter euch seht, gehören jedenfalls hier nicht hin“, erklärt Patric weiter und deutet hinter sich auf eine Gruppe großer Nadelbäume. „Die haben Generationen vor uns als Nutzholz gepflanzt. Denn sie wachsen schnell. Damals wusste man es nicht anders und brachte den Hochgebirgsbaum auch in tiefere Lagen“ – gut zu sehen ist das etwa bis heute etwa auch im Harz, da machen die Monokulturen große Probleme und der Borkenkäfer befällt massenweise die von der Trockenheit der letzten Sommer geschwächten Bäume. In einem „Entwicklungsnationalpark“ wie hier im Hunsrück überlässt man nun den Wald Schritt für Schritt wieder sich selbst.

Wir laufen los, im Gänsemarsch (der Weg ist angenehm schmal, der Untergrund weich). Der Saar-Hunsrück-Steig, Etappe 10 steht auf dem Programm. Die Etappe ist knapp 24 Kilometer lang und geht über 533 Höhenmeter. Auf dem Weg liegt auch der höchste Berg von Rheinland-Pfalz, der Erbeskopf (816 m). Und wo wir gerade bei den Fakten sind: Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald liegt im Nordosten von Rheinland-Pfalz und hat, auf der Karte betrachtet, die eher ungewöhnliche Form einer E-Gitarre (sonst sind Nationalparks meist kompakt und nicht so langgestreckt). Er ist 10 000 Hektar groß und erstreckt sich auf den Hochlagen des Hunsrücks.

Stippvisite im Moor

Wind kommt auf, treibt gelbe Buchenblätter wie XL-Konfetti vor sich her durch die Luft. Sie drehen sich übermütig und kommen schließlich auf Moos und einer dicken Schicht braunem Laub zur Ruhe. Es geht stetig bergauf und vorne öffnet sich jetzt der Wald zu einer großen Lichtung – oder was ist das dort vorne sonst?

Moorlandschaft am Hang

Braun-gelb liegt ein nahezu baumfreier Hang vor uns. Es ist das Ochsenmoor, ein sogenanntes Hangmoor, dessen Pflanzen sich auch gerade herbstlich verfärben. Einzelne Birken stehen auf der sonst offenen Fläche, Farn umrandet sie. Moore gab es früher großflächiger an vielen Stellen im Hunsrück, Ortsnamen wie Morbach, Birkenfeld und Bruchweiler erinnern dran. Um auch hier Fichtenholz ernten zu können, entwässerte man die Moore einst, denn Fichten wachsen nicht im Nassen.

Heute sollen die noch vorhandenen Moore wiedervernässt und –belebt werden. Denn sie bieten nicht nur sehr speziell angepassten Tieren und Pflanzen wie Torfmoosen, Sonnentau oder der Moosbeere Lebensraum, sondern speichern auch viel Wasser, das dann auch dem umgebenden Wald zur Verfügung steht. Und Kohlendioxid in Form von unverrotteten Pflanzenfasern – in Zeiten des immer deutlicher spürbaren Klimawandels ist es daher wichtiger denn je, die letzten Moore zu erhalten. Ein Bohlenweg führt über den Hang durchs Moor, eine kurze Stippvisite nur, dann taucht der Weg wieder in den darüber liegenden Buchenwald ein.

Lebendiges Totholz

Noch immer tropft es von den Bäumen, weiterhin hüllt der Wald sich hartnäckig in Nebel. Wie mit Weichzeichner aufgenommen wirken die Bäume, wie sie sich im Grau verlieren, ihre Silhouetten fern verwischen. Moos bedeckt umgefallene Bäume mit einem flauschigen Teppich, leuchtet unwirklich grün im Nebel. Die Phantasie lässt verwunschene Sagentiere aus dem Boden wachsen und pelzige Gnome vorbeihuschen.

Immer wieder liegen Gruppen von Baumstämmen herum, wie wahllos hingeworfen. Und genau so ist es auch: Fallen Äste oder ein ganzer Baum um, aus Alterschwäche oder bei einem Sturm, bleiben sie dort. Totholz darf, ja soll sogar liegenbleiben im Nationalpark. Denn es ist keineswegs tot. Sondern Lebensraum für Flechten, Moose, Pilze, Insekten, Spinnen, Schnecken und kleine Tiere wie Salamander oder Schlangen – unter anderem. Eigentlich gibt es sogar kaum etwas Lebendigeres als Totholz im Wald. Wissenschaftliche Untersuchungen (etwa des WWF) haben herausgefunden, dass rund 80 Prozent der Biodiversität vom Wald abhängt – von Urwald selbstredend, nicht von in Reih und Glied gepflanzte Fichtenäckern… Es ist ein ewiger, faszinierender Kreislauf: Pilze zersetzen das Holz, lassen es zerbröseln und machen schließlich wieder fruchtbaren Boden daraus. Der Wald düngt und verjüngt sich selbst: In den kleinen Lichtungen, die die umgefallenen Bäume geschlagen haben, wachsen neue nach.

Wald und Wasser

Wir stapfen weiter durch nasses Laub. Bald ist die Siegfrieds Quelle erreicht, die ihren Namen aus der Nibelungensage hat – möglicherweise war der Hunsrück ja Schauplatz der Sage? „Wald und Wasser sind unsere Themen im Nationalpark Hunsrück-Hochwald“, macht Ranger Patric deutlich. Wenige Gehminuten später zeigt er uns einen der drei in Vorbereitung befindlichen Trekkingplätze, die ab dem kommenden Frühling Fernwanderern zum autarken Übernachten im Schutzgebiet zur Verfügung stehen sollen.

Wildkatzen und andere Tiere

Sie lebt hier in besonders großer Zahl und ist sogar das Wappentier des Nationalparks: Die Wildkatze fühlt sich ganz offensichtlich wohl in dem sich selbst überlassenen Urwald in spe. Eine aktuelle Zählung mit 60 Wildkameras hat im Sommer 2019 knapp hundert Tiere gezählt – der Nationalpark Hunsrück-Hochwald ist also ein echter Wildkatzen Hot-Spot. Natürliche Feinde hat die Katze mit dem buschigen, markant geringelten Schwanz nicht, deshalb scheint sich die einst fast ausgerottete Art fern der Zivilisation wieder gut zu erholen. Und so ist die Wildkatze als „Keltenkatze“ auch auf dem Nationalpark-Logo abgebildet.

Vor allem der Straßenverkehr, viel befahrene Bahnstrecken, Nutzholz-Forsten sowie ausgeräumte Landschaften mit industrieller Landwirtschaft haben der Katze – wie vielen anderen Wildtieren auch – in der Vergangenheit ihren Lebensraum genommen. Bejagt wurde sie obendrein.

Der Nationalpark ist außerdem nicht nur Heimat des gefährdeten Schwarzstorchs und Schwarzspechts, sondern auch von 16 Fledermaus-, 1400 Käfer- und 1500 Pilzarten. Zumindest von denen werden wir im Laufe der Wanderung so einige sehen. Die scheue Wildkatze bekommen wir natürlich nicht zu Gesicht, auch kein Reh, Rothirsch oder Wildschwein. Eine kleine Maus zeigt sich später im Laub, immerhin. Wo Katzen leben, sind auch Mäuse.

Auf den Erbeskopf

Stetig weiter bergauf geht es, meist sanft, manchmal kurze Strecken etwas steiler. Schließlich ist es geschafft und der Erbeskopf, der mit 816 Metern höchste Berg und das einzige Skigebiet in Rheinland-Pfalz erreicht.

Im Urwald von morgen

Bei guter Sicht blickt man hier weit ins Land, manchmal sogar bis in die Eifel. Wir heute nicht. Im Gegenteil, der Nebel zieht in dicken, kalten Schwaden vorbei. Also sparen wir uns den hölzernen Aussichtsturm und gehen weiter, den Hang auf der anderen Seite wieder hinab. Dabei passieren wir die große, begehbare Windklangskulptur, bevor nach wenigen Minuten das Hunsrückhaus erreicht ist. Zeit für einen Kaffee und die Ausstellung zum Nationalpark anzuschauen, bevor der Weg immer weiter bergab führt. Der Saar-Hunsrück-Steig und seine kleinen Tagesetappen-Schwestern, die Traumschleifen, sind dabei so zuverlässig markiert, dass man schon schlafwandeln müsste, um sich zu verlaufen.

Gut markierte Wege machen das Verlaufen fast unmöglich

Die federnden Waldpfade weichen bald geraden Forstwegen, auf denen es zwar schneller, aber auch langweiliger voran geht. Immerhin leuchten rechts und links des Weges weiterhin die Blätter um die Wette, spiegeln sich die Bäume in kleinen Teichen. Nach weiteren Kilometern Forstweg laufen wir unter dem Viadukt der Hunsrückbahn aus rotem Stein hindurch, eine der höchsten eingeschossigen Eisenbahnbrücken Deutschlands, bevor nach rund 24 Kilometern die Tagesetappe in Morbach endet.

Von der Wildenburg nach Herborn

Es tröpfelt auch am nächsten Tag. Heute erwartet Ranger Oliver Groß die Wandergruppe an der Wildenburg, einer gut erhaltenen Mittelalter-Burg aus grauem Stein mit rundem Bergfried. Von hier verläuft die Etappe 12 des Saar-Hunsrück-Steigs über verwunschene Pfade durch dichten Buchen-Mischwald bis nach Idar-Oberstein. Der Untergrund ist weich, manchmal aber auch steinig und durch das regennasse Laub rutschig. Oliver zeigt uns einen alten Grenzstein, der die Gebiete markierte, die früher auf der einen Seite dem katholischen, auf der anderen dem evangelischen, preußischen Einfluss unterlagen. Bis heute sind die Bewohner auf der einen Seite Katholiken, auf der anderen Protestanten. Hier liegt viel mit Moos bewachsenes Totholz, ganze Kolonien von Pilzen wachsen auf alten Baumstümpfen. Es ist aber auch weltbestes Pilzwetter jetzt Mitte Oktober, nass und dabei erstaunlich mild.

Blockschutthalden im Mörschieder Burr

Immer mehr Steine liegen rechts und links des Weges. Es ist Quarzit, erzählt Oliver, das typische hier vorkommende Gestein. Wenig später haben wir das Mörschieder Burr erreicht, ein Naturschutzgebiet mit großen Blockschutthalden. Genau so eine durchqueren wir jetzt. Links des Weges scheinen die großen Brocken bis in den Himmel zu reichen, massiv und grau, nur unterbrochen von wenigen mit Flechten bewachsenen, krüppeligen Bäumen.

Mordor lässt grüßen – als schroffe Filmkulisse würden die Blocksteinfelder sicher taugen, vor allem in dem milchigen Zwielicht heute. Rechts des teilweise mit einem Geländer gesicherten Weges scheint das Geröll den Berg hinabzufließen. Ein beeindruckender, schroffer Ort, den wir bald hinter uns lassen. Sobald uns wieder Wald umgibt, wird die Landschaft flacher. Mehr Nadelbäume wachsen hier. Und wieder Pilze. Unmengen von Pilzen. Pilze in allen erdenklichen Farben und Formen: Goldgelbe Koralle, Baumpilze, Steinpilze, Maronen, Pfifferlinge und viele mehr. Fliegenpilze leuchten rot im braunen Laub, stehen in kleinen Gruppen wie eine Familie, die Kinder in verschiedenen Größen unter den Schirmen der Großen. Wir verlieren uns fast im Pilze-Fotografieren, dauernd tauchen noch außergewöhnlichere auf. Ein würdiger Abschluss für eine so eindrückliche Herbstwanderung.

Informationen zum Gebiet und den Touren

Mehr Infos zu den Aktivitäten in der Region und zum Wandern gibt’s bei den Gastlandschaften Rheinland-Pfalz.

Premium-Wandern in der Nationalparkregion Hunsrück-Hochwald: Der Fernwanderweg Saar-Hunsrück-Steig ist insgesamt 410 Kilometer lang, 111 unverlaufbare, also bestens ausgeschilderte Traumschleifen ergänzen ihn als Tagestouren. Ganz neu eröffnet der Streckenwanderweg Nahesteig entlang der Nahe mit ihren Felshängen.

Führungen mit Ranger: Unter der Woche starten täglich um 14 Uhr von verschiedenen Stellen Touren mit Rangern. Die erklären Familien und Einzelbesuchern ohne Anmeldung die Natur.

Wochenendtouren durch den Nationalpark: Wenn ihr Lust habt, mehr über die Natur, die Tiere und Pflanzen im Nationalpark Hunsrück-Hochwald zu erfahren, nehmt euch einen Samstag- oder Sonntagnachmittag lang Zeit. Dann starten z.B. an der Wildenburg oder am Ringwall Themenführungen mit einem zertifizierten Nationalparkführer. Schwerpunkte sind etwa das Moor, die Schutthalden oder die Brunft. Die meisten Touren dauern 2-4 Stunden und sind nur wenige Kilometer lang. Kosten: 10 € pro Person (Kinder bis 14 Jahre frei). Alle Themen und Termine findet ihr hier.

Keltischer Ringwall Otzenhausen: Der Keltenpark Otzenhausen bei Nonnweiler lädt ein, mehr über die Kelten und ihr Leben zu erfahren. Ganz in der Nähe verläuft der  keltische Ringwall. Beeindruckend, nicht verpassen!

Das Nationalparkhaus mit dem Nationalpark-Symbol

Hunsrückhaus: Im Hunsrückhaus beim Erbeskopf wartet nicht nur eine warme Suppe oder ein kaltes Getränk auf den Wanderer, sondern im Obergeschoss auch eine gut gemachte interaktive Ausstellung zur Natur in der Region.

Auf dem Wildkatzen-Erlebnispfad in Weiskirchen im Saarland erfahrt ihr mehr über den scheuen Waldbewohner.

Übernachten und lecker essen: In modernen, angenehm nordisch reduzierten Zimmern schlafen und modern regional essen könnt ihr im Hotel 2tHeimat in Morbach. Paul Armbruster hat das Hotel komplett renoviert, sein Bruder und Koch Simon früher in der Sterne-Küche gearbeitet. Merkt man. EZ ab 65 €, DZ ab 110 €.

Einen Einblick in die Wanderregion im Nationalpark Hunsrück-Hochwald und Umgebung habe ich auf Einladung und mit Unterstützung der Gastlandschaften Rheinland-Pfalz beim 5. Bloggerwandern bekommen.

… mehr Lust auf Wandern? Wie wärs im Elbsandsteingebirge, im Tiroler Alpbachtal oder im Harz?

3 Kommentare

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    Eine sehr schöne Wanderung, die du mit richtig tollen und aussagekräftigen Fotos dokumentiert hast. Höhepunkt wäre es noch gewesen, wenn du eine Wildkatze hättest fotografieren können . Ein Unterfangen das ich mit fachkundiger Führung schon zwei mal versucht habe . Leider immer erfolglos . So blieben mir am Ende nur Fotos von dieser Katze in einer Auffangstation . Hier werden verletzte und Findelkinder dieser Tiere aufgezogen und wieder ausgewildert. Es ist halt ein sehr scheues Tier, diese Wildkatze .Toller Beitrag👍👍👍

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      Hallo Werner, danke! Eine Wildkatze zu sehen wäre toll gewesen, aber wie du sagst, dann wäre es wohl ein verletztes Tier gewesen. Die wilden sind zu schlau und scheu. Aber auch ohne Katze waren es zwei sehr schöne Tage im Herbstwald – viel schöner und stimmungsvoller als bei strahlendem Sonnenschein, wer hätte das anfangs gedacht… LG Anke

  2. Pingback: Im Auge des Kaleidoskops - Saar-Hunsrück-Steig | Audrey im Wanderland

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